Filmfestival ‚filmPOLSKA‘: Artenschau

Club der polnischen Versager in Berlin. Foto: Polen.pl (JW)

Die Filmwoche findet auch im Club der polnischen Versager statt.

(Berlin, JW) Eine Art lebt neben der anderen, beobachtet diese und sieht dabei außergewöhnlich interessante Dinge. Ziegen erleben das triste ärmliche menschliche Dorfleben als gar nicht mal so grau, Kaninchen genießen den Sonderwirtschaftsraum für ihre Art – geschaffen von Menschenhand im Mauerstreifen zwischen der DDR und der BRD. Wer die beiden Auftaktfilme der polnischen Filmwoche in Berlin gesehen hat, könnte den Organisatoren im Club der polnischen Versager durchaus etwas Doppeldeutigkeit unterstellen. Zumal besagtem Club die Ironie nicht ganz fremd ist: Die Einleitung zum Filmwochenbeginn begann mit der Aufforderung, den von der Schweizergarde besetzten Vatikan endlich zu befreien um den dort festgesetzten Priestern endlich wieder die Rückkehr zu ihren Frauen zu ermöglichen.

Eine Filmnation schaut auf die andere

Der polnische Film kommt. Zumindest wird er stärker wahrgenommen, als noch vor wenigen Jahren. Somit ist die – vielleicht unterstellte Doppeldeutigkeit – der Filmauswahl zu Beginn der Filmwoche mit dem Namen ‚filmPOLSKA‘ in Berlin passend: Etwas staunend schaute eine Hälfte des hälftig deutschen und hälftig polnischen Publikums im prall gefüllten großen Wohnzimmer des Clubs der polnischen Versager auf die dargebotene Filmkost. Von den ‚Mauerhasen‘ hatte der eine oder andere schon gehört, mancher den Film gar schon gesehen. Tradition muss sein, so begründete die Einleitung diese lohnenswerte Wiederholung. Den ‚Weg der Ziege‘ hingegen kannten die meisten wohl noch nicht. Beide Filme nehmen die Perspektive der Tiere ein, und betrachten auf der ersten Erzählebene auch nur tierische Sichtweisen. Nicht untergeschoben, aber doch kaum merklich gelingt dem Regisseur auch eine differenzierte und besondere menschliche Milieustudie.

Gelogene Dokumentation

Broschüre von filmPOLSKA. Foto: Polen.pl (JW)

Das Filmfestival filmPOLSKA gibt es zum 6. Mal in Berlin

Liefen beide Filme Bartek Konopkas denn auch unter dem Etikett ‚Dokumentarfilm‘, so entlarvte spätestens die anschließende Diskussion die Ehrlichkeit der Dokumente: Der Regisseur selbst stellte fest, dass es keine ‚echten‘ und ‚eindeutigen‘ Dokumente gäbe, und daher Dokumentarfilme immer auch Subjektivität beinhalteten. Am Beispiel von ‚Der Weg der Ziege‘ wurde das auch schnell deutlich: Die etwas schönfärberisch wirkende Darstellung der ärmlichen Verhältnisse auf kleinen Dörfern in Polen ist kein realitätsgetreues Abbild. Konopka ging in seiner eigenen Wertung sogar so weit, die Erträglichkeit der Beschönigung dörflicher Armut nur aufgrund der Tierperspektive zu sehen. Seiner eigenen Auffassung nach wäre der Film ohne diese ungewöhnliche Perspektive aus der Sicht der Ziegen schlichtweg ein Ausbund an Naivität. Das wiederum führte auch zum Gespräch über die Veränderbarkeit von Menschen und Gesellschaften durch filmische Experimente; spätestens an dieser Stelle wurde die Anschlussdiskussion mit dem Autor vielen zu filmfachlich. Der sandtrockene Humor des Moderators rettete diese Schwäche des Abends mit Kommentaren wie zum Beispiel ‚Dokumentarfilmlügner‘.

Wie Ziegen zicken

Die Ziegen, die in Konopkas Film an arme Familien ‚ausgegeben‘ werden, um diesen Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen, sind charakterstarke Tiere. Ob das daran liegt, dass sie aus einem akademischen Unterstützungsprogramm stammen, wie manche Protagonisten im Film vermuten, oder ob dies dem Regisseurstalent entspringt, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall scheinen die Tiere im Leben der Menschen eine wichtige Rolle einzunehmen, die bemitleidenswert schlechte ökonomische und soziale Situation der porträtierten Familien wirkt aus Ziegenaugen gar nicht einmal so dramatisch. Manche alltäglichen Probleme der Familien werden aus dieser Perspektive ganz banal. Einige der im echten Leben möglicherweise eher problembehafteten Charaktere, etwa Alkoholiker, bekommen hier die Gelegenheit zum Sympathieträgertum.

Der innovative Film mit dem Originaltitel ‚Goat Walker‘ lohnt sich für alle, die einmal einen ganz anderen Blick auf die menschliche Gesellschaft werden möchten. Am Beispiel der Dorfbevölkerung dargestellt, fällt der Transfer zu anderen Gesellschaftsschichten nicht schwer.

Arme Hasen

Die ideale Lebensumwelt von Kaninchen ist der Mauerstreifen, der DDR und BRD trennte. Das jedenfalls vermittelt schulmeisterlich glaubwürdig der dokumentarische Stil der Erläuterung der Entwicklung der Kaninchenkolonien auf diesem überschaubaren Stückchen Erde. Was die Menschen drumherum so treiben, wirkt natürlich nicht nur in Kaninchenaugen verwunderlich. Wenn es bei den Menschen dann doch noch zu einem Happy End kommt, ist das für die Langohren nicht ganz so klar: Das einstmalige Paradies auf Erden verschwindet, die hoppelnden sympathischen Grasfresser werden wieder in die darwinistisch umkämpfte Natur zurückgeworfen und der Zuschauer bleibt mit manchem Lacher und vielen Fragen zurück. Das ist – kurz gesagt – der Kern des vielfach ausgezeichneten und gelobten Films Konopkas mit dem Titel ‚Mauerhasen‘. Übrigens findet sich der Film auch in der ARD-Mediathek unter ‚Mauerhasen‘.

Neugier auf den polnischen Film

Wer bei dieser Auftaktveranstaltung der sechsten polnischen Filmwoche in Berlin dabei war, wird auf weitere Kleinode neugierig gemacht worden sein. Neben den Berlinale-bekannten Filmen wie ‚Made in Poland‘ oder ‚Morgen wird alles besser‘ sind auch zahlreiche weitere interessante Stories darunter. Das vollständige Programm des Festivals, das noch bis zum 20. April 2011 läuft, findet sich unter filmpolska.de.

 

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