Gedicht: „Nicht abgesandter Brief aus Warschau“

Ein Café in Warschau 2013, Foto: Polen.pl.

Ein Café in Warschau 2013, Foto: Polen.pl.

(Berlin, PR) Ein Brief, der am Ende der 1980er Jahre in Warschau nie abgeschickt wurde. Als vergangene Woche der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki verstarb, erinnerte sich der Autor Peter Reik an seine Reise nach Warschau im Jahr 1989. Damals ahnte der Autor noch nicht, dass er sich zehn Jahre später beruflich intensiv mit Polen beschäftigen würde, was in einer leidenschaftlichen Affinität zu Land und Leuten mündete. Seine impressionistische Schilderung aus einer Zeit der Veränderungen vor 24 Jahren zu Lesen im Gedicht:

Nicht abgesandter Brief aus Warschau

Gestern noch, zu dieser milchlichten Teestunde
Schrieb ich zwischen hüpfenden Kuchenkrümeln
Einen langen Brief
Aus Warschau
Wo ich in einem polstergoldenen Caféhaus saß
Umzwitschert von reifen schönen blonden Frauen,
Und auch zwei dunkelhaarige Damen sprachen
Davon was ich nicht verstand, Worte in weicher zischender Zunge
Ihrer geheimen Sprache,
Musik auch im postergoldenen Caféhaus
Schwarze Mohnflöckchen klebten auf dem körnigen Briefpapier
Zu dieser milchlichten Teestunde schrieb ich einen langen Brief
Aus Warschau
Wo ich in einem polstergoldenen Caféhaus saß
Zwischen plüschigem Samt und leuchtenden Lüstern
Und von draußen Flaneure mit lüsternen Absichten
Zu den Damen, den blonden
Und auch den dunklen schauten, aber vielleicht auch
Etwas neidisch
Auf die Wölkchen der schaumdampfenden Tassen
Und die Rosinen im Mohnkuchen.
Ich schrieb einen langen Brief,
Über die Krisen und die Konzerte
Über die neuen Reichen und über den alten Osten,
Zu dieser milchlichten Teestunde
Schrieb ich einen langen Brief
Über Verlorenes, Vergangenes, über den gierigen Westen und
Über die Auswanderer und ihr Heimweh, über traurige Taxifahrer und über die
Macht der Kirche,
Über die Gewerkschaft und die Geschäfte,
Über das Schloss und
Über das Ghetto, den Aufstand und das ewige Auschwitz
Und schon spürte ich einen leichten Krampf in meinen ungeübten Fingern,
Doch ich schrieb weiter in diesem polstergoldenen Caféhaus
Einen langen Brief
Aus Warschau zu einer milchlichten Teestunde,
Einen langen Brief
Aus Warschau
Über die Altstadt und über die traurigen Helden, über die Träumer, über den
Pianisten und über die jungen Makler, über Backsteingotik, über knorrige Alte und
Über zarte Manieren, über den Handkuss und das Barock der Damen,
Über den Wodka, die Milchbar, über Chopin, über den Kulturpalast und Glitzerwelten
Über Willy Brandt
Maria und das moderne Polen
Ich saß in einem polstergoldenen Caféhaus,
Die reifen schönen blonden Frauen und auch die zwei dunkelhaarigen eleganten
Damen
Traten stolz und geziert hinaus ins Licht, wie „Café au Lait“ sagte eine
Dunkle Dame, was ich verstand, und
Der Abend versprach viel in der Nowy Świat
Kleine vergessene Rosinen und Krümel rieselten von ihren Kostümen
Auf das Straßenpflaster, Spezereien für sieben magere Spatzen,
Ich schrieb einen langen Brief
Aus Warschau
Ich schrieb einen langen Brief
An Dich, aus Deiner Heimat, Deiner Stadt,
Schwarze Mohnflöckchen klebten auf dem rauen Briefpapier,
Setzten Zeichen, Komma und Punkt.
Längst bedeckte der Abend die Straßen
Die milchlichte Teestunde längst verschmolzen
Im Blau der wuchernden Nacht
Ich leckte den Leim vom Briefumschlag,
Mit meiner süßen Mohnlippe
Versiegelte ihn Speichel und brauner Zucker,
Auf meinem Weg zum zentralen Bahnhof
Suchte ich einen Briefkasten
Welche Farbe tragen Briefkästen
In Warschau?
Wo ich ein paar Stunden
In einem polstergoldenen Caféhaus saß
Und einen langen Brief schrieb

(Warschau 1989)

Der Lyriker Peter Reik ist im diplomatischen Dienst tätig und engagiert sich bis heute auch privat für die deutsch-polnischen Beziehungen. Sein Gedicht „Nicht abgesandter Brief aus Warschau“ ist in der kleinen Sammlung „fernschreiben-unverschlüsselt“ im Jahr 2009 erschienen.

 

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