Heldenfreie Sinnsucher: Andrzej Stasiuks ‚Weißer Rabe‘

Foto des Covers der Erstausgabe (Deutsch) von Stasiuk, Der weiße Rabe. Foto: Polen.pl (MH)

Lesenswert: Der weiße Rabe

(Kolobrzeg, JW) Die Warschauer Vorstadttypen sind dem Rufe nach harte Kerle. Auch, wenn Sie dann Warschauer Vorstadtmänner sind, akzeptieren sie die Gesellschaft eher, als dass sie sich zu sehr in diese eingruppieren. Alkohol, Zigaretten und wenig gediegene Freizeitinteressen prägen auch den Lebensalltag von fünf Männern im mittleren Alter, die sich fast alle seit ihrer Jugend – auf dem Dorf – kennen. Auch ihr Umzug im jugendlichen Alter in die polnische Hauptstadt hat ihre sehr spezielle Verbundenheit nicht beeinträchtigt. Ein ’sinnsuchender‘ Ausflug in die dünn besiedelte Karpatenregion hingegen stellt die Freundschaften auf eine sehr harte Probe.

Andrzej Stasiuk wift in seinem Roman ‚Der weiße Rabe‘ einen tiefen Blick in die Seelen der fünf Männer und behandelt im gleichen Zug viele Sinnfragen der männlichen Midlife-Krise gleich mit.

Eigentlich eine ganz normale Idee

Es ist eigentlich eine ganz normale Idee, dass sich ein paar Männer zusammen auf eine ‚Herrentour‘ in die Berge begeben. Wenn allerdings mehrere von ihnen mit ihrer nicht sinnerfüllten Existenz hadern, Ideen erstrebenswerten Daseins hegen und dieses Gedankengut nebst Rucksäcken voller Zigaretten und Wodka in ihrem Ausflugsgepäck haben, dann entwickeln sich unerwartete Geschehnisse. Stasiuk schafft es, die auf den ersten Blick oberflächlichen Männergespräche der einzelnen Protagonisten zu spannenden Darstellungen existentieller Überlegungen zu machen. Fragen zu stellen, die man sich selten so klar gestellt hat und einen Antwortenradius zu definieren, der den Leser gefangen nimmt.  Und nachdenklich macht.

Fünf Freunde ohne Glanz

So bleibt der Ich-Erzähler genau so wenig wie Wasyl Bandurka, der den ganzen Ausflug mit einem wohl selbst ihm selbst unbekannten Ziel unbestimmter extremer Grenzerfahrungen angezettelt hat, im Verlauf der Ereignisse heldenhaft. Das Entfliehen aus der hamsterradartigen Alltäglichkeit der Großstadt, die Suche nach einem anderen großen Ziel zwischen Freiheit und Sinnerfüllung hat dann wohl die anderen Teilnehmern des zunächst als Pfadfindererlebnis erscheinenden Zwei-Wochen-Trips auch zum Dabeisein gedrängt. Egal, ob eher gescheiterte Existenz, Vater oder gutsituierter Ehemann und Vater: Die fünf knapp über Dreißigjährigen lassen sich von den vagen Andeutungen Bandurkas zur bereits konspirativ erscheinenden Anreise über seit dem Ende des Kommunismus nur wenig veränderte Dörfer und Städtchen verleiten. Bandurka, der aus besseren Kreisen beim Einstieg in die Vorstadtgruppe auch seine Pianisten-Karriere aufgab, fehlt die Entschlusskraft, ein echtes Partisanendasein aus dem ‚Outdoor-Erlebnis‘ werden zu lassen. Das übernimmt unerwartet der undurchschaubare Kostek, der bei einer Personenkontrolle in der Wildnis einen Feldwebel ermordet – oder zumindest schwer verletzt. Daraufhin beginnt in einer Stimmung zwischen Angst, Entschlossenheit und Aufbegehren der Gesellschaft gegenüber eine physisch wie psychisch anstrengende Flucht durch die winterliche Gebirgsgegend.

Trotzdem Erkenntnisse

Trotz oder gerade in der unter schwierigen Witterungsbedingungen und schlechter Ausrüstung leidenden Gruppe in erhitzter Stimmung finden sich für einige Teilnehmer erstrebenswerte Erkenntnisse, wenn diese auch nicht den erhofften Erwartungen entsprechen. Immer wieder gedenken sie einer ‚alten Welt‘, ‚der einzig wahren, weil schon toten Welt, die endgültige Formen angenommen hatte und unantastbar war‘. Ihre Vergangenheit scheint ihnen damit als beinahe Idealtypus des lebenswerten Daseins. Doch: Das, was ‚jedem passiert und deshalb sinnlos ist‘, ist in der neuen Situation der Gruppe zumindest vorbei. Nach den Ereignissen auf dem Ausflug – subtil und gekonnt von Stasiuk in Worten gezeichnet – denkt der Ich-Erzähler an seine Jugendzeit zurück: ‚Wir müssen Heilige gewesen sein, wie alle, die noch nicht durchblicken.‘

Irgendwann bemerkt einer der im Verlauf der Ereignisse immer weniger nachdenken könnenden Protagonisten, dass vielleicht das Anderssein um des Andersseins willen auch nicht das angestrebte Dasein ist: ‚Wir hätten nicht aussteigen, hätten die Papierdekoration nicht zerreißen sollen, kindliche Neugier, es war nichts dahinter, absolut nichts, auch im Bauch eines Teddybären ist nur Sägemehl‘. Doch da es ist es schon zu spät.

Eine Empfehlung: Andrzej Stasiuk, ‚Der weiße Rabe‘, erschienen bei Rowohlt im Januar 2000, Neuauflage im Februar 2011. In einer sehr guten Übersetzung kommt das Werk Stasiuks in jeder Hinsicht fesselnd an. Stasiuk, geboren 1960, ist einer der wichtigsten und berühmtesten Autoren Polens. Das Buch bei Amazon ansehen.

Die Originalausgabe ‚Bialy krok‘ erschien 1995 bei Oberservator (Amazon-Link).

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