Gelesen: Sitzen vier Polen im Auto

Cover des Buchs 'Sitzen vier Polen im Auto'. Foto: Polen.pl (JW)

Sitzen vier Polen im Auto…

(Berlin, JW) Vielleicht braucht alles seine Zeit, vielleicht ist es nun lange genug her, dass viele Polen materiell so viel schlechter gestellt waren als ihre Nachbarn im westlichen Nachbarland. Denn genau diese Differenz im materiellen Sinne, die gesellschaftlichen Auswirkungen und das Aufeinandertreffen solcherart bedingter unterschiedlicher Lebensstile und Kulturen sind das Thema des Buchs Alexandra Tobors. Das mit seinem Titel ‚Sitzen vier Polen im Auto‘ auch ganz direkt klärt, welcher Gattung es angehört: Da auch Witze so beginnen, passt es perfekt, dass das Buch – zumindest für mich als in Deutschland aufgewachsenen Leser – einfach richtig, wirklich richtig witzig ist.

Sehnsuchtsvoller Rückblick

Schon allein an der Tatsache, dass man die mal mehr und mal weniger liebevoll mit dem Kosenamen ‚Maluch‘ versehenen Fiat Polskis auf polnischen Straßen heute lange suchen muss, wird deutlich, dass es um eine vergangene Zeit geht. Auf dem Titel prangt das, was man heute ‚Teasertext‘ (Anreißer oder Neugierigmacher) nennt: „Ein Fiat Polski, den der Volksmund liebevoll maluch nannte – Winzling – war ein lächerlich kleines Auto, das man durch Schieben zum Laufen brachte und dessen Bremsen am besten funktionierten, wenn man es sanft gegen einen Baum fuhr.“ Siehe da: Vergangenheitsform. Aber schon hier kamen mir erste Zweifel: Zum ersten der ‚Volksmund‘. Wer auch immer das ist, so ist er doch nicht so ganz eins. Und das machte mir – im Nachhinein korrekterweise – deutlich, dass es der Autorin wohl nicht darum ging, eine historisch genaue oder soziologisch analytische Untersuchung vorzulegen.

Dann, zum zweiten war da das ‚liebevoll‘: Meine Bekannten, die trotz eines ‚maluchs‘ als Familientransportfahrzeug groß geworden sind, haben oft von dem kleinen Auto gesprochen. Aber, das sei versichert: Selten liebevoll. Höchstens im Rückblick, so zehn bis zwanzig Jahre später: Dann nämlich verklärten sich die Alltagsprobleme zu Nichtigkeiten und die raren schönen Momente mit dem Polski-Fiat übertünchten die Flüche der Vergangenheit. So verklärt wohl auch die Schriftstellerin Tobor, wie ich mir also umgehend nach Blick auf das Cover – wieder mal bestätigt nach dem Lesen des Buchs – zusammenreimte. Es ist ja auch ein Rückblick: Alexandra Tobor berichtet aus einer fiktiven Kindheit einer Zeit, als sie auch Kind war. Sie ist heute erwachsen. Damit ist das Genre erst einmal klar: Ein Generations-Comedy-Roman, der auf die Zielgruppe aller polnischen Emigranten nach Deutschland und solche, die mit diesen in Berührung kamen, zielt. Kurz noch zur Richtigstellung meiner Annahmen vor dem Lesen des Buchs: Nicht dass jemand auf die Idee käme, ich würde häufiger korrekte Annahmen treffen. Das waren zwei reine Glückstreffer bei diesem Buch.

Glückstreffer knallwitziger Verklärung

Also legte ich alle Bedenken ab, ob nicht jemand mit Maluch-Familien-Vergangenheit das Ganze alles andere als witzig finden könne, und begann zu lesen. Einige Stunden später war es dunkel, und ich hatte das Buch zu Ende gelesen. Und ich war begeistert, hatte mich öfter einmal wieder auf mein Sofa legen müssen, weil ich vor Lachen irgendwie an einer Ritze vorbeigerutscht bin. Natürlich: Im Buch sind selbst die negativen Dinge positiv, eben witzig dargestellt. Und es gibt einige negative Dinge. So wie ein Steffen Möller die polnischen Eigenarten in witzige Verpackungen steckt, ein Florian Illies mit Humor den Deutschen einer Generation ihre Makel vorhielt (‚Generation Golf) oder Justyna Polanska als polnische Putzfrau unter deutschen Betten den Deutschen auf lustige Weise zeigt, dass dort nicht alles sauber ist. So stellt Alexandra Tobor, ausgehend von ihrer frühen Kindheit in Oberschlesien über die ersten ‚Westkontakte‘, die Ausreise, die ersten Gehversuche und die erste Anpassungswelle bis (fast) zum Jetzt, in bunten Bildern und kreativer Sprache dar, was Emigranten aus Polen in Deutschland wahrgenommen haben, feststellten, beobachteten und worüber sie sich wunderten.

Erwachsenwerden mit zwei Identitäten

Kritische Themen werden berührt: Nicht nur das glanzvolle Aufleuchten der Gesichter im Blitzlichtgewitter von Vaters Fotoapparat vor dem Wurstregal bei Aldi oder das ehrfurchtsvolle Erstarren angesichts einer wertvollen Aluminium-Essensverpackung sind Thema, sondern auch die materiellen Schwierigkeiten, Integrationsprobleme und das oft oberlehrerhafte, besserwisserische oder ablehnende Verhalten der Menschen im Einwanderungsland. Die Identitätskrise zwischen Omas Wunsch nach dem Bewahren polnischer (oder gar schlesischer) Werte und dem Wunsch, sich nicht von den in Markenklamotten gewandeten deutschen Kindern zu unterscheiden, nimmt einen großen Raum ein. Aber: Nie mit dem Zeigefinger, schon gar nicht mit dem erhobenen. Tobor gelingt es hervorragend, ein lesenswertes, unterhaltsames und eben witziges Buch zu schreiben, und gleichzeitig für die schwierigen Themen zu sensibilisieren. Die einzige Gefahr: Vor lauter Lachen hört man die kritische Stimme des Selbst manchmal nicht mehr. Aber wenn das Lachen nach dem Zuklappen des Buches leiser wird, lohnt das Durchdenken unbedingt: Auch, wenn es um die Vergangenheit geht. Denn die darin beschriebenen Situationen gibt es auch heute immer wieder.

Lesen!

Wer Steffen Möller gern liest oder die Popolski-Show liebt, muss gar nicht lange überlegen: Kaufen und Lesen. Aber auch, wer mit den beiden Deutsch-Polnisch-Comedystars seine Probleme hat, sollte sich Tobors Buch einmal genauer ansehen. Unter 10 Euro für das Taschenbuch sind nicht viel, und die Chance ist sehr sehr groß, dass man die Geschichten und die Texte und Pointen der heute in Augsburg lebenden Autorin lieben lernt. Und nebenbei noch eine hervorragende gesellschaftliche Analyse gewissermaßen gratis dazu bekommt.

Weitere Informationen: ‚Sitzen vier Polen im Auto‘ bei Amazon, Website der Autorin alexandratobor.de lesenswerter Twitter-Account der Autorin, Interview mit der Verfasserin auf www.wrint.de.

Alexandra Tobor, „Sitzen vier Polen im Auto – Teutonische Abenteuer“, Ullstein-Verlag, 1. Auflage Juni 2012, ISBN 978-3-548-28374-6

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