Hooligans vor Expressgericht

Stadion Narodowy (Nationalstadion) in Warschau. Sektor G. Photo: Polen.pl (BD)

In den Stadien blieb es friedlich. Hier Stadion Narodowy (Nationalstadion) in Warschau.

(Hamburg, JE) Expressverfahren vor Gericht sind kein geeignetes Mittel gegen Hooliganismus, schlussfolgert die Wochenzeitung Polityka mit Blick auf die Ausschreitungen vor dem EM-Spiel zwischen Polen und Russland am 12. Juni in Warschau. Verfahren innerhalb von maximal 72 Stunden nach begonnener Tat vor Gerichten, die 24 Stunden am Tag arbeiten, sollten während der Fussballeuropameisterschaft dafür sorgen, dass Hooligans schnell und effektiv aus dem Verkehr gezogen werden. Um das Prozedere zu beschleunigen, tritt dabei kein Staatsanwalt als Ankläger auf, sondern werden lediglich der Beschuldigte und – als Zeugen – beteiligte Polizisten vom Richter befragt. Ein solches Verfahren kommt allerdings nur in Frage bei Vergehen aus dem Bereich des Hooliganismus mit einem möglichem Strafmaß von bis zu drei Jahren Gefängnis.

Im Anschluss an die Krawalle zwischen polnischen und russischen Hooligans beziehungsweise polnischen Hooligans und der Polizei wurden laut Polityka etwa 150 Personen vor dem ‚Expressgericht‘ angeklagt. Ca. 40 Prozent davon wurden verurteilt, ein Fünftel der Fälle wurde an ein ’normales‘ Gericht übergeben. Die Strafen fielen in der Regel relativ milde aus, bekannte sich der Beschuldigte zu der Tat, konnte er mit einer Bewährungsstrafe und eher niedrigen Geldstrafe rechnen. Die Richter würden das volle Strafmaß eher nicht ausreizen, da sie sich der Unvollkommenheit einer stark reduzierten Zeugenbefragung und Beweisführung sowie der Gefahr, Unschuldige zu verurteilen, bewusst seien. Die Hooligans ließen sich durch milde Strafen nicht beeindrucken, sondern vielmehr zu weiteren Vergehen anstacheln.

Kommentar

Die Euro 2012 in Polen und der Ukraine stand glücklicherweise nicht im Zeichen des Hooliganismus und der Gewalt. Nach allem, was man hört, waren es, abgesehen vom erwähnten 12. Juni, ausgesprochen friedliche Turniertage. Das konnten wir immer dann, wenn wir selbst bei Spielen dabei waren, bestätigen. Dass man dies eigens unterstreichen muss, ist eigentlich traurig genug und doch ist es bemerkenswert. Die Befürchtungen waren groß. Deutsche Medien zeichneten Schauerbilder von bewaffneten Hooligans, die Jagd auf Andersgesinnte machen, eine englische ‚Dokumentation‘ sah die Fans der Insel gar in Särgen zurückkehren. Und natürlich gab es auch Anlass zu einigen Befürchtungen. Dass die großen Ausschreitungen ausblieben, bedeutet nicht, dass das Problem gelöst ist. Gewachsen ist allerdings die Hoffnung, dass die polnische Regierung, Justiz und Polizei in Zukunft wirkungsvoller gegen gewalttätige ‚Fussballfans‘ vorgehen können – egal, ob mit oder ohne beschleunigte Gerichtsverfahren.

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