Håkan Nessers Nähe zu Polen

Buchcover Hakan Nesser, Das zweite Leben des Herrn Roos. Foto: Polen.pl (JW)

In 'Das zweite Leben des Herrn Roos' erinnert sich Anna an ihre Zeit in Kolobrzeg (Kolberg)

(Berlin, JW) Kriminalromane aus Schweden haben es in den letzten Jahren geschafft, eine führende Position im Krimi-Markt einzunehmen. Neben Henning Mankell, der mittlerweile einem breiten Publikum in Deutschland auch durch seine verfilmten Romane bekannt geworden ist, ist vor allem Håkan Nesser einer der ‚ganz Großen‘ unter den schwedischen Krimi-Autoren.

Er hat mit seinen Büchern einen festen Platz in den Bücherregalen der Buchhändler, neben anderen berühmten ‚Schweden-Krimi-Schreibern‘ wie eben Mankell, aber auch Per Wahlöö, May Sjöwall, Björn Larsson, Åsa Larsson oder Johan Theorin. Wer, wie der Verfasser dieses Beitrags, so ziemlich alle Bücher von Håkan Nesser gelesen hat, ist sicher ebenfalls über die häufigen Anleihen an polnische Landschaften und – in jüngeren Werken – auch häufigere Nennung von Bezügen zu Polen gestolpert. Dabei zeichnen sich diese Bezugnahmen immer durch eine ordentliche Recherche aus: Fehler sind nicht zu bemerken. Jedenfalls hat der Schreiber dieses Artikels keine finden können.

Schweden und Polen

Doch was motiviert den im schwedischen Kumla geborenen Autor, immer wieder Polen in seinen Werken auftauchen zu lassen? Der sehr erfolgreiche Nesser ist mit fast 61 Jahren – er wird am morgigen 21. Februar 61 – nicht gerade einer Generation zuzurechnen, für die Reisen aus Schweden nach Polen früher die Regel waren. Auch die Kindheit auf einem schwedischen Bauernhof ermöglichte sicherlich nicht unbedingt, nach Polen zu reisen. Familiäre Verbindungen dorthin sind nicht bekannt.

Der Geisteswissenschaftler, der Englisch Literaturgeschichte, Nordische Sprachen, Geschichte und Philosophie) in Uppsala studierte, arbeitete in Märsta und Uppsala als Lehrer. So zumindest informiert er auf seiner eigenen deutschsprachigen Internetseite. Berufliche Fahrten nach Polen in seiner Berufslaufbahn als Lehrer sind daher zwar möglich, aber nicht dokumentiert. Heute reist Nesser offenbar viel, unter anderem zwischen seinen Wohnsitzen in London und auf Gotland. Vermutlich verschlug ihn diese Reiselust auch gelegentlich nach Polen. Aber: Öffentlich geäußert hat sich Nesser dazu bisher nicht, jedenfalls nach Kenntnis des Verfassers dieses Beitrags. Bis hierher gibt es noch keine Antwort darauf, warum sich der Schwede immerhin so weit für Polen begeistert, dass er das Land in seinen Büchern häufiger auftreten lässt.

Andersherum ist es allerdings sehr wahrscheinlich, dass Nesser in Schweden auf polnischstämmige Menschen getroffen ist: Ähnlich, wie viele Polen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten vorübergehend oder dauerhaft nach Deutschland gingen, so wählten auch viele skandinavische Länder als Ziel. Hier gab es in der Vergangenheit mehr und bessere Arbeit und eine bessere wirtschaftliche Perspektive als im früheren Polen. Die Möglichkeit, dass Nesser beispielsweise als Lehrer, als der er bis 1998 arbeitete, Schülerinnen oder Schüler mit polnischem Migrationshintergrund in Schweden unterrichtete, könnte ein Grund für sein Interesse an diesem Land sein. Genau wissen wir es nicht, was uns natürlich dazu motiviert, einmal nachzufragen.

Maardam ähnelt Holland, Deutschland, Dänemark – und Polen

Die erste erfolgreiche Romanserie von Nesser mit dem Hauptprotagonisten Komissar van Veeteren spielt in Maardam. Das Land Maardam gibt es nicht – in Nessers Büchern liegt es allerdings in Europa. Nesser selbst weiß nicht ganz genau, wo, aber nach eigener Aussage in einem Interview mit der ARD liegt es ‚[…] offensichtlich irgendwo in Nordeuropa und es ist nicht in Schweden. Ich würde schätzen, es befindet sich in der Nähe von Holland, Deutschland, Polen und Dänemark […]‘ (Quelle: dasErste.de). Auch landschaftliche Anleihen können durchaus nach Polen gehören, wie der Analyse der Romanwelt der ‚van Veeteren-Serie‘ zu entnehmen ist: Neben den Hinweisen auf die Ähnlichkeit Maardams zu den Niederlanden und zu Schweden gäbe es auch ‚genügend Binnenklima und deutsch-polnische Patina‘. Ob die Referenz zu einem eher unbekannten schwedisch-polnischen Schriftsteller namens Leon Rappaport Zufall ist, oder nicht? Man weiß es nicht: Aber immerhin findet der fiktive Kriminalkomissar van Veeteren eine polnische Ausgabe des für seine Geschichte wichtigen Werks Rappaports in seinem Antiquariat – mit dem Titel ‚Die Determinante‘.

Eine Referenz zu filmischen Dokumenten mit polnischer Herkunft findet sich auch in der ‚van Veeteren-Reihe‘: Die Filme von Krzysztof Kieślowski lassen den Komissar häufiger nachdenklich werden; es wird in Eugen G. Brahms Analyse der Nesser’schen Romanwelt hier wiederum sogar ein Bezug zu Nessers persönlicher Biographie gezogen: Dieser soll, als er in Uppsala wohnte, dort häufiger im dortigen Kino Filme unter anderem von Kieślowski gesehen haben. Hier könnte also durchaus ein Interesse an Polen entstanden sein; insbesondere an den sozialen Umständen und Werten Polens.

Kolobrzeg (Kolberg) im Gedächtnis

In der jüngsten Krimi-Serie Nessers, in der der Komissar Barbarotti die zentrale Figur ist, wird der Bezug zu Polen noch direkter. So findet sich beispielsweise im Buch ‚Das zweite Leben des Herrn Roos‚ in den Erinnerungen der polnischstämmigen Anna Gambowska nicht nur der Hinweis zur in Polen lebenden und im Verlauf der Geschichte sterbenden Großmutter, sondern auch klare Erinnerungen an ihre Kinderzeit. Die hat die wichtige Figur in diesem Roman häufiger ’nad morzem‘, also am Meer verbracht. Unter anderem in der Nähe von Kołobrzeg (Kolberg), aber auch an irgendeinem Strand in der Nähe von Danzig.

Bei der Beschreibung der nach Schweden eingewanderten polnischstämmige Familie Anna Gambowskas scheint Nesser den Klischees zunächst nicht auszuweichen: Die Mutter lebt getrennt vom früher prügelnden Ehemann, sie neigt auch zum Alkoholismus. Die Tochter ist in das Drogenmilieu abgerutscht und auch der Bruder Marek birgt ein Geheimnis. Allerdings werden die ‚Paradiesvisionen‘ zwischen Schweden und Polen vertauscht: Polen erscheint als das erstrebenswerte und wertebezogen heilere Land, wenn auch die wirtschaftlichen Bedingungen nicht an die in Schweden heranreichten. Diese indifferente Position kann durchaus auch den Leser zum Nachdenken anregen. So wie auch viele weitere Grundsätzlichkeiten, die natürlich zum weitaus größten Teil ohne Bezug zu Polen daherkommen.

Noch ein Grund zum Lesen

Wer also einen Hang zu guter Krimiliteratur hat und die Bücher Nessers noch nicht gelesen hat: Auf die Feinheiten in den Bezugnahmen zu Polen zu achten, könnte doch ein weiterer Grund sein, sich eines oder gleich mehrere der Nesser-Bücher zuzulegen. Auch all die weiteren Zwischenebenen und wiederkehrenden Muster machen das Lesen zu einem anspruchsvollen Vergnügen. Nicht, dass der ‚Polen-Bezug‘ eine bestimmende Rolle – eine ‚Determinante‘ – der Nesser-Romane wäre. Nein, das dann doch nicht. Aber auffällig, interessant und neugierigmachend ist dieser Aspekt unbenommen. Ganz abgesehen davon, dass die Bücher vom Verfasser dieses Beitrags einfach für sehr unterhaltsam und sehr anregend befunden werden. Empfehlung? Ja!

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  1. Lea

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