Ins Polnische übersetzt ist das Problem auf ein Mal weg…

5 Jahre Kosmopolen: Ein Interview

5 Jahre Kosmopolen: Ein Interview

(Berlin, JO) „Kosmopolen“ – der Name ist Programm. Der Verein, der 2008 in Bochum von Künstlern mit polnischen Wurzeln gegründet wurde, feiert dieses Jahr sein 5-jähriges Bestehen. „Kosmopolen“ bringen polnische Kultur nach Deutschland. Aber nicht nur! Polen.pl sprach mit Frau Danielewicz, Gründungsmitglied und Vorsitzende des Vereins, und zwar über die Aktivitäten des Vereins, wie dieser entstand und wie es sein kann, dass Probleme manchmal einfach verschwinden.

Polen.Pl: Herzlichen Glückwunsch, Frau Danielewicz! 5 Jahre gibt es nun schon die „Kosmopolen“. Wie fing eigentlich alles an?

Kosmopolen. Foto: Kosmopolen e.V.

Emanuela Danielewicz von den Kosmopolen

Danielewicz: Danke! Die Zeit kommt mir kürzer vor! Ich kann es kaum glauben, damals schien es, als würde die Initiative nur 2-3 Jahre andauern. Es fing mit ein paar lockeren Gesprächen über Nöte und Wünsche der hier lebenden Polen an. Fakt war und ist nach wie vor, dass selten die polnische Sprache oder Polnisches in kulturellen Zusammenhängen in NRW erlebbar ist. Dabei sind Polen eigentlich sehr aktiv und überall mit dabei.  Trotzdem ist keine Sichtbarkeit ihres Lebens zu erkennen, kaum Spuren. Eigentlich eine große Kunst, so lange so unglaublich still und unsichtbar zu sein.  Ich stellte mir also die Frage, was kann ich persönlich tun,  um etwas für die polnische Kultur hier zu bewegen und Interesse zu wecken. Als Joachim Król, ein Freund und Schauspieler mit Schlesischer Elterngeschichte, mir den Namen „Kosmopolen“ per Telefon widerhallte, ging mir ein Licht auf. Er sagte, er werde diesen Verein mitgründen. Zu viel soll ich aber nicht erwarten. Den Rest kann man sich denken. Wir waren gute Zugpferdchen. Ich bin seit 5 Jahren im Vorstand und habe das Management übernommen, denn ich verkörpere eine neue Generation der Zwiegespaltenen, also der nicht eindeutig einer Kultur Zugehörigen. Joachim Król ist eher die Generation, die eben schon länger hier in Deutschland lebt und die polnische Geschichte in sich eher zur Vergangenheit zählt. Weitere Polen-Fans und Befürworter polnischer bzw. „neuer“ europäischer Kulturimpulse in Deutschland haben sich extrem schnell gefunden und getroffen.  Durch die Förderungen des Bundes, des Landes oder der Stadt Bochum konnten kleine aber fantastische Programme von Anfang an etabliert werden.

Polen.Pl: Sie sprechen von Zwiegespaltenheit. Auf der Homepage betonen Sie, dass Sie die Dinge aus der Perspektive einer sogenannten Mehrkulturalität sehen. Was bedeutet das und welchen Vorteil hat man in Ihrem Fall als „Kosmopole“?

Kosmopolen. Foto: Kosmopolen e.V.

Ein Interview mit den Kosmopolen

Danielewicz: Das ist ganz einfach: Spricht man mehrere Sprachen, lebte in verschiedenen Ländern oder reist gerne und oft,  erlebte mehrere Strukturen, auch andere politische Strukturen, so ist der Geist, sagen wir mal, breiter… weil reicher an Lebenserfahrung. Man kann das nicht erlernen durch Bücher lesen oder touristisches Reisen. Ich sehe, dass Menschen mit eben der sogenannten Mehrkulturerfahrung schneller Lösungen finden und kommunizieren. Wenn ich nicht weiter komme, brauche ich nur die Übersetzung in eine andere Sprache, z.B. in das extrem wortreiche Polnisch, so ist das Problem auf ein Mal weg! Einfach verschwunden durch andere Worte, andere Betonung… und manchmal ist es so viel, was sich da öffnet, dass es zum Thema, Gegenstand von Kunst wird, so sehr bewegt, dass ein Autor, ein Künstler was daraus machen kann… Das zu ermöglichen ist ein schönes Ziel, neben der ganz allgemeinen deutsch-polnischen Thematik, die immer auch die Pflege der Geschichte ist. Für mich persönlich also ist ein „Kosmopole“ ein sozialer, weil toleranter durch Lebenserfahrung, sanfter und sensibler, an Neuem interessierter Mensch, der  manchmal auch mal sehr schräg und unlogisch sein kann…eben durch die Lebenserfahrung geglaubter „gegensätzlicher“ und damit geglaubter „verschiedener“ Lebensformen.

Und noch was zum Thema: Die sogenannte „Fremde“ ist ein Geschenk für eine Kultur, es geht in kulturellen Kontexten nicht um Geben und Nehmen, es geht um Kommunikation, Austausch und Erfahrung. Es geht um der zum Leben notwendigen Erfahrung der „Fremde“.

Das Kosmopolite ist immer wieder ein Thema, ja, auch das Polnische, aber wir agieren deutlich vom Nationalen raus ins Inhaltliche.

Polen.Pl: Welches waren rückblickend die schönsten und berührendsten Veranstaltungen für Sie?

Danielewicz: Oj, sehr viele, alle! Da kann ich mich nicht entscheiden. Es berührt doch immer, wenn beste Literatur vom Autor selbst oder eine Poesie – Interpretation gelesen wird oder wieder neue Kompositionen von super Musikern live zu hören sind. Ich bin für „face to face“-Kultur aber diese spielt sich weiß Gott nicht nur auf der Bühne ab!
Kommt bitte öfter weg vom Computer oder Telefon! Wir sind Menschen auf diesem Planeten!
Vor, während und nach einer Kosmopolen-Aktion entstehen genau die Momente und die Begegnungen, auf die ich gerne hinarbeite.

Polen.Pl:  Wie nimmt das Publikum Ihre Veranstaltungen auf?

Das Publikum ist von Ort zu Ort wirklich sehr verschieden, Studenten und Historiker, Jüngere und Ältere und Kunstliebhaber. Die Stimmung ist immer fantastisch. Kommentare und Einträge im Gästebuch sind so gut, dass es motiviert, weiter zu machen. Es kommen Familien z.B. zu dem super gelungenen Kasienki & TUWIM Konzert. Viele erfahren über uns durch aktuelle Presse wie die WAZ und Ruhrnachrichten, Zufall spielt aber auch eine dominante Rolle. Ein Hauptsponsor für die Festivals hat sich noch nicht gefunden, also fällt die Flyer- und Plakatwerbung minimal aus. Kirchengänger scheinen ungern zu Veranstaltungen zu gehen. Ich vermisse diese polnische katholische Community, denn ich war  persönlich oft mit Infomaterial vor den Kirchen des Ruhrgebietes. Wir spielen Musik auch für den Spirit! Der Anlauf auf Infoständen z.B. bei dem großen Festival RUHR-International vor der Jahrhunderthalle war groß und einfach super.

Polen.Pl:  Polnische Künstler sind ja nicht so sehr in Deutschland bekannt…

Danielewicz: Es stimmt: Polnische Künstler sind hier noch nicht bekannt. Daher engagiere ich mich bei Kosmopolen e.V.  Momentan gibt es hier und in Polen bei den Musikern der zeitgenössischen Musik sowie bildenden Kunst, im Film oder auch Fotografie eine unglaubliche Bewegung und Talente.

Polen.Pl: Was planen Sie für das Jubiläumsjahr und laden Sie unsere Leser zu einer Veranstaltung ein?

Kosmopolen-Gruppenbild 2011. Quelle: Kosmopolen

Kosmopolen-Gruppenbild 2011

Danielewicz: Einige Termine sind sicher, noch warten wir auf die möglichen Förderungen für die etwas größeren Konzerte. Am Sonntag, den 1.9.2013, um 16.00 Uhr geht es los: LWL Industriemuseum Zeche Hannover, übrigens der Hauptkooperationspartner für das neu entstehende Projekt Porta Polonica über die Geschichte der Polen in Deutschland in Bochum, hat uns zu einer Finissage eingeladen. Die Ausstellung zeigt einiges über die Bierkultur hier im Pott, aber für uns Polen ist das Datum geschichtsträchtig. Am 1.9.1939 hat Hitler-Deutschland Polen überfallen. Es wird also zur Trinkkultur auch nüchternen Tee geben und es wird auch mal bierernst.  Artur Becker liest aus dem wenige Tage später erscheinenden Roman: „Vom Aufgang der Sonne bis zu Ihrem Niedergang“ und der Jazzstar Vitold Rek kommt mit dem Kontrabass dazu. Open End im Biergarten.

Am Sonntag, den 27.9.2017, um 20.00 Uhr geht es literarisch und thematisch über die Übersetzbarkeit weiter. Von der Robert Bosch Stiftung haben wir viele Bücher der Polnischen Bibliothek Suhrkamp Edition erhalten. Wir machen eine Bücherschenkung in und an die Stadtbücherei Bochum. Bernhard Hartmann, Karl Dedecius Übersetzerpreisträger 2013, wird den Abend gestalten. Und danach werden sich hoffentlich auch weitere polnische Literaturlesungen ergeben. Zwei Tage danach, am Sonntag, den 29.9.2013, um 16.00h endlich das Kasienki & TUWIM Konzert für Familien in der Musikschule als Premiere in Bochum. Ein immer sehr gut besuchtes Event für Kinder ab 5 Jahren mit gesungener polnischer Poesie. Am 6.10.2013 folgt Konzert Spezial nochmal in der Zeche Hannover und Robert Kusiolek, Elena Chekanova, Anton Sjarov. Ein guter Sonntag, um endlich diese 5 Jahre zu feiern!  Informationen und weitere Termine sind auf der Webseite zu finden unter: www.kosmopolen.de unter Veranstaltungen/Aktionen.

Polen.Pl: Was sind Ihre Ziele für die nächsten 5 Jahre?

Ankündigung Termin im September

Ein Kosmopolen-Termin im September

Danielewicz: Was in den nächsten 5 Jahren passiert und auch passieren kann, wird bei der nächsten Mitgliederversammlung besprochen. Der Weg ist da, die bewegliche Arbeitsstuktur, es können also wesentlich entspannter neue zu unserem Rahmen passende Projekte angefangen werden. Ein Kosmopolen-Festival dort zu etablieren, wo es Sinn macht, wäre eine Möglichkeit. Das kann Bochum sein und bleiben. Das kann auch Köln, das kann aber auch Berlin oder ein anderes Land sein. Ich sehe auch aus einer Solidaritätsperspektive den Sinn eines Kulturaustausches mit Ländern des Ostens wie Litauen, die Ukraine, Slowenien oder Rumänien und Bulgarien. Für die Thematik der Polonia und der Exilkultur spielen jedoch hier in Europa auch Paris und London eine Rolle. Alles hängt von den Interessen der Mitglieder, von ihrem persönlichen, auch mal ehrenamtlichen Engagement, ihrem Können sowie den Möglichkeiten durch Kooperationspartner und Förderer ab, naja und auch vom guten Timing, denn in manchen Ländern ist freie Kultur eher Politik und fast unmöglich, wie etwa in Weißrussland.

Mir sind die No-Budget-Aktionen hier vor Ort lieb, die keine Schwere der Messbarkeit eines Erfolges tragen müssen, sondern spontan und zeitgleich zu wesentlichen deutsch-polnischen Ereignissen stattfinden können oder einfach frei  sind. 2014 wünsche ich mir also ein paar kleine Aktionen. Dafür suchen wir hier neue aktive und Förder-Mitglieder. Und ab 2015, schätze ich, wird es bzw. kann es wieder etwas lauter und größer werden.

Ein Wunsch wäre auch zu sehen, dass, unabhängig von Eigeninitiativen, die städtisch organisierten Kulturveranstaltungen in Eigenregie mehr Kunst und Kultur und Musik aus dem Osten mitbedenken und auch die neu entstehenden freien Strukturen kontinuierlich Zuspruch und Unterstützung finden, auch wenn eine Aussicht auf „Erfolg“ noch nicht erkennbar ist. Hier in Bochum bzw. im Ruhrgebiet klappt das langsam gut.

Was in den nächsten 5 Jahren kommt?

hm… Mich interessiert eher WER in den nächsten 5 Jahren zu uns kommt! Hier engagiert man sich auch füreinander. Danach wird Programm gemacht, Ziele gesteckt… nicht davor…

Polen.Pl: Wir wünschen Ihnen viel Erfolg! Wszystkiego najlepszego!

Kosmopolen-Flyer September

Und noch ein aktueller Termin der Kosmopolen

Kontakt zu den Kosmopolen:

Emanuela Danielewicz,
Fotografin und Kosmopolen- Initiatorin

Kosmopolen eV

Künstler und Kulturverein

Mail: info@kosmopolen.de

Web: www.kosmopolen.de

 

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