Gliwice: von der Braunkohle zu Start-Ups – eine Stadt im Wandel

Die Schwerindustrie prägte Gliwice. Heute investiert die Stadt in neue Technologien.

Gliwice: Einst eine Industriestadt – heute eine Stadt, die auf Technologie setzt | Quelle: Lestath, CC BY-SA 3.0

Mit rund 185 000 Einwohnern kann die oberschlesische kreisfreie Stadt Gliwice im südlichen Teil Polens auf eine wechselhafte Geschichte zurückblicken. Gegründet im 13. Jahrhundert, gehört Gliwice damit zu den ältesten Städten in Oberschlesien. Die Schlesischen Kriege zwischen Habsburg und Preußen brachten eine große Zäsur für Gliwice, denn ab 1741 unterstand fast ganz Schlesien der Herrschaft Preußens. Hier beginnt im Grunde die wirtschaftliche Identität der Region – der Bergbau und später das Hüttenwesen. Im 19. Jahrhundert angekommen, befand sich Schlesien und damit auch Gliwice im Industrialisierungsrausch. Die industrielle Entwicklung im Herzen Europas brachte Reichtum, prägte die Identität der Region, weitete die Verkehrsinfrastruktur aus und veränderten die Landschaft. Heute zeugt die Route der Technikdenkmäler der Woiwodschaft Schlesien von der einstigen Industriegeschichte. Aber auch der Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939 ging als historischer Moment in das kollektive Gedächtnis ein: unter dem Tarnnahmen „Unternehmen Tannenberg“ wurde dem Zweiten Weltkrieg der Weg geebnet.


Die Nähe zu Katowice ist ein Motor für die Stadtentwicklung, denn durch die gemeinsame Wirtschaftssonderzone Katowice AG sind hier auf dem Gelände über 60 Unternehmen aus Branchen wie Automobilbau, Metallverarbeitung, Bauwesen, Maschinenbau, Elektronik und Logistik angesiedelt.

Postsowjetische Ära in Oberschlesien 

Die Region um Gliwice erlebte nach dem Zerfall der Sowjetunion einen immensen wirtschaftlichen Strukturwandel. Die radikale Wende in den 90er Jahren führte dazu, dass die Arbeitslosigkeit in die Höhen ging.  Noch zu sozialistischen Zeiten blühte in Schlesien die Schwer- und Montanindustrie. Doch die Transformation versetzte dem wirtschaftlichen Motor des Landes einen Dämpfer. Die Nachfrage nach polnischer Kohle und Stahl ging in der postkommunistischen Ära stark zurück. So kam es zu Schließungen von Steinkohlebergwerken sowie Stahlwerken in Oberschlesien.

Die Rationalisierung brachte aber nicht nur eine wirtschaftliche Misere, auch auf der sozialen Ebene hinterließ der Transformationsprozess Spuren. Ganze Städte haben ihre Identität verloren. Über dieses Phänomen schrieb Polen.pl bereits: mit der steigenden Perspektivlosigkeit stieg auch die soziale Segregation. Viele Industriestädte in Oberschlesien kämpften mit Armut und Kriminalität, mit bröckelnden Fassaden und Schrumpfung der Städte.

Neue Spielregeln – neues Glück: wirtschaftliche Entwicklungen 

Nach den Wirren der 90er Jahre kehrte in den 2000er Jahren eine Stabilisierung im Wirtschaftssektor ein. Es wurden Strategien gesucht, die Attraktivität der Region zu steigern. Neue Technologien und die Gründung einer Sonderwirtschaftszone, die eine rechtliche und administrative Erleichterung für Investoren bereithält, hievten die Region aus der Rezession.Unternehmen, die in Polen investierten, mussten in diesen kreierten Zonen keine Steuern zahlen. Diese Wettbewerbspolitik musste Polen allerdings bis spätestens 2011 einstellen – das war eine der vielen Bedingungen des Beitrittsvertrages zwischen EU und Polen. So bewegt sich (stand 2012) die Arbeitslosenquote in Gliwice bei rund 6,9 Prozent – unter dem nationalen Schnitt von rund 10,0%.

Ein Investor kommt selten allein –  Opel/General Motors als Leuchtturmprojekt

Seit dem 1998 gegründeten Opel-Werk in Gliwice boomt die Wirtschaft.

Seit 1998 rollt der Opel-Astra vom Band im Opel Werk in Gliwice | Quelle: ©Brücke-Osteuropa

In Bochum ging eine Ära der Produktion zu Ende, in Gliwice fing die Zukunft an: Der Opel Astra sowie Opel Cascada werden hier am Fließband produziert – damit hat sich Opel zum größten Arbeitgeber der Region katapultiert. Von der Konkurrenz konnte sich Gliwice absetzten, denn zehn Jahre Steuerfreiheit, niedrige Lohnkosten und weitere Vergünstigungen überzeugten den Investor General Motors. Das Werk in Gliwice wurde dann 1998 in nur 22 Monaten aus dem Boden gestampft. Seitdem boomt die Wirtschaft. Das liegt zum anderen an den Investitionen aus dem Ausland. Laut den Zahlen, die die Sonderwirtschaftszone Katowice AG (KSSE S. A.) vorlegt, wurde seit der Errichtung dieser Zone 1996 etwa 5,2 Milliarden Euro investiert und etwa 53 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Deutschland ist mit rund 9 % an den Investitionen beteiligt. Mittelständische Unternehmen wie Rekers, die führend Betonteile produzieren oder Hirschvogel Automotive Group, einer der größten Automobilzulieferer senden ebenfalls positive Impulse in die Region.

Innovation in roten Backsteinhallen: neue Start-Ups entstehen im polnischen Silicon Valley

Das alte Bergwerksareal wurde revitalisiert. Nun steht hier ein Zentrum für Bildung und Wirtschaft

Ein neues Zentrum für neue Technologien – das Revitalisierungsprojekt Nowe Gliwice | Quelle: © Chris Duda

Nachhaltigkeit ist ein Stichwort, dass die Strategie der Regionalentwicklung treffend bezeichnet. Die Erfahrung aus der Vergangenheit lehrt nämlich, dass eine vollkommene Abhängigkeit von einem Industriezweig nicht ein Zukunftsmodell sein kann. So entwickelt sich die Region um Gliwice neben der Automobilbranche stetig zu einem wichtigen Logistikknotenpunkt. Nicht zuletzt durch den Ausbau der Autobahn A4, die viele wichtige Städte von West nach Ost verbindet sowie A1, die Norden und Süden zusammenführt. Auch das 2011 gegründete Śląski Klaster Logistyczny (der Schlesische Logistik Cluster) trägt zu dieser Position bei. Es versteht sich als ein neues Forum – damit wird ein Spagat zwischen Firmen und Institutionen geschlagen. Aber die Revitalisierungsvorhaben erschöpfen sich nicht nur auf dem wirtschaftlichen Gebiet. Mit dem Bau des Zentrums Nowe Gliwice, das rund 24 Millionen Euro kostete, wird ein Konzept verfolgt mit dem auch die einstige Textilmetropole Łódź erfolgreich leerstehende Industrie-Areale mit Sinn füllt: ehemalige Gebäude des Bergwerks „Gliwice“ dienen nun als Bildungs- und Geschäftszentren. Die ansässigen „Technologie- sowie Businessparks“ bieten jungen Absolventen der Technischen Universität Gliwice Platz für neue Ideen. Über solche Wiederbelebungsmaßnahmen längst vergessener Räume in Oberschlesien berichtete auch Grenzenlos – eine Plattform für deutsch-polnische Jugendthemen.

Es weht also ein neuer Pioniergeist durch die Fabriken aus rotem Backstein – Was einst als das Symbol der Schwerindustrie des 19. Und 20. Jahrhunderts galt, sind es heute Orte des 21. Jahrhunderts, da wo die Technologie von morgen entwickelt wird.

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