Goldgräberstimmung im Holocaust

Schuhe von Opfern in der Gedenkstätte Auschwitz. Foto: Polen.pl (MH)

Schuhe von Opfern in der Gedenkstätte Auschwitz. Foto: Polen.pl (MH)

(Berlin, PS) Seit der Veröffentlichung seines Buches »Neighbours« (deutscher Titel: Nachbarn) vor mehr als zehn Jahren, sorgt der in Polen geborene Soziologe und Historiker Jan Tomasz Gross immer wieder für hitzige historische Debatten innerhalb der polnischen Gesellschaft.

Jetzt wird im Februar sein neuestes Buch in Polen erscheinen.

Es handelt von der einheimischen polnischen Bevölkerung, die nach dem Abzug der SS die Vernichtungslager nach übrig gebliebenen Reichtümern der dort ermordeten Juden durchsuchten. »Golden Harvest« (deutsch: Goldene Ernte) heißt das Buch im englischen Original.

Ein Foto als Ausgangspunkt

Ausgangspunkt für das Buch von Gross ist ein Foto, das auch auf dem Umschlag zu sehen sein wird: Es ist ein Gruppenfoto – Männer und Frauen, die aussehen wie Landarbeiter, sie führen Schaufel und Spaten mit sich. Zu ihren Füßen liegt ihre Ernte – doch erst beim zweiten Blick offenbart sich: Es ist kein Gemüse, das dort liegt, sondern menschliche Schädel und Gebeine.

Das Foto ist in Treblinka aufgenommen, nach dem Abzug der SS und nach dem Abriss des Vernichtungslagers. Die Menschen durchstöberten die Erde auf der Suche nach Wertgegenständen der dort ermordeten Juden. In der historischen Forschung war diese »Goldgräberstimmung« am Ende des Zweiten Weltkrieges in den ehemaligen Vernichtungslagern schon länger bekannt – entsprechende Berichte gibt es neben Treblinka über die Vernichtungslager Sobibor und Belzec. Auch in Polen berichtete Gazeta Wyborcza bereits 2008 über eben jenes Foto und seine Geschichte  – nun bekommt sie durch Jan Tomasz Gross eine breitere Öffentlichkeit.

Von »Nachbarn« und »Angst«

Denn die Bücher von Gross bleiben keine in Wissenschafts-Nischen diskutierte Forschungsliteratur. Seine Veröffentlichungen zerbrechen die große historische Erzählung, treffen die polnische Geschichtsschreibung und die polnische Gesellschaft an einem empfindlichen Nerv: Gross zeigt unbequeme Wahrheiten. Er schreibt über polnischen Antisemitismus, Kollaboration mit den deutschen Besatzern, polnische Profiteure des Holocaust und über Massaker von Polen an ihren jüdischen Nachbarn – Randphänomene, die bis zur Wende tabuisiert waren. Doch auch heute noch entfachen gerade solche Beiträge, wie die von Gross, in Polen schwere Auseinandersetzungen über das eigene Geschichtsbild.

Im Buch »Nachbarn« (2000) beschrieb Gross das Massaker von Jedwabne, einer Kleinstadt im Nordosten Polens. Dort trieben nicht-jüdische Polen am 10. Juli 1941 die Juden der Stadt in eine Scheune und verbrannten sie. Gross geht davon aus, dass die Polen nicht von den deutschen Besatzern zum Morden gezwungen oder überredet wurden. Das Eigentum ihrer ehemaligen jüdischen Nachbarn teilten die Polen später unter sich auf.

2006 folgte das Buch »Fear« (deutsch: Angst). In diesem Buch beleuchtete Gross das Pogrom in Kielce im Juli 1946, bei dem polnische Einwohner der südpolnischen Großstadt 42 Juden ermordeten, die den Holocaust überlebt hatten.
Beide Bücher schlugen in Polen hohe Wellen und führten zu intensiven Debatten über das polnische Geschichtsbild und somit auch über das Selbstverständnis der polnischen Gesellschaft. Gross wurde in Polen für seine Schlussfolgerungen teilweise heftig angegriffen, auch die Wissenschaftlichkeit seiner Recherchen wurde von Historikern in Zweifel gezogen, seine Methoden kritisiert.

Widerstand per E-Mail

Nun deutet sich an, dass »Golden Harvest« wieder zu einer intensiven historischen Diskussion in Polen führen wird. Die beiden großen Tageszeitungen Gazeta Wyborcza und Rzeczpospolita berichten im Moment fast täglich über Jan Tomasz Gross und sein Buch.

Mittlerweile haben Konservative einen Aufruf gestartet, den polnischen Verlag »Znak«, der das Buch im Februar herausbringen will, mit E-Mails zu bombardieren, um so eine Veröffentlichung zu verhindern. Trotz der Protest-Mails hält der Verlag aber an einer Herausgabe fest. In den USA wird das Buch erst im August 2011 erscheinen, ein Termin für eine Veröffentlichung in den Deutschland ist der Redaktion bislang nicht bekannt.

Weitere Informationen:

Über den Autor von »Golden Harvest«:

Jan Tomasz Gross, geboren in Polen. Studium ab 1965 in Warschau. Fortsetzung des Studiums ab 1969 in den USA. Lehrt und forscht an der Universität in Princeton, seit 2003 Professor für Geschichte in Princeton.

Ein weiterer deutschsprachiger Artikel zu Gross und den »Goldgräbern« in Treblinka:

http://derstandard.at/1293370347622/Goldrausch-in-Treblinka

Ein Artikel über die Protestaktionen gegen den Verlag »Znak«:

http://krakow.gazeta.pl/krakow/...

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