Euro 2012: Ausbau der polnischen Verkehrsinfrastruktur

Bereits im Febr. 2012 war das neue Flughafen-Terminal in Gdańsk fast fertig. Photo: Polen.pl (BD)

Bereits im Febr. 2012 war das neue Flughafen-Terminal in Gdańsk fast fertig. Foto: Polen.pl (BD)

(Bottmingen, HF) In wenigen Wochen wird in Polen und der Ukraine die Fußball-Europameisterschaft Euro 2012 ausgetragen. In Polen findet sie in Gdańsk (Danzig), Wrocław (Breslau), Warszawa (Warschau) und Poznań (Posen) statt. Zu diesem internationalen Sportanlass werden bis zu 1.4 Millionen Besucher erwartet. Die Fans werden schätzungsweise zu zwei Dritteln mit dem Flugzeug und zu rund je einem Sechstel mit der Bahn oder dem Auto anreisen. Zur Beförderung der Fans reicht das bisher vorhandene Verkehrssystem Polens nicht aus. Zusätzliche Kapazitäten der Straße, Schiene und der Flughäfen sollten daher mit den bereits seit längerer Zeit laufenden Ausbauprogrammen geschaffen werden. Obwohl viele der sehr hoch gesteckten Ziele noch nicht erreicht sind, stellte der polnische Verkehrsminister Nowak am Mittwoch letzter Woche fest, dass sein Land organisatorisch für die Durchführung der Euro 2012 bereit sei.

Euro 2012 als Chance

Internationale Sportanlässe wie die Euro 2012 ermöglichen es, den bereits beabsichtigten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur unter hohem Zeitdruck schneller als gewöhnlich und gezielt auf die Bedürfnisse des Anlasses ausgerichtet durchzuführen. Polen hat diese große Chance genutzt und ist dabei, in rekordverdächtiger Zeit ein Autobahn- und Expressstraßensystem zu schaffen, die nationale und regionale  Flughafeninfrastruktur massiv auszubauen und das Eisenbahnsystem zu modernisieren und weiterzuentwickeln.

Europa unterstützt Investitionsprogramme

Bereits vor dem Betritt zur Europäischen Union unterstützte die EU finanziell den Infrastrukturausbau Polens. Die Mittel flossen aus den EU-Restrukturierungsprogrammen PHARE bzw. IPA. Gegenwärtig werden die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur im bisher größten EU-Operationsprogramm „Infrastruktur und Umwelt“, das noch bis zum nächsten Jahr läuft, mit einem Gesamtbudget von 37.5 Mrd. Euro mitfinanziert. Der Hauptteil der Investitionsmittel stammt jedoch aus dem polnischen Staatshaushalt. Gemischte Finanzierungen haben so beispielsweise der Schnellstraßenausbau mit dem „Bauprogramm Landesstraßen 2011-2015“ (Program Budowy Dróg Krajowych) oder das Modernisierungsprogramm Bahnhöfe „Robi się„.

Polen mit Euro 2012 attraktiver

Mit der Koordination der Euro-Vorbereitungsarbeiten wurde vom Minister für Sport und Touristik die Gesellschaft PL.2012 beauftragt. Diese koordiniert die Arbeiten von mehr als 170 Unternehmen und Institutionen. Denn bei der Euro 2012 handelt es sich um ein Event von einer Größenordnung, die in Polen nicht alltäglich, vielleicht sogar einmalig ist. Die bei der Durchführung der Euro gewonnenen Erfahrungen, die Optimierung der Prozesse beim Bau von großen Infrastrukturen, die durch verbesserte Erreichbarkeit erhöhte Produktivität der Wirtschaft, verbunden mit einer größeren Öffnung von Institutionen und Bürgern der Welt gegenüber wird die Attraktivität Polens noch weiter steigern.

Hochgesteckte Ziele nicht ganz erreicht

Daher sind die kritischen Stimmen, die beispielsweise die mehrmonatigen Verspätungen bei der Fertigstellung der Autobahnen scharf kritisieren, in Anbetracht der Größe und Bedeutung der Aufgabe zu relativieren. Als Teil des Landesstraßennetzes soll die Gesamtlänge der Expressstraßen- und Autobahnen künftig rund 7300 km betragen, davon etwa 2000 km Autobahn. Gegenwärtig stehen bereits 1100 km neu gebaute Autobahn zur Verfügung, während 530 km noch im Bau sind. Von den geplanten 5300 km Expressstraßen mit ein bzw. zwei Fahrbahnen sind 870 km in Betrieb, im Bau befinden sich weitere 740 km sowie 70 km Ortsumgehungen. Dieses Straßennetz dient dem internationalen und dem Fernverkehr innerhalb Polens. Die Hauptlast der Erschließung des Landes wird jedoch von Kreis-, Gemeinde- und Wojewodschaftsstraßen übernommen; sie umfassen weit über 90 Prozent des Straßennetzes Polens.

Anreise über ausgebaute Flughäfen

Zwischen einer halben bis zu einer Million Besucher der Fußball-Europameisterschaft werden mit dem Flugzeug in die polnischen Austragungsorte reisen. Dafür wurde in den vergangenen Jahren bei den jeweiligen Flughäfen ein Erweiterungsprogramm durchgeführt. So konnte in Danzig am 31. März der neue Passagierterminal T2 eröffnet werden, außerdem wurden eine neue Rollbahn erstellt und die Abstellflächen für große Flugzeuge erweitert. Auch Breslau erhielt einen weiteren Terminal und der bestehende wurde erweitert. Bereits seit Sommer letzten Jahres steht der neue Terminal 2 und eine erneuerte Startbahn des Flughafens Chopin in Warschau zur Verfügung. Für staugeplagte Reisende von Bedeutung wird der neue unterirdische S-Bahnanschluss des Flughafens an die Warschauer Innenstadt. Anstelle von 25 bis 40 Minuten Busfahrt, ist eine zwanzigminütige Fahrt mit der S-Bahn bis zum Zentralbahnhof vorgesehen. Die Eröffnung dieser Verbindung soll am 1. Juni erfolgen.

Aber auch kleinere Austragungsorte haben sich vorbereitet. Der westpolnische Regionalflughafen Ławica in Posen wurde neu für insgesamt 23 Flugzeuge ausgerüstet. Außerdem erhielt er neben der Startbahn eine neue parallele Rollbahn. Für Ende Mai ist die Eröffnung des erweiterten Ankunftsbereichs des Passagierterminals vorgesehen.

Wachsender Binnenflugverkehr

Die Kapazitäten dieser Flughäfen werden nicht nur für die Europameisterschaft benötigt. Seitdem im Frühsommer letzten Jahres die Billigfluggesellschaft OLT Express fast dreißig günstige Verbindungen zwischen zehn polnischen Städten einrichtete, wächst das Passagieraufkommen im Binnenverkehr in großem Maße wie die Gazeta Wyborcza in ihrer Ausgabe vom 21.5.2012 meldete. So flogen im April diesen Jahres 327000 Passagiere im Inlandsverkehr; das waren gegenüber dem gleichen Zeitpunkt im Vorjahr 91 Prozent mehr. Und diese Tendenz scheint sich fortzusetzen. Der Krakauer Flughafen Balice war auf diese lawinenartige Entwicklung nicht vorbereitet, so dass man für die Reisenden, die im Terminal keinen Platz mehr fanden, ein Zelt aufstellen musste.

EUROLOT, die günstige Tochter der staatlichen Fluggesellschaft LOT und direkte Konkurrentin der OLT, erlebte keine Einbrüche bei den Passagierzahlen. So ist anzunehmen, dass es sich bei den vielen zusätzlichen Passagieren im Binnenflugverkehr in erster Linie um Umsteiger von der Straße und der Bahn handelt. Dies könnte insbesondere die Bahn in Bedrängnis bringen, da deren Modernisierung langwierig und kostspielig ist.

Der Kluge reist (nicht mehr genug) im Zuge

Die Anpassung der Bahninfrastruktur auf die Euro 2012 hin, findet vor allem in drei Bereichen statt: Modernisierung der großen städtischen Bahnhöfe, Revitalisierung und Anpassung der Anlagen des Nahverkehrs sowie Ertüchtigung von Bahnanlagen und Optimierung des Betriebs im Fernverkehr zwischen den Städten.

Dworzec Centralny (HBF Warschau) wurde renoviert. Photo: Polen.pl (BD)

Dworzec Centralny (HBF Warschau) wurde renoviert. Photo: Polen.pl (BD)

Aus dem Danziger Zentrum kann man seit Anfang Mai mit der S-Bahn in sechs Minuten zur direkt neben dem neuen Stadion liegenden, renovierten und ausgebauten Haltestelle Danzig Stadion Expo fahren. Dazu wurde der seit 2005 aufgehobene Personenverkehr wieder aufgenommen, für welchen die 3.5 km lange Strecke aus der Innenstadt modernisiert wurde.

In Posen werden als erste Erweiterungsetappe des Hauptbahnhofs drei weitere Bahnsteige und Parkplätze erstellt. Während der Euro 2012 werden der renovierte bestehende Bahnhof und der neue Teil genutzt. Als Bestandteil des Integrierten Verkehrszentrums Posen entstand in den letzten Monaten neben dem Bahnhof der neue PKS-Busbahnhof mit 23 Standplätzen.

In Breslau sind die Renovierungs- und Umbauarbeiten des denkmalgeschützten Hauptbahnhofs aus dem Jahr 1855 besonders kompliziert und verzögern sich bis nach der Euro 2012. Er wird nach Abschluss der Arbeiten ein glänzendes Schmuckstück Breslaus darstellen. Gegenwärtig wird die Modernisierung der Bahnsteige abgeschlossen.

In Warschau wurde für den Schienenverkehr die Haltestelle Warschau Stadion vollständig umgebaut. Sie ist nun mit einer neuen Überdachung über die gesamte Bahnsteiglänge ausgestattet, zudem wurden die unterirdischen Zugänge zur Station renoviert und Rolltreppen und Aufzügen installiert.

Nutzen für Polen

Auch wenn nicht alle Arbeiten termingerecht abgeschlossen werden konnten, so ist doch damit zu rechnen, dass der Verkehr der Euro-Besucher zu und zwischen den Austragungsorten bewältigt werden kann. Vor allem aber wird Polen selbst den größten langfristigen Nutzen dieser gewaltigen Anstrengungen haben.

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