Imagefilm zur EU-Ratspräsidentschaft Polens polarisiert

Sejm, polnisches Parlament mit Flaggen. Foto: Polen.pl (JW)

Polarisiert auch die Politik: Der Imagefilm zur EU-Ratspräsidentschaft Polens

(Hannover, JW) Eben war sie noch da, nun ist sie weg: Die Goldkette am Hals der schlanken Schönen. Außer dem tanzenden Polen, der die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Polen symbolisiert, dürfte niemand in der Nähe gewesen sein.

In Polen wird geklaut, das ist die erste Assoziation, die manchem Kommentator im Internet dazu einfällt. Und das ist nicht der einzige Punkt, in dem der Imagefilm der Polen zur Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft polarisiert. Weitere Kommentare lauten: ‚Zu emotional‘, ‚Hübsch gemacht‘, ‚Lächerlich‘ oder ‚Ideenanregend‘. Aber: Die unterschiedlichen Meinungen dazu sind gewollt, glaubt man den Machern des Films.

Eine Goldkette, die verschwindet

Kurz noch einmal zur Story des digital gemachten Films im Comic-Stil: Europa, dargestellt durch eine attraktive junge Frau, sitzt gelangweilt in ihrem Glaspalast-Europa auf einem modern gestalteten Platz. Ein junger Mann, der Polen symbolisiert, kommt hinzu, und bittet die distanzierte hübsche ‚Europa‘ zum Tanz. Diese bleibt erst skeptisch, doch taut sie im Verlauf des dreiminütigen Films mehr und mehr auf. Obwohl sich Europa immer stärker wandelt – zumindest könnte man die Verformungen der anfangs stabilen Gebäude so interpretieren – führt der empathische Pole die zunehmend vor Energie sprühende ‚Europa‘ tanzend über die Elemente.

Mitgerissen werden später im Film auch andere Protagonisten, die wohl für die anderen Länder stehen sollen: Auch sie sind tanzend dabei. Ich meine, sogar einen ‚Deutschen‘ symbolhaft erkannt zu haben: Ein junger Mann im gelben Hemd, der hoffentlich nicht für einen neuen politischen Aufwind für eine Partei in Deutschland mit dieser Farbe im Logo steht. Auch kurzzeitige Trennungen der Tanzenden und Verwerfungen durch die variablen Untergründe und Gebäude beirren die Akteure im Film nicht: Sie tanzen zusammen weiter und machen dabei einen immer glücklicheren und zufriedeneren Eindruck. Könnte heißen: Auch Verwirbelungen wie eine Griechenland-Krise müssen nicht zu einem Europa-Ende führen, sondern können sogar den Zusammenhalt und die Dynamik verstärken.

Die Protagonistin im Imagefilm zur Ratspräsidentschaft. Quelle: http://pl2011.eu/

Ohne Kette. Die Protagonistin im Imagefilm. Quelle: http://pl2011.eu/

Die Protagonistin im Imagefilm zur Ratspräsidentschaft. Quelle: http://pl2011.eu/

Mit Kette: Die Protagonistin im Imagefilm. Quelle: http://pl2011.eu/

Man kann es für unwichtig halten, oder für ‚überinterpretiert‘. Aber tatsächlich beschäftigen sich Internetforen-Mitglieder aktiv mit der Frage, wo die Goldkette der jungen Frau ‚Europa‘ die im Film zunächst etwas gelangweilt zwischen ihren Glaspälasten herumsitzt, im Verlauf des dynamischer werdenden Tanzes mit dem jungen Polen verbleibt.

Mir ist der Sachverhalt zugegebenermaßen nicht einmal aufgefallen, bis ich woanders davon las. Nun bin ich auch nicht der Filmanalytiker, sondern freue mich eher über schöne Bilder bei guter Musik; ob dann einmal ein Mikrofon unten links zwei Millimeter ins Bild ragt oder die Frisur eines Protagonisten von Szene 1 zu Szene 5 ein bisschen verändert ist, das fällt mir einfach nicht auf. Doch hier haben die Anmerkenden recht: Anfangs hat die Dame noch eine Goldkette, später nicht mehr. Im einfachsten Fall hat sie sich einfach umgezogen, was nach längerem Tanz – vor allem um die halbe europäische Welt – wohl auch nicht zu verdenken wäre. Es kann natürlich auch sein, dass der Macher den Zuschauern einfach ein weiteres Rätsel aufgeben wollte. Oder es ist schlichtweg ein Fehler.

Jedenfalls hat dies dazu geführt, dass in polnischen Internetforen heiße Diskussionen um das Außenbild aufgrund des Films entbrannt sind. Dazu kommen noch viele Geschmackskommentatoren, die den Film wahlweise für zu wenig aussagekräftig, für zu technisch oder viel zu kitschig halten. Was man definitiv sagen kann: Unbeachtet ist der Imagefilm zumindest nicht geblieben. Sogar die eine oder andere Institution in der deutschen Medienwelt hat sich des Themas angenommen, etwa die Deutsche Welle oder der Focus. In deren Kommentarfeldern zu den Artikeln lässt sich auch auf Deutsch nachlesen, wie breit die Fächerung der Meinungen zum Film gehen.

Fraglich ist, ob das dem Inhalt abträglich ist. Ist es nicht bezeichnend, wenn statt über die Prioritäten der Ratspräsidentschaft über handwerkliche und geschmackliche Aspekte eines Imagefilms diskutiert wird? Oder ist es gerade ein gutes Zeichen, wenn versucht wird, in solch ein Werk eine tiefere Aussage hineinzuinterpretieren? Ich neige zu zweiter Annahme: Menschen beschäftigen sich mit der Frage, was Polen ausmacht, wohin Polen möchte und was eigentlich die Position Polens in vielen Punkten ist. Das ist schon mehr als vorher.

Zum Film

Wer noch einmal selbst schauen möchte, sich vielleicht auch eine Meinung bilden möchte: Der Titel des aus unserer Sicht gut gemachten Films lautet ‚Europa w tancu‘ (Europa im Tanz), Regisseur ist der Oscar-Anwärter Tomasz Baginski, für die Musik zeichnet Adam Skorupa verantwortlich. Die Choreographie gestaltete Augustin Egurrola. Anleihen sind aus meiner Sicht optisch bei Dali-Werken zu finden, musikalisch erinnert der Soundtrack an eine moderne Chopin-Interpretation.

 

Weitere Informationen zum Film: Die gut gemachte Website zur EU-Ratspräsidentschaft hat eine Sonderseite dazu unter http://pl2011.eu/de/content/europa-im-tanz – allgemein gibt es Infos unter http://pl2011.eu/de/ auch auf Deutsch

Informationen zu Veranstaltungen und Publikationen haben wir in diesem Beitrag zusammengestellt, ebenso einen Überblick über alle Polen.pl-Artikel zum Thema ‚EU-Ratspräsidentschaft‘: www.polen-pl.eu/veranstaltungen-und-publikationen-zur-polnischen-eu-ratsprasidentschaft

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