Dürre oder Flut: Freizügigkeit ohne oder mit Zuwanderungswelle

Brücke an der Grenze Görlitz - Zgorzelec. Foto: Polen.pl (JW)

Im Winter begannen wilde Spekulationen über die Folgen der Freizügigkeit

(Berlin, JW) Seit dem 1. Mai 2011 ist die volle Freizügigkeit zwischen Deutschland und Polen hergestellt. Wer sich gewundert hat, dass sich Polen.pl in der Berichterstattung rund um die Freizügigkeit einer freiwilligen Selbstbeschränkung unterworfen hat: Wir waren verwirrt. Am Anfang schien alles noch ganz einfach: Die Freizügigkeit wird eingeführt, und man erwartet einige arbeitssuchende Polen in Deutschland. Dann wurde in einigen Medien daraus plötzlich eine Welle von Zuwanderern, während andere Argumente dagegen hielten: Es gäbe für die Polen heute fast keine Gründe mehr, gerade in Deutschland Arbeit zu suchen. So war bei uns auch nach einigen ankündigenden Kurzberichten Schluss. Interesse, die Spekulationen – pardon – Prognosen unreflektiert weiterzuverbreiten, hatten wir nicht. Doch Reflektieren ist in dieser Situation schwierig.

Offener Ausgang

Es gibt ganz sicher und unbenommen einige Indizien, die auf die eine oder andere Tendenz hinweisen: So ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Gehaltsniveau nach wie vor in vielen Berufszweigen in Polen sehr viel niedriger ist. Ebenso ist völlig klar, dass viele auswanderungswillige Polen schon viel früher nach England oder in die Niederlande gegangen sind. Auch die Tatsache, dass gerade in den Grenzregionen ‚Landeswechselvorteile‘ sehr viel unkomplizierter auszuspielen sind, stimmt. Aber ebenso stimmt, dass in zahlreichen Grenzregionen mittlerweile eher Arbeitnehmer aus Deutschland nach Polen fahren, als umgekehrt.

Die in den Medien von Experten und selbst ernannten Protagonisten diesen Typus verbreiteten Prognosen stützen sich auf genau solche Argumente. Zu jeder Motivation für Polen, nach Deutschland zur Arbeitssuche zu gehen, wurde ein Grund entdeckt, warum gerade dies keine Motivation sei. Schwer einzuschätzen, wer hier recht hat. Schwer zu finden: Verlässliche Quellen. Das Ganze schien uns zunehmend als ein Lesen der Glaskugel mit einer Trefferchance von 50 Prozent.

Staubecken Polen

Was immerhin auffiel: Die Prognosen wurden immer extremer. Es schien, als hätte sich jede Zeitung, jeder TV-Sender, jeder Radiosender und auch jede Internetseite einer Argumentationsseite angeschlossen und schaufelte Argument für Argument für seine favorisierte Einschätzung in die Öffentlichkeit. So schien es am Ende, als würde es zu einer unglaublichen Schwemme von zuwanderungswilligen polnischen Arbeitnehmern kommen. Oder eben auch nicht; und man erwarte nur zwei oder drei versprengte zusätzliche Arbeitsmigranten.

Ein Bild fand sich immer wieder: Das Staubecken, in dem eine unübersehbare Menge von Arbeitswilligen darauf wartet, nach Deutschland hinüberzuschwappen. Das im Arbeitselend weiter oben liegende Polen befindet sich demnach einige – wenn nicht hunderte – Meter oberhalb des weitgehend mit begehrenswerten Arbeitsplätzen ausgestattete Deutschland. Der Dammbruch mit dem 1. Mai 2011, die Sprengung der Staumauer durch die Verpflichtungen im Rahmen der Vereinbarungen zur Europäischen Union, wurde dann nur in zweierlei Art interpretiert: Die Prognoseführer, die eine große Welle erwarteten, verwiesen auf das gut gefüllte und durch Krisenrückkehrer aus England wieder überschwappende polnische Becken. Deren Widersacher begründeten ihre Position mit der bereits erfolgten Austrocknung und der Auffassung, dass kaum noch genug Wasser im Becken sei, um die nun gesprengte Staumauer zu überfließen.

Zwei Fischteiche

Auch heute haben wir noch keine verlässlichen Zahlen, welche der beiden Argumentationslinien näher an der Wirklichkeit liegt. Aber vieles deutet darauf hin, dass das angenommene Bild einfach in die falsche Richtung weist: Möglicherweise sind die Unterschiede in Bezug auf die Gesamtlebensqualität beider Länder – inklusive Job, Gesellschaft, Einkommen, Familie und allem was dazu gehört – gar nicht so groß, wie angenommen. Möglicherweise sprechen wir nicht über ein im Einkommensleid über Deutschland liegendes Polen, sondern über zwei Fischteiche auf gleichem Niveau, die bis Ende April 2011 durch einen schmalen Steg verzögerter Freizügigkeit getrennt waren. Der Wegfall des Steges führt nun lediglich dazu, dass an einen Stellen Wasser von Osten nach Westen – und an anderen sogar von Westen nach Osten – fließt. An den Stellen, wo aus welchen Gründen auch immer der Wasserstand ein wenig niedriger ist, fließt eben etwas nach.

Diese Metapher schafft vielleicht eine Abkehr vom radikalisierenden Bild der Flutwelle von Arbeitskräften. Warum die Quantität etwas anders ist, als noch vor einigen Jahren mit Eintreten der Freizügigkeit bei anderen europäischen Ländern, kann nur gemutmaßt werden: Die Nivellierung von Lebensqualität und in einigen Berufsbereichen auch Einkommen, die eigenen oder gehörten Erfahrungen aus Wechseln in andere Länder, das enorme sich ergebende Potenzial in Polen und auch die höhere Wertschätzung anderer als materieller Werte in jüngerer Zeit könnten Ursachen sein. In jedem Fall sollten wir uns wieder etwas mehr Differenzierung und eine weniger radikalisierende Herangehensweise an die Prognosen erlauben: Es sollte doch in keinem Interesse liegen, die Erwartungen der Bevölkerungen weder in positiver noch in negativer Hinsicht ins Extreme zu verlagern.

 

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*