Gelesen: ‚Ambra‘ von Sabrina Janesch

Ambra, ein Buch von Sabrina Janesch. Foto: Polen.pl (JW)

Ein Danzig-Roman mit Anspruch: Ambra

(Berlin, JW) Die eher einzelgängerische Kinga verliert Ihren Vater. Plötzlich erfährt sie, die seit der Geburt in Deutschland lebte, von ihrer Familie in Polen. Und davon, dass sie eine Wohnung in Danzig geerbt hat. Mit den Polnischkenntnissen aus dem Studium besucht sie die Stadt, in der ein Teil ihrer Familie noch lebt. Darunter sind der mit schlimmen Erlebnissen im Krieg in Afghanistan zurückgekehrte Bartosz und dessen Eltern, die Kingas Wohnung auf eigene Rechnung vermietet haben. Das wäre allein schon eine schwierige Situation, käme nicht noch etwas hinzu. Von dieser Situation und vor allem von Danzigs offenen und verschlossenen Geheimnissen handelt der Danzig-Roman ‚Ambra‘, den Sabrina Janesch vor kurzem veröffentlicht hat.

Eine vergangene Dimension

Das, was zu der ohnehin schwierigen Situation hinzukommt, ergibt sich aus einem Job, den Kinga annimmt. Die an eine Wohngemeinschaft kreativer Überlebenskünstler vermietete Wohnung der jungen Erbin ist in einem ähnlich schlechten Zustand wie der Füllstand ihres Bankkontos. So möchte sie zunächst weder den wohnungsvermietenden Verwandten die Mieteinnahmen streitig machen, noch die ihr sympathische Wohngemeinschaft stören. Also wohnt sie in einem der Zimmer der Wohnung und überlässt die Mieteinnahmen weiterhin der Familie. Übrigens hatte das auch ihr Vater wohl so gewollt, sogar noch etwas darüber hinaus: Die Wohnung solle wieder an diese zurückgehen. Kingas Vater hatte die Danziger Wohnung – wobei Danzig im Roman nur als ‚Die Stadt am Meer‘ auftaucht – ebenfalls geerbt. Warum der in Deutschland lebende Vater Kingas und nicht die in Danzig lebende Familie diese Erbschaft erhielt, bleibt noch eine ganze Weile im Dunklen. Um den Wert der Wohnung ranken sich viele der familiären Verhaltensweisen, sowohl die der Wohnungserbin gegenüber kritische Haltung Bartosz‘ Vater Brunon sowie die offensive Freundlichkeit seiner Mutter (Bronka).

Es gibt Unterhaltungen und Gedanken anderer und vergangener Menschen, die Kinga hört – seitdem sie in Danzig ist. Und es gibt Dinge, die sie sieht, die andere Menschen nicht sehen: Diese für Kinga sichtbare Dimension der Vergangenheit wirft immer wieder einen erhellenden Lichtschein durch die dunklen Reihen der von der Zeit aufgestellten Mauern. Und genau diese Fähigkeit verschafft ihr auch einen Job an einer Art übernatürlichen Hinterhof-Varieté, in dem unter anderem die von Kinga angebetete Mitbewohnern Renia arbeitet. Indem sie dort Menschen mit deren individuellen Erfahrungen und Geheimnissen konfrontiert, macht sie sich nicht nur Freunde und verschafft sich gleichzeitig Respekt; sie erschrickt auch vor sich selbst.

Eifersucht in der Pfandleihe

Kinga kann nicht verstehen, was die von ihr verehrte schöne Mitbewohnerin in dem abgestumpften und sich mit Ironie bewehrenden unförmigen Bartosz findet. In ihrer Eifersucht empfindet sie es als eine gute Idee, die von Bartosz ausgebrütete Idee der Eröffnung einer Pfandleihe gemeinsam umzusetzen. Weil diese Idee auf Bartosz‘ von Kinga erkannte Kriegsvergangenheit zurückgeht und Bartosz die Pfandleihe als eine Art Wiedergutmachung sieht, sind sich beide über die Idee schnell einig. Mit Kingas Fähigkeiten, die Gedanken der Menschen zu erkennen, hofft Bartosz darauf, das Geschäft sicher – ohne betrogen zu werden – betreiben können.

Begleitet wird diese alltägliche Entwicklung im Jetzt von einem vergangenheitsfokussierten geheimen Kunstprojekt, dass auf das Verschwinden der Stadt Danzig referenziert. Dass es nach dem furiosen Scheitern dieses Projekts gerade der das Projekt initiierende große Künstler aus einem anderen Land ist, der Kinga in der Pfandleihe betrügt – und damit das ökonomische Fundament dieser Unternehmung untergräbt – ist mit Schicksal zu kurz beschrieben. Im Gegenteil: Es werden immer wieder die Motive der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit erweckt, in der Vergangenheit der kriegsversehrten Stadt wie im Heute. In allem, was Kinga denkt, erlebt, tut und glaubt zu tun, spielt die Geschichte der Stadt und der Familie den Steuermann an den Fäden der Marionetten. Bezugspunkt, nein Brennpunkt und gleichsam Angelpunkt ist dabei ein Schmuckstück aus Bernstein, in dessen Bernstein eine Spinne eingeschlossen ist.

Brennende Häuser, zerissene Familienbande

Das Bild der Stadt, die die Menschen verschluckt und manchmal wieder hergibt und manchmal wieder nicht, wird mystisch gezeichnet. In welchem Kontrast zu der lebendigen und trubeligen fröhlichen Stadt Danzig, die wir kennen, stehen die nächtlichen Szenen auf den Straßen der alten Stadt. Und doch: Wie bekannt kommen uns die Gefühle vor, die die Protagonisten in ihrem Inneren verspüren und beschreiben. Dabei spielt Janesch souverän auf der individuellen Ebene mit den Gefühlen Kingas kleiner Familie, aber auch auf dem Flügel der großen Geschichte Danzigs. Es gelingt der Autorin, die Verlockungen und Schrecknisse der Stadt unter dem hohen polnischen Himmel an der Ostsee so filigran an dünnen Fäden zu beschreiben, dass man als Leser ganz vorsichtig weiterblättert, um mit den eigenen – doch vergleichsweise unförmigen Gedanken – keine dieser feinen Gewebeadern aus Versehen abzureißen. Die neue Dimension gibt Danzig ein anderes, tieferes Gesicht. Für mich ist Danzig damit nicht nur noch mehr eine Stadt der großen Literatur geworden, sondern auch eine Stadt, die ich glaube trotz ihrer so unglaublich schweren Geschichte ein wenig besser zu kennen. Fazit: Lesenswert.

Das Buch ‚Ambra‘ von Sabrina Janesch gibt es zum Beispiel bei Amazon als gedrucktes Werk (gebunden, 22,99 Euro) oder E-Book (17,99 Euro), lohnenswert ist auch die Internetseite der Autorin und ihr älterer Weblog als Stadtschreiberin Danzigs.

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