Geschichte erleben: die Freiwillige Kavallerie

Pferderennbahn Służewiec in Warschau, Foto: 3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

Pferderennbahn Służewiec in Warschau, Foto: 3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

(Berlin, KK)  In der heutigen Freiwilligen Kavallerie in Polen werden die Traditionen und Werte der Zweiten Polnischen Republik (II RP) aufrechterhalten. Polen.pl sprach mit Maciej Zalewski, dem Pressesprecher der Ehren-Schwadron des 3. Regiments der Masowischen Chevaulegers (Szwoleżerów), über die Motivation, den Aufbau der Organisation und die täglichen Herausforderungen.

Polen.pl: Erst einmal eine grundlegende Frage, woher stammt die Idee die polnische Kavallerie zu reproduzieren?

Maciej Zalewski: Persönlich gehöre ich der Masowischen Schwadron seit drei Jahren an, aber die Idee selbst feierte dieses Jahr ihren 10. Geburtstag, d.h. die Schwadron wurde im Jahr 2004 gegründet. Das geht auf die Initiative einiger Personen zurück. Unser Kommandant, Hauptmann Piotr Szakacz, hat sich schon immer für die Geschichte begeistert und war fasziniert von der Kavallerie, wie ich aus seinen Erzählungen weiß. In Polen gab es bereits Vereinigungen wie die Gesellschaft der Kavalleriefreunde oder auch berittene Pfadfindergruppen. Wir haben uns unsererseits an die Veteranen des 3. Regiments der Masowischen Cheveaulegers gewandt, dass wir ihre Traditionen erhalten möchten, damit sie nicht verschwinden. Es gibt Leute die ihre Farben tragen und jungen Leuten etwas über die Kavallerie beibringen wollen, um ihnen zu zeigen wie es damals zuging. Dementsprechend haben wir also den Regimentskreis in London angesprochen. Die Initiative hat ihnen sehr gefallen und sie haben uns ihr Einverständnis gegeben. Was uns grundlegend von Rekonstruktionen unterscheidet ist die Tatsache, dass wir die Traditionen fortführen: wir versuchen nicht die Kavallerie der II RP zu sein, sondern die zeitgenössische Polnische Freiwillige Kavallerie.

Wie sieht die Struktur der Kavallerie aus, besteht sie nur aus berittenen Truppen?

Es gibt in Polen einige Gesellschaften der Freiwilligen Kavallerie. Unsere Truppe gehört zur größten, der Föderation der Freiwilligen Kavallerie (Federacja Kawalerii Ochotniczej), welche einige solcher Truppen wie die unsere vereinigt. Um der Föderation anzugehören muss man verschiedene Normen erfüllen, beispielsweise muss man die Zustimmung seiner Veteranen erhalten sowie Normen bezüglich der Schulung und des Exerzierens zu Pferde einhalten.

Mutprobe für Mensch und Tier, Foto: 3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

Mutprobe für Mensch und Tier, Foto: 3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

In der Struktur der Kavallerie haben wir die Cheveaulegers, Ulanen sowie Regimente von Pferdeschützen. In jedem Trupp gibt es verschiedene Dienstgrade: über die Chevaulegers und Unteroffiziere, bis hin zu den Offizieren. Um einen höheren Dienstgrad zu erhalten, muss man einen Kurs absolvieren. Dafür haben wir ein eigenes Schulungszentrum der Kavallerie (Centrum Wyszkolenia Kawalerii Ochotniczej). Für einen Offiziersdienstgrad muss man eine Abteilung aus sechs Reitern aufstellen und aufzeigen, dass diese ausgebildet sind und man imstande ist sie anzuführen. Die verschiedenen Dienstgrade lassen demnach auf unsere jeweiligen Fertigkeiten schließen. Die Freiwillige Kavallerie ist eine immerwährende Schulung neuer Personen.

Wie sieht denn die Rekrutierung neuer Personen aus, gibt es bestimmte Kriterien, die man erfüllen muss?

Eines der Hauptkriterien ist leider auch in der heutigen Zeit noch das Geschlecht. Lediglich Männer können der Kavallerie beitreten. So war es vor dem Krieg, und so ist es heute noch.

Also wird die Tradition fortgesetzt. Wird denn eine Änderung in Betracht gezogen?

Es gab durchaus schon Versuche. Beispielsweise gibt es Initiativen, dass Frauen im Damensattel reiten. Aber die Kavallerie ist traditionell Männersache und außerdem könnten sich die Frauen in einigen Situationen unbehaglich fühlen, z.B. wenn wir bei einer Schulung ein Zelt mit zwölf Männern und einer einzigen Frau hätten. Es wäre aber unmöglich für uns ohne Frauen zu funktionieren, die viele organisatorische Aufgaben übernehmen. Wenn vor dem Defilee alle schon aufgesessen sind, dann können wir die letzten Kleinigkeiten nicht mehr selbst erledigen und die Hilfe der Freundinnen, Ehefrauen, Verlobten, Mütter, Tanten und Omas ist einfach unbezahlbar. Auch wenn sie den Strukturen selbst nicht beitreten können, wären wir ohne sie nicht imstande zu funktionieren.

Aus welchen Komponenten besteht die Ausbildung zum Cheveauleger?

Vorführung der Kavallerie, Foto:  3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

Vorführung der Kavallerie, Foto: 3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

Die polnische Kavallerie ist die einzige Kavallerie auf der Welt in der es noch Schulungen zur Waffenbeherrschung gibt. Die Waffen der polnischen Kavallerie stellen die Lanze und der Säbel dar. Die Basis der Ausbildung bleibt natürlich das Reiten. Wenn jemand zu uns kommt, der noch nicht reiten kann, dann ist das kein Problem. Im Rahmen der Kavallerie bringen wir es ihm bei. Beherrscht jemand das Reiten, kann er zum Exerzieren zu Pferde in der Gruppe übergehen. Anschließend kommt die Handhabung der Waffen ins Spiel. Das ist gar nicht so einfach, wie es aussieht. Wir fangen zunächst mit Bodenübungen an. Zusätzlich haben wir ein Holzpferd gebaut auf dem man üben kann. Wenn man keine Bedrohung mehr für sich selbst und das Pferd darstellt, beginnt das Training auf dem Pferd. Bei Turnieren können wir unsere erlernten Fähigkeiten einer Prüfung unterziehen, beispielsweise beim gesamtpolnischen Military-Wettkampf. Military ist eine sehr weit gefasste Disziplin, die sich aus sechs verschiedenen Elementen zusammensetzt: dem Dressur- und Springreiten, dem Country Cross, der Lanzen- und Säbelbeherrschung sowie der Uniformüberprüfung, bei der die Kommission sowohl den Reiter, als auch das Pferd inspiziert.

Gibt es andere Veranstaltungen, abgesehen von Turnieren, an denen die Kavallerie teilnimmt?

Ja sicher. Solche Veranstaltungen sind immer Höhepunkte für jeden Kavalleristen, wie z.B. die Parade anlässlich der Feierlichkeiten zum 11. November (Polnischer Unabhängigskeitstag, Anm d. Red.).

Werden Sie bei einer solchen Gelegenheit von den Organisatoren kontaktiert?

Das Kavallerie-Orchester, Foto:  3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

Das Kavallerie-Orchester, Foto: 3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

Im Prinzip sind wir im ständigen Kontakt mit dem Bürgeramt und auch dem Ministerium der Nationalen Verteidigung (Ministerstwo Obrony Narodowej). In unserer Truppe besitzen wir zusätzlich das einzige berittene Orchester in Polen. In der Vorkriegszeit gehörte zu jedem Regiment ein Orchester. Die meisten der Instrumente kann man einhändig spielen, also hält man in der einen Hand das Instrument und in der anderen die Zügel. Ich persönlich spiele die Kesselpauke, und habe zwei von ihnen am Sattel befestigt. Die Zügel sind an den Steigbügeln festgemacht, sodass ich mein Pferd mit den Beinen steuern kann. Das bunte Orchester zusammen mit der Kavallerie ist auf jeden Fall sehr beliebt beim Publikum. Wobei es nicht ganz so einfach ist Leute zu finden, die leidenschaftlich gerne reiten, ein Instrument spielen und dann noch männlich sind. Da kommt einiges an Anforderungen zusammen.

Noch eine Frage zu den Auswahlkriterien, dürfen denn nur polnische Staatsbürger der Kavallerie beitreten?

Nein, keinesfalls. Einer unserer Kavalleristen kommt beispielsweise aus Weißrussland, die Staatsangehörigkeit ist also kein ausschließendes Kriterium. Auch was das Alter angeht sind wir sehr offen. Von etwa 14-jährigen Jugendlichen bis hin zu über 60-jährigen Kavalleristen ist alles vertreten.

Wenn die Kavallerie an staatlichen Veranstaltungen teilnimmt, gibt es dann finanzielle Unterstützung vom Staat?

Leider nein. Die Finanzierung ist auch eine recht schwierige Angelegenheit. Schon der Reitunterricht kostet einiges, dann kommen noch die Uniformen hinzu, der Pferdetransport zu den Veranstaltungen etc. Der größte Teil der Finanzierung kommt aus unserer eigenen Tasche. Manchmal gibt es Zuschüsse oder Sponsoren, aber das ist nur ein kleiner Anteil des finanziellen Aufwandes. Wir erhalten die polnischen Traditionen, müssen nebenbei noch arbeiten, studieren, für unsere Familien sorgen und eben auch unsere Mittel in die Kavallerie investieren. Natürlich machen wir das gerne, schließlich ist das unsere Leidenschaft, ein freiwilliger Dienst. Dennoch fehlt es gelegentlich an Unterstützung vonseiten des Staates.

Tatsächlich könnte man meinen, dem Staat sei etwas daran gelegen, die Arbeit der Kavallerie zu fördern.

Auf dem Exerzierplatz, Foto:  3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

Auf dem Exerzierplatz, Foto: 3. Pułk Szwoleżerów Mazowieckich

Ja, umso mehr, da wir uns auch sehr für die allgemeine Bildung einsetzen. Es gab zum Beispiel eine Initiative Wrześniowy Szlak (September-Route) bei der einige berittene Truppen dem Kriegspfad der Regimente der Vorkriegskavallerie folgten. Sie haben dabei sehr viele Schulen besucht und besonders auf dem Land waren die Kinder total begeistert. Das ist eine wunderbare Geschichtsstunde, nicht aus dem Buch, sondern zum Anfassen. Einmal im Jahr haben wir in Warschau unsere Feierlichkeiten, die Warschauer Kavallerietage. Eine ganze Woche lang haben Hunderte von Schulklassen uns besucht. Sie wurden durch die Ausstellung geführt und für jede der Klassen gab es zusätzlich eine kleine Vorführung der Kavallerie. Das ist lebendige Geschichte für die Kinder, was doch wirklich eine tolle Sache ist.

Ist es denn schwierig die Pflichten eines Cheveaulegers mit dem Alltag zu verbinden?

Generell haben wir zwei Mal in der Woche Reitunterricht bei dem wir hauptsächlich das gemeinsame Exerzieren üben, damit die Truppe und die Pferde aufeinander eingespielt sind. Die investierte Zeit hängt zum einen von den Möglichkeiten, zum anderen von den jeweiligen Ambitionen ab. Wenn jemandem viel an Turniererfolgen liegt, muss er entsprechend mehr Zeit in das Training investieren. Oftmals haben wir auch am Wochenende zusätzliche Schulungen. Das fördert natürlich sowohl die Integration der Menschen und Pferde, als auch die Trainingsfortschritte vor einem wichtigen Wettbewerb oder Auftritt. Die Kavallerie fordert natürlich einiges an Zeit, aber wir lieben ja was wir tun.

Vielen lieben Dank!

 

Weitere Informationen finden Sie unter:

– Die Internetseite des 3. Regiments der Masowischen Cheveaulegers: http://3szwol.pl/ sowie die Facebook-Seite: https://www.facebook.com/3szwol

– Die Föderation der Freiwilligen Kavallerie: http://www.kawaleria-ochotnicza.pl/

– Die Warschauer Kavallerietage: http://dni-kawaleryjskie.pl/

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Comments
  1. Frank Segert
    • Karolina Koleńska

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