Einkaufszentrum mit Gleisanschluss: Krakaus neuer Bahnhof

Krakau: Alter Hauptbahnhof Krakow Glowny. Foto: Jens Hansel

Der alte Hauptbahnhof Krakaus

(Krakau, HZ) Die Eingänge fest verschlossen – die Fenster mit großen gelben Schildern verrammelt: Wo jahrelang Menschen ein- und ausgegangen sind, herrscht jetzt Leere. Tauben nehmen langsam vom gelb getünchten Gebäude Besitz. Noch thront oben auf dem Gebäude die blaue Neonreklame PKP Kraków Głowny. Der realsozialistische Vorgänger der Digitaluhr – die für den einstigen Ostblock so markante Uhr aus aneinandergereihten 100 Watt-Glühbirnen – zeigt hingegen nichts mehr an: Die Zeit ist für den alten Krakauer Hauptbahnhof (Kraków Główny) vor wenigen Tagen endgültig abgelaufen.  Jetzt ist die Bahnhofshalle der südpolnischen Stadt komplett umgezogen – in den Untergrund des modernen Einkaufszentrums „Galeria Krakowska“.

Lange Wege über Treppen und Tunnel

Krakau: Alter Hauptbahnhof Krakow Glowny. Foto: Jens Hansel

Schön: Das alte Gebäude des Bahnhofs

Vorbei sind damit die Zeiten, als die Kassenhalle aus dem 19.  Jahrhundert mit ihren Wartesälen, ihrer Gepäckaufbewahrung und ihrem WARS-Restaurant noch weit entfernt von den Zügen war und die Passagiere nach ihrem Fahrkartenkauf lange Wege zu ihrem Zug zurücklegen mussten, zu dem sie häufig mangels Zeit hasteten und dabei stets mühselig mit ihrem Gepäck über Treppen und Tunnel und erneut Treppen auf die Gleise gelangen mussten. Rolltreppen und Fahrstühle: Fehlanzeige.

Jetzt ist vieles einfacher: Zu den fünf Fernbahn-Gleisen der Kulturstadt unterhalb der „Galeria Krakowska“ führen 28 neue Aufgänge mit zehn Fahrstühlen und 15 Rolltreppen, die die täglich über 60.000 Passagiere nutzen können. Während die Bahnsteige schon vor etlichen Jahren versetzt wurden, verzögerte sich der Bau einer neuen Bahnhofshalle in Krakau immer wieder.

„Galeria Krakowska Hauptbahnhof“

Krakau: Galeria Krakowska, der neue Hauptbahnhof. Foto: Jens Hansel

Einkaufszentrum mit Gleisanschluss

40 Jahre hat es gedauert, bis aus den ersten Planer-Projekten nun Wirklichkeit geworden ist: Ein moderner Verkehrsknotenpunkt, der die Eisenbahn, den Fernbus-Bahnhof und – über eine neue Schnell-Straßenbahn – den Nahverkehr miteinander verbindet. Dazu Parkplätze oberhalb der Gleise – und eine Shoppingmall der ungeahnten Möglichkeiten.

Das von der deutschen ECE-Gruppe betriebene Einkaufszentrum – kennt man eins, kennt man alle – dominiert jedoch so sehr, dass der Übergang vom Konsum zum Bahnhof kaum zwischen den üblichen Douglas-, Deichmann-, Empik- und H&M-Klonen zu bemerken ist. Was auch nicht verwundert, weil der Bahnhofsbetreiber, die polnische PKP, selbst stolz auf 3.500 m2 Ladenfläche in 50 Geschäften ist. So ist aus dem Krakauer Bahnhof eigentlich ein Einkaufszentrum mit Bahnanschluss geworden: Galeria Krakowska Głowny. Und Biedronka, Polens weitverbreitetste Discounterkette, mietet natürlich auch ein Ladenlokal.

Krakaus alter und neuer Hauptbahnhof. Foto: Jens Hansel

Im Vergleich: Alter und neuer Hauptbahnhof

Der Betreiber PKP rühmt sich, als erster Bahnhof Polens vollständig unterirdisch unter die Gleise und Bahnsteige verlegt worden zu sein. Nonchalant übergehen die Verantwortlichen dabei die Tatsache, dass der Warschauer Zentralbahnhof in den 1970er Jahren als erster Bahnhof Polens unter die Erde verlegt wurde – jedoch umgekehrt: Bahnhofshalle und Kassen oberirdisch, Gleise unter der Erde. Erbaut wurde dieser übrigens in nur drei Jahren. 1972 begonnen und zum Besuch Leonid Breschnews beim Parteitag der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei 1975 eröffnet – allerdings aus Zeitnot mit Mängeln. Manche Warschauer behaupten, dass einige dieser Mängel bis heute nicht behoben sind, trotz „Lifting“ zur Fußball-Europameisterschaft 2012. Da könnte etwas dran sein: Tatsächlich kennt der Autor dieses Beitrags z.B. die Warschauer Bahnhofs-Rolltreppen auch eher im stehenden als im rollenden Zustand. Um den Plan für den Abriss und Neubau des Warschauer Zentralbahnhofs, wie er noch vor wenigen Jahren geplant wurde, ist es jedoch inzwischen still geworden.

Unklare Zukunft für den alten Bahnhof

Krakaus neuer Hauptbahnhof: Die Galeria Krakowska. Foto: Jens Hansel

Zum Bahnhof? Hierhin.

Was in Krakau mit der nun ungenutzten Bahnhofshalle aus dem 19. Jahrhundert passieren soll, ist unklar. Nachdem die Idee eines Museums für moderne Kunst im stillgelegten Bahnhof mittlerweile an einem anderen Ort, in den Hallen der früheren Fabrik von Oskar Schindler in Krakau, realisiert wurde, steht nun die Einrichtung eines Kinos oder der Ausbau als Büros zur Debatte.

Zum Glück ist das Gebäude denkmalgeschützt: So erinnert es daran, dass man im 19. Jahrhundert Bahnhöfe mit Reisebedarf baute. Heute hingegen entstehen Einkaufsmalls mit Gleisbedarf. Immerhin: Man kann so schnell der Glitzerwelt des Shoppings entkommen – vorausgesetzt, man findet in den Katakomben des Konsums zum wartenden Zug.

 

 

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  1. Martin Bitter
    • Hartmut

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