Interview: Ein Reisebuchautor in Polen

Polen-Experte Jan Szurmant am Meer. Foto: Jan Szurmant

Jan Szurmant, Polen-Experte aus Krakau

(Berlin, JW) Wie ist das so, wenn man als Reisebuchautor in Polen lebt? Wir waren neugierig, und haben den Verfasser des Krakau-Reiseführers aus dem Michael Müller Verlag, Jan Szurmant, für ein Interview gewinnen können. Da wir diesen Reiseführer schon seit langem besonders schätzen und wissen, dass selbiger nicht einfach vom heimischen Schreibtisch aus entstanden ist, hoffen wir natürlich in dem Gespräch auch auf den einen oder anderen Krakau-Geheimtipp.

Und wir können vorwegnehmen: Ein wahres Feuerwerk an Tipps für Krakau haben wir nun im Gepäck! Und außerdem viele Informationen – und vor allem wieder ganz viel Lust, die Stadt so bald wie möglich wieder zu besuchen. Das Interview führte Jens für Polen.pl.

Im Dialog: Jan Szurmant

Polen.pl: Guten Tag, Herr Szurmant, Sie sind Reisebuchautor und leben in Krakau. Naheliegenderweise schreiben Sie daher unter anderem Reiseführer über Krakau. Was uns heute interessiert, sind gleich mehrere Fragen. Zum einen natürlich die auch uns als Blog-Schreibern wichtige Frage: Wie finden Sie heraus, was in so einem verschriftlichten Guide stehen sollte?

Die Marienkirche am Marktplatz, ein Wahrzeichen von Krakow (Krakau). Foto: Polen.pl (BD)

Krakau: Jan Szurmants Traumstadt

Jan Szurmant: Zunächst einmal arbeiten wir zu zweit, Magdalena und ich. In Krakau ist es für uns natürlich einfach, da wir ja hier leben und nebenbei viel mitbekommen. Vor Aktualisierungen fragen wir dann noch konkret Freunde und Bekannte, was es so Neues gibt. Was wir auch machen, ist eine Recherche quer durchs Netz, insbesondere für Übernachtungsadressen. Aber in unsere Reiseführer kommt nichts, was wir nicht wirklich auf Herz und Nieren geprüft haben. Bei Warschau ist das Ganze etwas schwieriger, da wir dort weniger Bekannte haben, vor allem aber weniger Zeit. Generell bekommt jede neue Adresse von uns eine Chance, was die Recherche ziemlich zeitaufwendig macht.

Polen.pl: Was finden Sie wichtig für die Leser, was besonders und was erwähnenswert?

Jan Szurmant: Uns ist wichtig, verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Vom pilgernden Katholiken, über den nachtschwärmenden Studenten und den kulturinteressierten Architekturfreak bis hin zum romantischen Pärchen. Außerdem versuchen wir immer, die Seele der Stadt einzufangen und ein Stück wirkliches Polen zu präsentieren. Abgesehen davon verstehen wir unseren Reiseführer auch als Einstiegsliteratur, deswegen haben wir konsequent weiterführende Internetseiten, Bücher, Filme und CDs aufgelistet, sowie weitere Möglichkeiten, Land und Leute näher kennenzulernen. Nicht zu vergessen natürlich der praktische Nutzen. Bei den als Sehenswürdigkeiten beschriebenen Kirchen geben wir beispielsweise die Zeiten der Messen an. Das können an einem polnischen Sonntag ja schon mal gerne zehn am Stück sein. Und wenn man die Kirchen nur aus kunsthistorischem Interesse besichtigen möchte, will man da ja nicht unbedingt reinplatzen.

Polen.pl: Schreiben Sie eigentlich auch über ihre persönlichen Geheimtipps?

Jan Szurmant im Schnee in den Bergen bei Krakau. Foto: Jan Szurmant

Die Berge nahe Krakau sind auch für Szurmant ein attraktives Ausflugsziel. Im Sommer und im Winter.

Jan Szurmant: Unbedingt! Alle unsere Geheimtipps stehen in den Büchern. Auch alle Orte, an denen wir uns gerne aufhalten. Und an denen wir dann auch öfters Leser sehen. Die wissen allerdings in der Regel nicht, wer da am Nachbartisch sitzt. Umgekehrt sieht es anders aus, unseren Reiseführer erkennen wir natürlich sofort. Aber keine Angst, wir lassen unsere Leser in Ruhe, niemand muss sich beobachtet fühlen. (lacht)

Polen.pl: Und welche Tipps sind das in Krakau und in Warschau? Natürlich wollen wir nur die kennenlernen, die ganz neu und ganz frisch sind…

Jan Szurmant: Das trifft sich gut, da wir ja gerade die Aktualisierungsrecherche für Warschau hinter uns haben und momentan fürs Krakaubuch durch die Stadt laufen. Aber eigentlich ist es bei den Tipps ein bisschen so wie bei einem guten Wein: die neuesten sind nicht immer die besten. Doch es sollen ja die ganz frischen sein, und da gibt es natürlich auch ein paar empfehlenswerte…

Fangen wir mal mit zwei Sehenswürdigkeiten an, die so frisch sind, dass sie noch gar nicht eröffnet wurden:

In Krakau lädt ab Oktober 2012 das zeitgenössische Kunstzentrum Ogród Sztuki (Kunstgarten) mit dem Kürzel MOS zum Besuch ein, das aus zwei Gründen sehenswert ist. Zum einen ist es ein architektonisch sehr gelungener Bau, dessen rostrote Farbe und von so genannten żyletki (Rasierklingen) verdeckte Glasfassade an den ebenfalls von Krzysztof Ingarden konzipierten Pawilon Wyspiański 2000 erinnert. Zum anderen handelt es sich um eine Krakauer Variante des Centre Pompidou, die Zielgruppe beschränkt sich also nicht auf eine snobistische Elite, sondern umfasst alle Bevölkerungsschichten. Zu sehen sein werden „multimedial aufbereitete Synthesen“ aus verschiedenen Kunstbereichen wie Musik, Theater, Performance Art, Tanz und Bildender Kunst, aber auch „normale“ Ausstellungen, Filmvorführungen und Konzerte.

Architektonisch nicht weniger spektakulär ist das Historische Museum der polnischen Juden in Warschau. Wie bei solchen Großprojekten üblich, gab es leider einige Verzögerungen. Ab Oktober 2013 dürfte dann aber endlich der Museumsbetrieb aufgenommen werden. Die architektonisch ausgeklügelte Gestaltung stammt von den finnischen Architekten Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki, die sich bei dem internationalen Wettbewerb unter anderem gegen Daniel Libeskind durchsetzten, der das Jüdische Museum Berlin plante. Mit quadratischer Grundfläche, gläsernen Außenwänden und wellenförmigen Galerien im Innern setzt das Gebäude neue Maßstäbe in der polnischen Museumsarchitektur. Das Haus wird nicht nur Raum für Ausstellungen zur 1000-jährigen Geschichte der polnischen Juden bieten, sondern auch auch die Jahrhunderte langen guten Beziehungen zwischen katholischen und jüdischen Polen fortsetzen. Auch an dieser Stelle wird klar, dass die Museen der polnischen Hauptstadt hinsichtlich Konzeption und Gestaltung zu den Highlights in ganz Europa zählen!

Zu Restaurants, Kneipen und Cafés sowie Shoppingadressen:

Der Wawel-Drache in Krakau

Der Wawel-Drache in Krakau

In Warschau ist das Charlotte am plac Zbawiciela zurzeit der absolute Renner, eine Boulangerie und französische Weinbar mit studentenfreundlichen Frühstückszeiten bis 23 Uhr. Kaum weniger gut besucht ist die Filiale am Krakauer plac Szczepański. Gefallen hat es uns auch im hauptstädtischen tel-aviv. Dort gibt es vegetarische vegane, glutenfreie, laktosefreie, vor allem aber leckere Gerichte wie das himmlische Humus und belegte Brote.  Mit der Kawiarnia Ogrody haben wir im Warschauer Stadtteil Mariensztat ein liebenswertes Café aufgestöbert, das von der Einrichtung her skandinavisch-industriell-roh ist, dennoch irgendwie romantisch.  Ebenfalls in der alten und neuen Hauptstadt gibt es eine jeweils neue Boutique namens Reykjavik District.  Der isländische Designer Olly Lindal hat die Herzen der männlichen Fashion-Victims mit seinen tollen Mänteln, Jacketts, Schals, T-Shirts und Anzügen im Sturm erobert. Noch ein Gastro-Tipp für Warschau-Besucher, die nicht ganz so sehr auf die Preise schauen müssen: das atelier Amaro hat eine wechselnde Tageskarte – und was für eine. Polens neuer Kochstar, Slow-Food-Verfechter und Liebling der Michelin-Kritiker, Wojciech Modest Amaro, zaubert mit Momenten statt Gängen. Dabei werden verschiedene, stets frische Zutaten aus der Umgebung in verblüffenden Kombinationen zusammengestellt. Die gelungensten werden dann in Rezeptsammlungen wie „Polens Küche des 21. Jahrhunderts“ oder „Natur der polnischen Küche“ veröffentlicht, beide wurden zu Bestsellerbüchern. In Krakau ist viel los auf dem Weg zur Kładka Ojca Bernatka (Fußgängerbrücke des Paters Bernatek). Benannt ist die 2010 errichtete Fußgänger- und Radlerbrücke nach einem Mönch, der im späten 19. Jahrhundert das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder gründete. Die Krakauer verwenden allerdings andere Namen. Zum einen „Brücke der Liebe“, da verliebte Pärchen am Geländer mit ihren Vornamen oder Initialen gravierte Vorhängeschlösser anbringen. Zum anderen „Partybrücke“, denn der Steg verbindet Kazimierz mit seinen vielen Kneipen mit Podgórze, wo in den letzten Jahren die ersten Lokale eröffnet haben. In der zur Brücke führenden Straße haben in den letzten Jahren mehr und mehr Cafés, Restaurants, Geschäfte und Kneipen eine Heimat gefunden. Wir sind Stammgäste im Marchewka z groszkiem, auf deutsch „Möhren mit Erbsen“, mit seiner entspannten Atmosphäre, Kinderfreundlichkeit,  ukrainischen Biersorten und einer günstigen und fantasievollen Speisekarte. Für junge Familien eignet sich das café culca ein paar Schritte weiter. Das Eltern-Kind-Café hat eine Bastelecke, viel Spielzeug, eine Kletterwand und natürlich einem Wickeltisch. Direkt daneben wartet mit dem Café Kładka ein weiteres Lokal auf dem Weg zum „Steg“ nach Podgórze. Besonders gut gefallen uns die sympathischen Monster, die in Form von Eulen oder riesigen Pantoffeltieren an die Wand gemalt sind.

Polen.pl: Langsam, langsam, langsam… Das sind ja schon eine ganze Menge Tipps! Aber wir sind auch neugierig auf Sie als Person: Wie kommt man dazu, Reiseführer zu schreiben?

Jan Szurmant: Schwierige Frage. Ganz bestimmt nicht mit monetären Absichten, denn als Autor von Reiseführern gehört man eher nicht zu den Topverdienern. Also wird es wohl eine gesunde Portion Idealismus und Freude an der Arbeit sein.

Boot auf der Weichsel in Krakau. Foto: Polen.pl (JE)

Die Weichsel in Krakau

Polen.pl: Und, da man ja auch noch das tägliche Brot bezahlen muss und so ein Reiseführer  nur alle zwei Jahre neu erscheint: Was machen Sie zwischendurch?

Jan Szurmant: Schreiben, sprechen, aufnehmen, schulen, übersetzen, korrigieren, beraten… Also alles, was irgendwie mit Sprache zu tun hat. Um konkreter zu werden: an einer Sprachschule unterrichte ich Deutsch, außerdem leite ich Schulungen für Firmen, deren Mitarbeiter Kontakt zu deutschsprachigen Ländern haben. Hinzu kommen Übersetzungen aus dem Polnischen, Englischen oder Italienischen ins Deutsche. Ab und zu schreibe ich Artikel, zum Beispiel fürs Polnische Fremdenverkehrsamt, unter anderem das jährliche erscheinende Reisemagazin Polen. Regelmäßig bin ich in Tonstudios, bei denen ich Texte für polnische Deutschlehrwerke oder -prüfungen aufnehme, manchmal auch für Museen, zum Beispiel für die Schindlerfabrik. Was noch? Deutsche Firmen habe ich auch schon beraten, bei geplanten Investitionen auf dem polnischen Markt oder bei Outsourcingentscheidungen.

Und dann ist da noch etwas, was mir am Herzen liegt: ein großes Projekt, mit dem ich mich seit Anfang 2012 beschäftige, auch wenn bis jetzt nur Konzeptionelles und ein paar Übungen zustande gekommen sind. Es geht um ein multimediales Deutschbuch für polnische Deutschlernende, aber das ist etwas Langfristiges und wird im besten Fall in ein paar Jährchen fertig. Ich suche da auch nach Geldgebern, da ich das alleine wohl nicht stemmen kann, sondern mit einem Entwickler zusammenarbeiten müsste.

Polen.pl: Das klingt sehr spannend. Vielleicht liest ja jemand hier davon und findet das Projekt ebenso klasse wie wir – und verfügt über mehr Geld als wir als Blogger. Aber noch eine ganz andere Frage: Was hat Sie nach Krakau geführt?

Jan Szurmant: Meine Geschichte mit Krakau sieht ungefähr so aus: angekommen, in die Stadt verliebt, nicht mehr weg gewollt, aber weg gemusst, zurückgekommen und da geblieben. Für mich gibt es auf der Welt keinen schöneren Fleck. (lacht)

Polen.pl: Das kann ich nachvollziehen. Keine Frage. Aber einmal über Krakau hinaus,  auf ganz Polen geschaut: Was sind aus Ihrer Sicht die noch unterschätzten Städte und Regionen, aus touristischer Sicht?

Die Tuchhallen in Krakau

Immer belebt: Der Krakauer Rynek (Marktplatz) rund um die Tuchhallen.

Jan Szurmant: Polen insgesamt ist in Deutschland unterschätzt. Als Urlaubsziel sowieso, aber auch als Herkunftsland hochwertiger Produkte oder als moderner und liberaler Staat mit jungen, kreativen Köpfen. Zum Touristischen: Wir gehen sehr gerne in die Tatra auf zehnstündige Wandertouren. Warschau ist ganz sicher unterschätzt, die Stadt hat durchaus schöne Ecken und unserer Meinung nach Europas sehenswerteste und modernste Museen. Der gesamte Osten Polens hat eine Ursprünglichkeit, die man in der westlichen EU kaum mehr findet. Und viele Kleinstädte und Dörfer sind sehenswert, uns zieht es zum Beispiel regelmäßig ins traumverlorene Lanckorona.

Polen.pl: Welche Städte lieben Sie und welche haben Potenzial, Besuchermagneten zu werden?

Jan Szurmant: Andere polnische Städte faszinieren oder gefallen uns ganz sicher, aber lieben tun wir nur Krakau. Das Potential zum Besuchermagneten haben für deutsche Urlauber neben Krakau und Warschau wohl vor allem Danzig und Breslau.

Polen.pl: Wird Polen überhaupt jemals ein wichtiges Urlaubsland zum Beispiel für Menschen aus Süddeutschland werden?

Keine Ahnung, da muss ich passen. Immerhin ist Polen doch in den Top Ten der beliebtesten Reiseziele. Die drei bestplatzierten Länder Spanien, Türkei und Italien bieten einfach höhere Temperaturen, wärmer als in Deutschland wird es in Polen ja nicht. Aber generell zieht es aus Deutschland eher angenehme Zeitgenossen in den Urlaub nach Polen. Was ja auch nicht schlecht ist, wenn die ‚Ballermänner‘ woanders buchen. So sind die deutschen Besucher in Polen ganz sicher beliebter als etwa die britischen Sauftouristen auf Junggesellenabschied. (lacht)

Polen.pl: Und zuletzt interessiert uns, was Ihre Erwartungen an die Veränderungen im Reiseführerbereich sind. Werden in Zukunft alle Menschen nur noch mit Smartphones durch die Städte laufen, oder hat das gedruckte Exemplar auch eine Zukunft?

Reiseführer Krakau aus dem Michael Müller Verlag. Quelle: michael-mueller-verlag.de

So sieht er aus: Der Reiseführer Krakau aus dem Michael Müller Verlag

Jan Szurmant: Das gedruckte Buch wird nicht aussterben, ganz sicher nicht. Allerdings werden in Zukunft sicher mehr Marktanteile auf „verapptes Content“ entfallen. Auch unser Verlag ist da eingestiegen, es gibt unseren Krakauführer inzwischen auch als iPhone‑ und Windows Phone-App. Interessant wird es in den kommenden Jahren, denn die neue Technik bietet auch einige Möglichkeiten, so dass sich Reiseführer stark verändern werden.

Polen.pl: Es bleibt also spannend, wenn auch die Recherche für die Reiseführer in jedem Fall aufwändig bleiben wird. Wir wünschen uns, dass Ihre beiden Reiseführer weiterhin so gut sind, wie sie heute sind. Und: Wir bedanken uns sehr für das spannende Gespräch, die vielen Tipps und das Lust-machen auf das Entdecken derselben.

Weitere Informationen: Reiseführer Krakau aus dem Michael Müller Verlag und der Reiseführer Warschau aus dem Michael Müller Verlag – beide von Magdalena Niedzielska und Jan Szurmant.

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