„Ich möchte Menschen zusammenbringen“: Über eine Berliner Polnisch-Initiative

Foto von Agata Koch. Copyright: AK-Galerie

Agata Koch fotografiert gern Details – und kümmert sich auch um Details

(Berlin, JW) Als ich das Café betrete, sitzt Agata Koch schon tief in ein Konzept vertieft am Tisch, vor sich eine Tasse dampfenden Tees. Lächelnd steht sie auf, als ich mich als Polen.pl-Blogschreiber vorstelle: Wir sind hier und heute verabredet, um über die Initiative Agata Kochs im Berliner Norden zu reden. Es geht um Polnisch, Menschen und viele Ideen. Und es geht um deren Realisierung. Ich bin neugierig darauf, was Agata Koch bewegt, was ihre scheinbar grenzenlose Motivation ausmacht. Und nach dem Gespräch, so viel sei vorweggenommen, sehe ich eine Blaupause für lebendige regionale deutsch-polnische Initiativen vor mir.

Am Anfang stand ein Begriff

‚SprachCafé‘, so erzählt Agata Koch, war der Begriff, der am Anfang stand. Schon früher hat sie Polnischkurse gegeben, im polnisch-deutschen Kontext gearbeitet. Die Germanistin lebt seit über zwanzig Jahren in Berlin und davon über zehn Jahre im etwas konservativen Heinersdorf. Dort, wo Reihenhäuser, Einfamilienhäuser und Kleingartenkolonien die Großstadt zum Land abgrenzen, wo im Gegensatz zum hippen inneren Berlin auch noch ältere Menschen zu wohnen wagen. Dort hat Agata Koch ihr Konzept, ihre Idee eines SprachCafés im örtlichen Nachbarschaftshaus mit dem bezeichnenden Namen ‚Zukunftswerkstatt‘ vorgestellt. Das war im Januar 2012.

Dann passierte eine Weile wenig, obwohl die Idee doch auf grundsätzlich positives Echo gestoßen war. Allerdings, so riet man ihr, solle sie es doch ein wenig kleiner angehen lassen. Das SprachCafé wurde damit erst einmal zum Polnisch-SprachCafé. Das muss man sich weniger als eine Sprachschule im klassischen Sinne vorstellen. Kochs Vision: Ein Ort der Begegnung, an der die Menschen mit der Sprache das tun, was Ihnen liegt. Was Sie verbindet und was sie kommunizieren lässt. Eine erste Veranstaltung startet im Juni 2012. 14 Menschen kommen, denen es gefällt. Man parliert auf Polnisch, aber es sind auch Nichtpolen darunter. Auch solche, die kein Wort Polnisch sprechen, die Atmosphäre in der Gruppe aber dennoch lieben. Beim nächsten Termin sind es 20 Teilnehmer. Und beim dritten Termin schon 30.

Engagierte Puzzlestücksucherin

Agata Koch ist nicht nur Polnischlehrerin, Germanistin, Mutter und ehrenamtlich engierte Powerfrau. Sie fotografiert künstlerisch und stellt die Fotos in Ausstellungen vor Ort (und auch im Internet) aus. Vielleicht hat sie sich bei der Fotografie die Kunst angeeignet, in Ruhe auf die geeigneten Momente zu warten. Die Momente, in denen sich die einzelnen Puzzlestücke eines Motivs in einzigartigerweise zu einem Gesamtbild anordnen und dabei im richtigen Licht stehen. So ähnlich funktionierte auch der Aufbau ihrer Initiative mit dem – immer noch bestehenden – Namen SprachCafé. Kamen anfangs bei den Treffen regelmäßig Senioren zusammen, so stellte sie bei einem Termin am Ferienbeginn fest: Wenn Eltern und Kinder Zeit haben, kommen auch Familien gern zu den SprachCafé-Treffen. Deren Ablauf änderte sich damit zwar vom Kaffeekränzchen zum Spielplatz-Polnisch-Dialog, was aber auch gut war. Also verstärkte Agata Koch Termine an Wochenende und an Abenden, auch, wenn sie am Abend manchmal lieber für ihre eigene Familie da wäre. Schon bald ergänzte das Organisationsteam mit Marta Kischka eine andere engagierte junge Dame, und dann ging es Schlag auf Schlag: Ein Puzzlestück fand das andere. Aber keine Sorge: Fertig ist das Gesamtbild noch lange nicht.

Veranstaltungen in Berlin-Pankow

Feste Termine für Agata Koch und ihr mittlerweile angewachsenes ehrenamtliches Team sind die regelmäßigen Mittwochs-Treffen. An diesen nehmen Menschen teil, die einen Bezug zu Polen haben. Entweder haben Sie polnische Wurzeln oder solche in der Familie, oder sie haben einfach Interesse am Land und an der Sprache. Und: Sie freuen sich auf die Begegnung mit den anderen Gleichgesinnten. Neben diesen Treffen im Nachbarschaftshaus ‚Alte Apotheke‚ in Heinersdorf gibt es auch Termine am Freitag – und bald auch am Samstag. Diese Termine haben die Initiatorinnen nun auch an einem weiteren Standort: Im Stadtteilzentrum Pankow, dem urbaneren Teil des Riesenbezirks in Berlin, geht es an diesen Tagen ebenfalls ums Polnische. Aber auch nicht direkt dem Sprachenlernen zuordenbare Themen sind mittlerweile im frisch wirkenden Sprachannäherungskonzept zu finden. Beispielsweise das ‚Kochen auf Polnisch‘ und die Teilnahme des Pankower Stadtteilzentrums an der Kinoreihe FilmPolska 2013.

Weil sie selbst merkte, wie schwierig es ist, auch zweisprachig aufwachsenden Kindern beide Sprachen gut zu vermitteln, schult sie nun Kinder in der Zweit- oder Fremdsprache Polnisch. Sowohl der Erstkontakt zur polnischen Sprache wie auch die Fortbildung darin als auch die Verfeinerung hoher polnischer Sprachkunst (das darf ich als Lernender so bezeichnen) sind Aufgaben, denen sich die ehrenamtlichen Dozentinnen und Dozenten stellen. „Mehr davon“ bräuchten sie, betont Agata Koch mehrfach, doch ehrenamtlich polnischsprachige Dozenten mit didaktischem Gepäck im Koffer zu finden, ist nicht so einfach. Kurzerhand borgt sich das Team bei anderen Vereinen Hilfsmittel, Instrumente und Methoden. Und sucht weiter nach Menschen, die Lust haben, in Pankow Begegnungen im Polnischen zu schaffen. Auch sucht sie Partner, die sich schon auskennen. Zum Beispiel ihre frühere Kollegin Dorota Krawczyk-Janisch, die heute noch den mit ihr gemeinsam gegründeten Sprachenservice in Berlin Moabit-Tiergarten und Friedenau betreibt (www.deutschpolnisch.de).

Ideenküche mit übervollem Schrank

Der offene, innovative Lernort SprachCafé, der sich an alle an der Sprache interessierten richtet, will mit Macht zur lokalen Plattform interkultureller Kommunikation werden. Und der Weg scheint gut gepflastert: Sprachkurse mit interdisziplinärem Ansatz, Polnisch als Zweit- und Fremd- sowie Vertiefungssprache, themenbezogene Sprachkurse zum Beispiel zum Singen, gemeinsame Gespräche, Workshops und Diskussionen und die enge Kooperation mit anderen ähnlichen Projekten im deutsch-polnischen aber auch lokalen Kontext werden, wenn sie noch nicht in der Realisierung befindlich sind, bereits konzipiert. Was fehlt? Natürlich wie immer Geld, zum Beispiel als Aufwandsentschädigung für Dozenten oder für Raummieten. Also auch Menschen, die sich in Antragsstellungen auskennen. Und Personen, die Interesse an inhaltlicher oder organisatorischer Mitarbeit haben sowie solche, die zum Beispiel eine Internetseite erstellen, damit die vielen Angebote der Initative nicht nur in E-Mail-Postkästen, sondern auch im Internet zu finden sind.

Es ist machbar

Beeindruckt hat mich, neben dem unglaublichen Engagement Agata Kochs, auch, dass es machbar ist, was viele für unmöglich halten: Eine lokale, junge und aktive Bewegung ist hier entstanden, die die polnische Sprache vielen Menschen nahe bringt. Auf innovative Art und Weise, nicht nur im klassischen Frontalunterricht. Sondern in Gesprächen, in Begegnung, im Spiel und in gemeinsamen Projekten. Und: Das Ganze ist bei geringen finanziellen Mitteln erwachsener geworden. Wer mitmachen will, ob als Teilnehmer oder Unterstützer, als Spender oder anders: Informationen gibt es an den festen Terminen (siehe unten) oder per E-Mail an agata.koch@gmx.de. Dort kann man sich auch in den Verteiler eintragen lassen. Eine Internetseite gibt es (noch?) nicht, bis der passende engagierte Unterstützer gefunden ist. Einen Verein auch noch nicht, aber auch dafür findet sich bestimmt jemand. Vielleicht sie?

  • Jeden zweiten und vierten Freitag im Monat von 17.00 bis 19.00 Uhr: Stadtteilzentrum Pankow

  • Jeden letzten Sonnabend im Monat von 15.00 bis 18.00 Uhr: Stadtteilzentrum Pankow

  • Jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat von 10.00 bis 12.00 Uhr: Zukunftswerkstatt Heinersdorf

  • Jeden 1. Mittwoch im Monat von 18.00 bis etwa 21.00 Uhr: SprachCafè Polnisch/Sprachenservice Deutsch-Polnisch in Tiergarten im Coffee Break, Jagowstr. 23, 10555 Berlin

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  1. Frieder
  2. Jens Hansel

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