Interview: Junges polnisches Engagement in Deutschland

 

Europäer im Herzen? Die "Neuen  Mittler" definieren sich vor allem über ihre postnationale Identität.

Europäer im Herzen? Die „Neuen Mittler“ definieren sich vor allem über ihre postnationale Identität.

(Freiburg, KL) Über die Studie Neue Mittler – Junges polnisches Engagement in Deutschland haben wir bereits berichtet. Das zivilgesellschaftliche Engagement der neuen Mittler, das im Kontext des deutsch-polnischen Dialogs beleuchtet wird, bringt  neue Impulse hervor, die besonders in der aktuellen Europa-Diskussion Gewinn bringend sind. In einem dynamischen Europa vermischen sich die Biografien und gerade deshalb wird die transnationale Identität zum Schlüsselbegriff, was in der Studie besonders hervorgehoben ist. Wie geht man damit um und welchen Herausforderungen muss man sich stellen? Wir haben bei der Co-Autorin der Studie, Emilie Mansfeld, nachgefragt.

 

Polen.pl: Liebe Frau Mansfeld, Sie haben die Studie gemeinsam mit Frau Szaniawska-Schwabe verfasst. Sie beide tragen die polnische und die deutsche Kultur in sich und haben die Aktivitäten der jüngeren Generation in der neuen ifa-Studie in den Fokus genommen. War dies auch eine Reise in Ihre eigene Identität?

E.M: Meine eigene deutsch-polnische, zugleich postnationale und europäische Identität war für mich vielmehr Ausgangspunkt – wie eine Brille, die den Blick für die Wahrnehmung bestimmter gesellschaftlicher Phänomene schärft. Als das Thema für die Studie noch nicht definitiv feststand, konnte ich auf der Erfahrung aufbauen, dass man Interesse an anderen deutsch-polnischen Initiativen und Organisationen hat als die ältere Generation und sich anders, eben interkultureller, versteht. Man nimmt zu ihren – oft bilingualen – Veranstaltungen gerne seine deutschen Freunde oder Partner mit und verheimlicht auch nicht seine polnischen Biografiebezüge anderen gegenüber, weder beruflich noch privat. Nicht sich abzugrenzen, sondern zu verbinden ist, ist ja gerade für die „neuen Mittler“ unserer Studie eine wesentliche Motivation für das Engagement. Ansonsten haben die Personen mit polnischer Herkunft, die wir für die Untersuchung gesprochen haben, zumeist eigene kreative und spannende deutsch-polnische Initiativen gegründet und die innovativen Früchte ihres Engagements sind in der jüngeren deutsch-polnischen Berliner Szene gut bekannt.

 

Polen.pl: Manchmal wird davon gesprochen, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund zwischen den Identitäten hin- und hergerissen fühlen. Wie vertragen sich beide Kulturen in Ihrem Herz?

E.M: Meistens friedlich… Sie sind sicher eine Symbiose eingegangen! Ernsthaft, es ist tatsächlich eher im multikulturellen Sinne ein Schmelztiegel der Identitäten als ein Nebeneinander. Ich meine, das kommt zu einem großen Teil von der freiheitlichen, toleranten und emanzipatorischen Erziehung meiner Eltern. Sie vermittelten mir, dass es ein Reichtum ist, seine unterschiedlichen kulturellen Identitäten zu pflegen. Das Wichtigste ist die aktive Auseinandersetzung damit, dass man unterschiedliche Biografiebezüge hat – nur dann kann man daraus schöpfen.

 

Polen.pl: Was mögen Sie persönlich an der deutschen und polnischen Kultur am liebsten?

E.M: Wenn ich das unbedingt recht klischeehaft trennen soll, dann wäre das bei der deutschen vielleicht die Sachlichkeit, den Ordnungssinn und die Zurückhaltung und bei der polnischen die Empathie und Emotionalität, die Naturverbundenheit und der Wert und Zusammenhalt der Familie. Durchaus die Gegensätze also!

 

Polen.pl: Welche Ziele verfolgen die neuen Mittler in Zeiten der Europa-Krise?

E.M: Ich bin davon überzeugt, dass Ziele, die sie für sich und ihre Initiativen und Projekte in ihrem Engagement verfolgen, einen sehr wichtigen Beitrag in europäischen Krisenzeiten leisten – gerade, wenn aktuell nationale Ressentiments von manchem Machthaber bewusst instrumentalisiert werden. Dabei handeln sie aber einfach aus dem Drang, etwas für eine Sache tun zu müssen, haben lediglich Lust an ihrer Projektarbeit – so, als könnten sie kaum anders. Dahinter steht aber ein postnationales, europäisches Denken, welches frei von Dogmen und Traumata ist. Ihre konkreten Projekte im Bereich der Kunst und Kultur oder bei der Beratung, sozialen und politischen Fragen können sich zwar stark unterscheiden, sie tragen aber stets die Botschaft in sich, dass man auf die Zukunft setzt und an der Basis – sozusagen den Graswurzeln – die deutsch-polnischen Beziehungen unter dem gemeinsamen europäischen Dach weiterentwickelt. Ein modernes Polenbild wird nach Deutschland vermittelt und ein modernes Deutschlandbild nach Polen. Am ehesten wird die deutsche Gesellschaft als Hauptzielpublikum von Veranstaltungen definiert, hier macht sich bemerkbar, wie wichtig es den „neuen Mittlern“ ist, eine Dialog- und Vermittlungsfunktion zu erfüllen.

Manchmal ist es ein Ziel, manchmal auch ein positiver Nebeneffekt, dass man sich mit den Sorgen von jüngeren und oft gut gebildeten polnischen Migranten sowie ihren Familien auseinandersetzt. Zudem möchte man einen respektvollen Umgang mit Multikulturalität und Mehrsprachigkeit in Deutschland realisiert sehen. Somit kann man auch positive Effekte für die innerdeutsche Integrationsdebatte wie auch für die Bildungs- und Sprachdiskurse ausfindig machen. Das modernisiert Deutschland, es macht es zukunftsfähiger, offener und toleranter. Davon profitiert wiederum auch Europa.

 

 

Polen.pl: Welche Gründe könnte es geben, dass die Arbeit der jungen Mittler in der öffentlich-gesellschaftlichen Wahrnehmung kaum Beachtung findet?

 

E.M: Ich meine, dass ist eine komplexe Angelegenheit. Zunächst einmal hat es mich gefreut, dazu beizutragen, dass sich dies nach dem Erscheinen dieser Studie ändern kann. Es gibt nachweislich diese Initiativen, die um das Jahr 2000 herum entstanden sind, und zwar so zahlreich – eine vollständige Auflistung wäre gar nicht möglich. Nur das Wissen in Fachkreisen fehlte darüber, die Wahrnehmung außerhalb der Szene also. Daher wäre es schön, wenn die Studienergebnisse – gerade in relevanten politischen und administrativen Kreisen – ernst genommen würden und man sich mit unseren Handlungsempfehlungen auseinandersetzen würde – zum Beispiel, wenn es um den Aufbau eines spezifischen, umfassenden Förderkonzeptes für diese Gruppe geht. Bei all der beschlossenen Förderung für die Polonia-Verbände sollte man die „neuen Mittler“ nicht vergessen, aber unbedingt auch ihre Unabhängigkeit respektieren.

Außerdem wirken die „neuen Mittler“ vor allem an der breiten zivilgesellschaftlichen Basis. Es sind oft kleine Gruppen, die unter geringen Ressourcen leiden, gerade im kulturell-künstlerischen Bereich. Das macht sie natürlich in der breiten Öffentlichkeit nicht sehr durchschlagsfähig – die geborenen „Anzugträger“ und Repräsentanten sind sie nicht. Das wird bei den vielen engagierten jungen Frauen offensichtlich. Zudem sind sie auch meistens nicht bis hin zu obersten politischen und administrativen Ebenen vernetzt. Sie lösen den Bedarf nach Vernetzung eher mit Sozialen Netzwerken oder in recht spontanen Zusammenkünften, die inhaltlich fokussiert sind. Man unterstützt sich gegenseitig – aber nur wenn man zusammenpasst und ein konkretes Ziel vor den Augen hat. Somit steht auch die Zusammenarbeit vor einem großen Effizienzvorbehalt und von Projekt zu Projekt immer wieder neu verhandelt.

 

Polen.pl: Zum Abschluss: Was können die Deutschen von den Polen lernen und andersherum?

E.M:  Ganz knapp gesagt: Sie können voneinander unendlich viel lernen, wenn sie im Gespräch bleiben. Alles in einem sollte man stets offen sein, das eigene Weltbild zu hinterfragen, Verständnis füreinander zu entwickeln und Kompromisse zu suchen. Am ehesten sollten wir offen dafür sein, unter einem europäischen Dach Sachverhalte und politische Probleme gemeinsam zu diskutieren und so am meisten dazuzulernen. Der Weg ist da schon das Ziel.

 

Polen.pl: Liebe Frau Mansfeld, vielen Dank für das Gespräch.

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