Hooligans und Politik – eine verhängnisvolle Verbindung

Website der Gazeta Wyborcza

Die Gazeta Wyborcza berichtet regelmäßig über Hooliganismus in Polen.

(Bremen, JE) Die Ausschreitungen in der letzten Woche beim Pokalfinale in Bydgoszcz zwischen den Clubs Lech Pozńan und Legia Warszawa waren der vorläufige Tiefpunkt in der scheinbar unendlichen Geschichte ‚Polens Fussball und seine Hooligans‘ (in Polen werden sie häufig kibole genannt, in Abgrenzung zu den normalen Fans, den kibicy. Ein Begriff, der sich nicht so einfach ins Deutsche übersetzen lässt; er beschreibt letztlich etwas zwischen ‚Ultra‘ und ‚Hooligan‘). Pseudo-Fans, die das Spielfeld stürmen, haben wir in Deutschland auch, gerade vergangenes Wochenende wieder. Europa guckt allerdings nach Polen, wo in etwas mehr als einem Jahr die Europameisterschaft stattfinden soll. Und es sieht immer neue Randale – zuletzt waren Polnische Schlachtenbummler beim Länderspiel in Litauen auffällig geworden. Die Bilder gleichen sich: Stadien werden demoliert, Sicherheitskräfte attackiert. Wichtiger ist jedoch eigentlich das, was der Betrachter von außen nicht sieht. Denn hinter dem Hooliganismus stehen in Polen politische und mediale Unterstützer, die eine effektive Bekämpfung des Phänomens seit Jahren blockieren.

Schutz von oben

Der Verein Lech Pozńan ist dafür das beste Beispiel. Posens Stadtpräsident Ryszard Grobelny nahm nach dem Skandalmatch von Bydgoszcz die Fans ’seines‘ Clubs in Schutz und verkündete, es habe sich um eine „eindeutige Provokation [der Sicherheitskräfte] gehandelt, die zu Ausschreitungen führen musste“. Der oberste Bürgermeister rechtfertigte zudem diskriminierende Plakate in Stadien als „Form der öffentlichen Debatte, die Fussballfans wie jede andere gesellschaftliche Gruppe auch führen dürfen“. Damit nicht genug, wie die Gazeta Wyborcza (GW) berichtet, ist Grobelny mit dem Chef der Posener Hooligans geschäftlich verbunden und sitzt schon mal neben diesem auf der VIP-Tribüne, wenn Lech zu hause spielt. Zu guter Letzt leistet die lokale Zeitung Gazeta Polska regelmäßig journalistische Schützenhilfe für die sogenannten Ultras. Sie seien – kurz zusammengefasst – die einzige ernst zu nehmende Bewegung, die heute den Jugendlichen noch Werte wie Patriotismus und Ehre vermitteln würde. Auf diese Weise wird der Hooliganismus salonfähig gemacht.

Der gemeinsame Feind

Posens Stadtpräsident ist kein Einzelfall. Wie GW-Redakteur Pawel Wroński in einem Kommentar zur politischen Dimension des Hooligan-Problems schildert, versuchen Oppositionspolitiker, die Aufregung um die Schließung der Stadien von Lech Pozńan und Legia Warszawa zu instrumentalisieren und Präsident Donald Tusk einen persönlichen Rachefeldzug gegen kritische Fans nachzuweisen. Auf Tusks Anordnung mussten beide Clubs ihre Heimspiele nach dem Pokalfinale vor leeren Rängen austragen – offiziell aus Sorge um die Sicherheit der Besucher, gleichzeitig gemeint als Signal, dass man so etwas fortan nicht mehr ohne Weiteres hinnehmen werde. Die Kritik kam sofort, von den Vereinen und aus der Politik. Die Stadionschließung wäre unangemessen, der einfache Fan in Sippenhaft genommen, und so weiter und so fort. Auf die Verharmlosung der Ereignisse folgt die Verbrüderung mit den Verantwortlichen. Auch Hooligans sind potenzielle Wähler. Ihre politische Präferenz zeigen sie praktischerweise Woche für Woche in den Stadien. Dass sie Tusk und die PO ablehnen, reicht einigen Oppositionspolitikern als Basis für die Zusammenarbeit.

Der Schaden ist da

Das politische Umgarnen der organisierten Vereinsanhänger ist allerdings fatal. Genau in diesem Dunstkreis bewegt sich die Art von ‚Fans‘, dessen vermummte Gesichter uns jetzt selbst in deutschen Medien präsentiert werden. Es könnte unterdessen schon erste Wirkung tragen. Die GW hat beobachtet, dass Fussballfans in letzter Zeit immer häufiger auf politischen Demonstrationen zu sehen sind – insbesondere, wenn diese von der Opposition organisiert werden. Wroński verweist in seinem Beitrag Kibolpolitik auf das Negativbeispiel Serbien, wo Fanclubs von Fussballvereinen paramilitärische Vereinigungen gegründet hätten, die sogar die Ergebnisse von Wahlen beeinflussen könnten. Davon kann in Polen bisher keine Rede sein. Damit dies jedoch so bleibt, bedarf es einer konsequenteren Politik gegen Hooliganismus. Die mächtigen Verbündeten der Kibole sollten sich bewusst sein, was ihre Haltung für Folgen hat. Im Jahr vor dem Riesenevent Euro 2012 werden Polens Stadien im Ausland wahrgenommen als Orte der Aggression und Gewalt. Wenn der europäische Fussballfan sich nächstes Jahr in den unbekannten Osten aufmacht, hat er vielleicht schon mal von der polnischen Gastfreundschaft gehört, gesehen hat er Sturmmasken unter Kapuzenpullovern.

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