Familienforschung – Meine Suche nach hinterpommerschen Vorfahren

(c) Hauke Fehlberg

Haukes Vorfahren

(Bottmingen, HF) Die ersten vierzig Jahre erst einmal geschafft und das Leben, trotz kleiner Kinder, in etwas ruhigeren Bahnen, wuchs bei mir die Neugier auf die Herkunft meiner Familie. Ich wusste, dass meine väterliche Seite aus Hinterpommern stammte, wo dieses allerdings genau lag – keine Ahnung. Mir war nur klar, dass dieses Gebiet seit Kriegsende in Polen liegt und dass in der Endphase des Krieges und danach wohl alles an Dokumenten unwiederbringlich vernichtet wurde, was man so für die Erforschung seiner Familiengeschichte braucht. Wie es sich dann herausstellte, war dem aber nicht so.

Hinterpommern – wo liegt das?

Das landwirtschaftlich geprägte Hinterpommern, in den dreissiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhundert auch „Ostpommern“ genannt, lag hinter – also östlich – des Flusses Oder an der Ostsee. Dies im Gegensatz zum heute noch zu Deutschland gehörenden Vorpommern, das westlich der Oder liegt. Das historische Hinterpommern entspricht heute zu grossen Teilen der polnischen Wojewodschaft Zachodniopomorskie (Westpommern – mit geänderter Blickrichtung). Um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert bildeten Vor- und Hinterpommern zusammen die preussische Provinz Pommern, mit dem Regierungsbezirk-Hauptort Stettin (heute Szczecin).

Familienforschung – begrenzte Glaubwürdigkeit

Nach einigen Jahren Familienforschung kann ich heute meinen Töchtern von sechs Generationen pommerscher Vorfahren berichten, wobei ich väterliche und mütterliche Linien betrachtet habe. Die Angaben zu den Müttern sind glaubhafter, weil offensichtlich; die Vaterschaft ist nicht immer über jeden Zweifel erhaben, so dass man den Angaben aus männlichen Linien nicht allzu sehr vertrauen sollte.

Wie gehe ich beim Forschen vor?

In der Familienforschung – auch Genealogie genannt – geht der Forschende immer vom bekannten nachgewiesenen aus; bewegt sich also in der Zeit rückwärts und versucht für die nächstvordere Generation glaubhafte amtliche Nachweise zu finden. Mündliche Aussagen von Verwandten sollten immer in Dokumenten nachgeprüft werden, denn der Mensch ist vergesslich. (Mein Tipp: ältere Familienmitglieder nach persönlichen Geschichten mit den Vorfahren fragen und diese notieren(!), da die reinen Daten nur halb so spannend sind, wie Geschichten, die man den nächsten Generationen weitergeben kann.) – Also fing ich an, Kopien der Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden meiner direkten Vorfahren, die aus den damaligen Kreisen Schlawe (heute Sławno), und Kolberg-Körlin (Kołobrzeg) stammten, zu sammeln.

In den Geburts- und Heiratsurkunden sind die Geburtsorte des Kindes bzw. der Eltern sowie der Wohnort deren Eltern verzeichnet. Das gibt dann Hinweise darauf, in welchen Standesamtsunterlagen oder Kirchenbüchern man weitersuchen kann. Standesämter gibt es in Preussen, zu dem Hinterpommern damals gehörte, erst seit Oktober 1874. Alle Angaben für davor liegende Zeiträume muss man in den Kirchenbüchern suchen, die zusätzlich zu den oben genannten Angaben noch die Taufe verzeichnen. Allerdings hatte nicht jedes Dorf seine eigene Kirche, so dass zuerst das zuständige Kirchspiel gesucht werden muss, zu dem das betreffende Dorf gehörte.

Praktische Tipps für Pommernforscher

Wie habe ich nun die Unterlagen und Angaben zu meinen pommerschen Vorfahren gefunden? Eine weltweit von Genealogen genutzte Möglichkeit ist, mikroverfilmte über hundertjährige Standesamt- und Kirchenbücher bei den Mormonen (LDS), einer Glaubensgemeinschaft, an Lesegeräten einzusehen. Seit weit über 100 Jahren kopieren und verfilmen sie aus religiösen Gründen entsprechende Unterlagen und machen sie in den weltweit bestehenden sog. Family History Center (FHC, Zentren für Familiengeschichte) der allgemeinen Öffentlichkeit, auch nicht-Kirchenmitgliedern, zugänglich. Hier gibt es auch Kopien von Dokumenten, die den Zweiten Weltkrieg im Original oder als physische Abschrift nicht überdauert haben. Welche Unterlagen bei ihnen vorhanden sind, kann auf ihrer englischsprachigen Webseite geprüft und dann für das Einsehen im nächstgelegenen FHC bestellt werden.

Es ist ratsam, sich auf das Lesen der Schrift in den alten Unterlagen vorzubereiten, denn die Eintragungen erfolgten per Hand in Kanzlei- oder (der genormten) Sütterlinschrift – wenn man Glück hat. Je weiter man zurückgeht, desto mehr wurde „geschmiert“ und die Schreibwerkzeuge wurden gröber (und klecksten mehr; meistens auf die Buchstaben, die einem wichtig sind).

Immer mehr Unterlagen im Internet

Zunehmend stellen LDS, aber auch die Polnischen Staatsarchive, die Originale oder Abschriften der Dokumente besitzen, Digitalisate, d.h. eingescannte Unterlagen zum Lesen am häuslichen Computer ins Internet.

Viele der Standesamtsunterlagen Hinterpommerns befinden sich nicht mehr am Ort, sondern im Standesamt 1 in Berlin. Hinweise auf das Vorhandensein und den Standort von Dokumenten über Deutsche Personenstandsbücher und Personenstandseinträge von Deutschen in Polen von 1898 -1945 finden sich in diesem Buch hier. Aber Achtung: Die erwähnten Bücher enthalten keine Personenangaben, sondern nur die Standorte der Bücher.

Die Polnischen Staatsarchive haben zudem eine Datenbank mit dem Namen PRADZIAD  erstellt, die Standorte der Standesamtsunterlagen und Kirchenbücher in Polen nachweist. Sie ist allerdings nicht immer aktuell, da die Ämter und Kirchen aufgrund der zeitlichen Zuständigkeit laufend neu Unterlagen an die Staatsarchive abgeben. Für die Suche ist auch die Polnische Datenbank SEZAM (System Ewidencji Zasobu Archiwalnego, Registrierungssystem archivalischer Bestände) hilfreich, sie enthält Angaben über Archivbestände in polnischen Staatsarchiven und anderen Institutionen. Die Abfrage ist in polnischer oder in englischer Sprache möglich.

Spezialisierte Vereine helfen bei der Familienforschung

Der Pommersche Greif, (m)ein Verein für pommersche Familien- und Ortsgeschichte, befasst sich intensiv mit diesen Fragen, vernetzt und unterstützt die in Pommern suchenden Familienforscher und bietet mit seinem Online-Angebot Hilfestellungen bei der Familienforschung in Pommern an. Er veröffentlicht so z.B. eine Linksammlung, die einen Direktzugriff auf die von LDS ins Internet gestellten digitalisierten Kirchenbücher, nach ehemaligen Kreisen geordnet, ermöglicht. Dort gibt auch Links auf Kirchenbücher, die die polnischen Staatsarchive zu diesem Raum aufgeschaltet haben. angaben zu weiteren Vereinen, die sich mit der Familienforschung in Deutschland oder in ehemals zu Deutschland gehörenden Gebieten beschäftigen, können hier gefunden werden.

Tagelöhner und Schäfer

Was habe ich nun nach all den Jahren der manchmal kriminalistischen Spürsinn erfordernden Familienforschung herausgefunden? Meine Vorfahren waren vorwiegend Tagelöhner, Schäfer und Mägde auf den grossen Gutswirtschaften im nördlichen Teil Hinterpommerns. Sie hatten Arbeitsverträge über zwei, drei Jahre und zogen dann in den nächsten Gutsbezirk, was sich an den verschiedenen Geburtsorten ihrer Kinder leicht ablesen lässt. Eine interessante Quelle zu ihrem gesellschaftlichen Umfeld waren auch die Angaben zu den Taufpaten, die entweder Namensgleiche aus entfernten Orten waren (was Hinweise zur Familienzugehörigkeit gab) oder es waren Bekannte aus dem Dorf aus den gleichen Berufsgruppen.

Familienforschung führt nach Polen

Von ihren Genen mal abgesehen, hinterliessen meine Vorfahren insgesamt nicht sehr viele Spuren. So wird das wohl den meisten ergehen, die auf dem Lande lebende Vorfahren im heutigen Polen haben. Eigentlich erhält man nur ihre Namen und Lebens- sowie Sterbedaten. Das reichte mir nicht: so begann ich als historisch interessierter Agraringenieur über das Leben auf Gutswirtschaften (Agriculture Pomerania) zu forschen, um mir ein Bild von ihrem Leben machen zu können. Und ich wollte ein Gefühl für die Orte und Landschaften bekommen, Räume, die sie wahrscheinlich ein Leben lang geprägt haben.

So fuhr ich dann 2001 das erste Mal nach Polen – und es begann eine langjährige und intensive Beziehung zu Land und Leuten, die noch immer andauert und sich ständig vertieft.

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