Geschichte trifft Gegenwart – Die Geschichte von Adela Schwarzer

Kazimierz in Krakau. Foto: Polen.pl (JW)

Ehemaliges jüdisches Viertel in Krakau: Kazimierz

(Chemnitz, FM) Wenn die Geschichte den Weg in die Gegenwart findet, dann trifft einen das meist etwas unerwartet. Krakau ist so ein Ort, an dem man bei jedem Schritt in irgendeiner Form die Geschichte streift. Sie gehört in den meisten Häusern und Gassen ohnehin zum Alltag. In diesem Fall jedoch ist es ein wenig anders, weil die Geschichte hier ein Gesicht bekommt.

Als ich vor ein paar Tagen jene Kiste öffnete, in der alle Relikte des letzten Krakaubesuches – einschließlich Straßenbahntickets und Restaurantrechnungen – schlummerten, um endlich das längst fällige Fotoalbum zu bestücken, fielen mir sechs Seiten Papier in die Hände, die auf dem Titel das Bild einer jungen Frau zeigen. „In loving memory of Adela Schwarzer, a Holocaus survivor from Kraków” steht in großen Lettern auf dem Titel – ich erinnerte mich: Ich hatte das Papier in einem kleinen Café im Kazimierz entdeckt, in das wir während eines Platzregens geflohen waren. Ich begann es noch einmal zu lesen und die Geschichte berührte mich. Adela Schwarzer, Jahrgang 1923, geboren in Krakau, überlebte sieben Konzentrationslager der Nazis. Die letzte Station war Bergen-Belsen. Man fand sie halb tot auf einem Berg lebloser Körper gerade noch 23 Kilo wiegend – doch Adela überlebte. Am 8. Mai 2005 – dem 60. Geburtstag der Kapitulation von Nazi-Deutschland – starb Adela in ihrer neuen Heimat Schweden. Ihr ganzes Leben hatte sie verzweifelt nach dem Verbleib ihrer Angehörigen geforscht und nie eine Antwort erhalten.

Das Anliegen dieses Sechsseiters, den Violetta Reder im Einverständnis von Adelas Familie verfasst hat, ist es, doch noch Antworten zu finden. Auch, wenn das fast 70 Jahre danach immer schwieriger wird.

Adelas Geschichte

Adela Schwarzer ca. 1946 Foto: privat

Adela Schwarzer ca. 1946
Foto: privat

Adela wird 1923 in der ul. Sołyka 13 in Kraków geboren. Ihre Eltern stammten beide aus der polnischen Kleinstadt Cieszanów, die nahe der heutigen Grenze zur Ukraine liegt. Damals war sie Teil von Österreichisch Galizien. Ihr Vater, Mechel Schwarzer (*1888) siedelte 1912 nach Kraków, ihre Mutter, Malka Beila Tennenbaum (*1890) folgte 1917. Die Familie ihrer Mutter musste ihren Heimatort verlassen, weil er im ersten Weltkrieg völlig zerstört wurde. Adela erinnerte sich immer an die Geschichte, die Ihr Großvater über die Flucht erzählt, dass er nämlich auf einem weißen Pferd entkommen sei.

Die Schwarzers lebten den Angaben zufolge zwischen 1918-1922 im Kazimierz in der Miodowa 32. 1922 zogen sie in die Wielicka Nummer 13 App. 2. Das Haus stand noch bis in die 1970er Jahre, dann beschloss die Stadtspitze Krakaus den Bau einer Schnellstraße und die Häuser mussten weichen.

Die Familie war arm, aber sehr offen und gastfreundlich. So wohnten zeitweise zwölf Personen in der kleinen Wohnung bestehend aus einer Küche und einem separaten Raum. Adelas Vater war Kaufmann und betrieb im Kazimierz einen kleinen Laden mit Antiquitäten und Möbeln. Ihr älteste Schwester Gusta Schwarzer arbeitete im Geschäft ihres Vaters als Verkäuferin. Adela hatte insgesamt sechs Geschwister: Izak Schwarzer (*1919), Gusta Schwarzer (*1921), Helena Schwarzer (*1925), Regina Schwarzer (*1926), Samuel Schwarzer (*1928) und Amalja Schwarzer (*1930). Izak war Automechaniker, Gusta Verkäuferin im elterlichen Geschäft, Helena war Schneiderin und über Amalja sagte man, dass sie wohl nicht lang zu leben hätte, da sie nach der Geburt zu schwach war – und dennoch, als Adela sie das letzte Mal sah, war aus ihr ein ganz normaler Teenager geworden.

Adela lernte in einem Modegeschäft in der heutigen ul. Floriańska Hutmacherin. Sie erinnerte sich an die ersten antisemitischen Vorkommnisse aus den 1930er Jahren. Sie sollte Hüte im Universitätsviertel ausliefern, als sie von Studenten angegriffen wurde.

Die Schwarzers im besetzen Kraków

Am 6. September  1939 – eine Woche nach Ausbruch des 2. Weltkrieges – marschierten die Nazis in Krakau ein und besetzten es.  Sofort wurden spezielle Regeln und Gesetze für den jüdischen Teil der Bevölkerung eingeführt. Das Modegeschäft, in dem Adela arbeitete, wurde bald geschlossen. Im November erging der Erlass, dass alle Juden eine weiße Armbinde mit blauem Davidstern tragen mussten.

Die ersten Deportationen fanden 1940 statt. Die Schwarzers gehörten zu den letzten Juden, die von Krakau aus deportiert wurden. Sie kamen zunächst nach Rzeszów – 13 Personen, ein Raum. Adelas Eltern starben bereits 1941, ihre Mutter erlag einem Herzleiden, der Vater erkrankte an Typhus. Das Ghetto von Rzeszów wurde am 10. Januar 1942 geräumt. Adela und ihre Geschwister arbeiteten an der örtlichen Bahnstrecke. Im Frühjahr wurde sie mit ihrem Arbeitskommando nach Biesadka versetzt – das war das letzte Mal, das Adela ihre Geschwister sah. Nach dem Krieg, traf sie auf ehemalige Häftlinge aus Rzeszów, die ihr erzählten, ihre jüngste Schwester hätte den Krieg in einem Abfalleimer versteckt vor den Nazis überlebt? Leider ergab auch diese Spur kein Ergebnis.

Von Biesadka aus folgte eine reine Odyssee – von dort ging es weiter über Płaszow bei Krakau nach Skarżysko-Kamienna, nach Częstochowa weiter bis ins deutsche KZ Buchenwald bei Weimar und letztlich nach Bergen-Belsen. Im April  1945 wurde das Camp von den Briten. Man fand Adela halb tot auf einem Berg Leichen. Es bestand kaum Hoffnung auf Genesung, aber Adela schafft es – sie überlebte. Als sie sich etwas stabilisiert hatte, verlegte man sie zunächst in ein Krankenhaus nach Lübeck, bevor das schwedische Rote Kreuz sie nach Malmö brachte. Adela blieb in Schweden, heiratete und bekam Kinder. Aber eines schaffte sie in ihrem Leben nicht mehr: Eine Antwort  auf die Frage zu finden, was mit ihren Geschwistern geschehen war. Hatten auch sie das Grauen überlebt? Oder fielen sie den grauenvollen ideologischen Iden der Nazis zum Opfer?

Ihre Familie möchte die Suche fortsetzen, um nach so vielen Jahrzehnten vielleicht doch noch eine Antwort auf die Frage zu finden, die Adela ihr ganzes Leben beschäftigte und bis zu ihrem Tod nicht los gelassen hatte. Vielleicht erinnert sich jemand an Adela, Izak, Gusta, Helena, Regina, Samuel und Amalja Schwarzer.

Auch nach fast 70 Jahren zeigt diese Geschichte, dass die Folgen des zweiten Weltkriegs mit all seinem Leid nichts an seinem Schrecken eingebüßt hat. Geschichten wie diese sind es, die dem Schrecken ein Gesicht geben, die aus blanken Zahlen, Daten und Fakten ein Schicksal generieren. Genau das ist der Grund, warum man auch so viele Jahrzehnte danach, nicht aufhören darf, die Erinnerung an all jene, die diesem Krieg zum Opfer fielen, aufrecht zu halten und an ihre Schicksale zu erinnern.

Weitere Informationen zu diesem Thema: www.adelaschwarzer.com

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Comments
  1. MJanssen
    • Franziska Markowitz

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