Interview mit Benno Koch: In Sachen Fahrrad hat es Polen ganz schwer

Benno Koch im Interview: Polen hat es in Sachen Fahrrad schwer. Foto: Benno Koch

Benno Koch im Interview: Polen hat es in Sachen Fahrrad schwer. Foto: Benno Koch

(Berlin, JW) Für uns Blogger von Polen.pl ist es wichtig, in den Dialog mit den Blog-Lesern zu kommen. Deswegen interessiert uns ganz besonders, mit wem wir über unsere Themen ins Gespräch kommen. Ein Polen.pl-Besucher, der – durchaus kritisch, aber konstruktiv – immer wieder unsere Themen hinterfragt, ergänzt und erweitert, ist Benno Koch. Als Redakteur wichtiger Fahrradmedien, ehemaliger Fahrradbeauftragter und engagierter Verfechter für das Radfahren auch nach und in Polen wollten wir ein paar Dinge von ihm wissen.

Interview mit Benno Koch

Polen.pl (Jens): Hallo Benno, wie viele Kilometer bist Du heute schon mit dem Rad gefahren?

Benno Koch: Es ist jetzt 9:16 Uhr und bis zum meinem Laptop sind es null Kilometer. Im Durchschnitt fahre ich aufs ganze Jahr gerechnet täglich 40 Kilometer mit dem Rad.

Respekt. Das ist schon ein überdurchschnittliches Pensum. Aber zu unserem Interview-Anlass: Du wirst immer dann bei Polen.pl bei den Kommentaren quicklebendig, wenn es um das Thema Radfahren geht. Das, obwohl Du seit einigen Jahren nicht mehr Fahrradbeauftragter Berlins bist. Warum sind Dir die Radfahrbedingungen so wichtig? Und: Was kümmern Dich die Risiken und Möglichkeiten für Radfahrer gerade in Polen?

Mein Vertrag als Fahrradbeauftragter des Berliner Senats lief Ende 2009 nach sieben Jahren aus. Im nächsten Jahr werden es zwanzig Jahre sein, in denen ich mein Geld überwiegend mit dem Thema Fahrradverkehr und Fahrradtourismus verdiene. Und das bereits immer als Freiberufler. Also auch bereits während meines Studiums der Umwelt- und Verfahrenstechnik. Zurzeit berate ich Kommunen und Firmen, die fahrradfreundlicher werden wollen. Natürlich mache ich größere und kleinere Veranstaltungen und  arbeite als freier Journalist. Viele Jahre war ich Chefredakteur der Zeitschrift RadZeit und deren touristischen Spezialausgaben Rad&Bahn sowie Rad&Touren. Da es in diesen Land nach wie vor schwierig ist, ein normales Konzept für eine normale Fahrradsendung im Radio und im Fernsehen endlich umzusetzen, versuche ich gelegentlich wenigstens die schlimmsten Aussetzer meiner Kollegen zu korrigieren. Manchmal eben auch nicht ganz richtige Behauptungen auf Polen.pl. Einfach nur so. Vor allem weil unsere Kollegen nicht erst seit Google gerne abschreiben, ohne nachzufragen und ohne einen Faktencheck zu machen.

Wie genau würdest Du Deine Mission heute, als freier Fahrradtourorganisator, Journalist und Fahrradberater beschreiben – in einem Satz?

Ich habe keine Mission, sondern fahre einfach nur gerne Fahrrad. Dass ich mit meinem Wissen als Fahrradexperte heute davon beruflich leben kann, ist in vielen Jahren hart von mir erarbeitet worden – und leider zwei Sätze lang … (lacht)

Benno Koch mit Piotr Krzystek (Stettiner Stadtpräsident). Foto: Benno Koch

Benno Koch mit dem Stettiner Stadtpräsidenten Piotr Krzystek. Foto: Benno Koch

Du giltst als engagierter Lobbyist für das Radfahren. Seit Deinem Weggang als Fahrradbeauftragter in Berlin ist es um die immer noch vorhandene Stelle ruhig geworden. Auch die Zahl der Radiosendungen zum Radfahren wird weniger. Hat die Radfahrerlobby aufgegeben? Oder gibt es keine großen Aufgaben mehr, ist die Situation der Fahrradnutzer nicht mehr so schlecht?

Das Thema Fahrradbeauftragter im Berliner Senat ist ja gerade wieder im Tagesspiegel und anderen Medien hochgekocht – und aktueller denn je. Seit man mit dem Thema Fahrrad Geld verdienen kann, ist natürlich der Wettbewerb größer geworden. Praktisch jeder, der irgendwie politisch überleben will, hat eine Powerpoint-Vorlage auf der Festplatte, wie toll und wichtig die Förderung des Fahrradverkehrs ist. Tatsächlich werden aber zurzeit die Uhren massiv zurückgedreht: Der Bund hat die Mittel für den Radwege an Bundesstraßen von 100 Millionen Euro auf 60 Millionen Euro gekürzt. Das sind 40 Prozent weniger als noch 2009 und entspricht weniger als 0,5 Prozent aller Verkehrsausgaben im Bundeshaushalt. Obwohl der Radverkehrsanteil in Deutschland offiziell bei 10 Prozent aller zurückgelegten Wege liegt. In Berlin und Brandenburg sieht die Situation ähnlich aus. Kurz um: Ein unabhängiger Fahrradbeauftragter ist ein notwendiges Korrektiv mit dem Blick von außen. So wie ein Datenschutzbeauftragter oder ein Gleichstellungsbeauftragter. Oder eben ein Musikbeauftragter, wie ihn gerade der Senat für eine erstaunliche Summe von einer Million Euro berufen hat. Was also sinnvoll wäre, eine gesetzliche Regelung für einen Fahrradbeauftragten im Bund, in den Ländern und den Kommunen durchzusetzen. Und dann stehen dort sofort die nächsten großen Aufgaben an: Die Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) endlich der Realität anpassen – Stichwort Mindestabstände beim Überholen von Radfahrern und Mindestkriterien für Radverkehrsanlagen. In Wien wurde vor einem Jahr die Stelle eines Fahrradbeauftragten neu geschaffen und mit zwei Mitarbeitern, einem Büro und einem Jahresetat von 0,9 Millionen Euro ausgestattet. Das ist die Messlatte für eine ernstzunehmende Debatte um unsere Mobilität der Zukunft. Und daran arbeite ich – gerne in neuer Form als Fahrradbeauftragter im Land oder im Bund und ganz mutig jederzeit natürlich auch in Polen.

Wir sind hier ja bei Polen.pl, und es soll vor allem um Dein Interesse am Nachbarland gehen. Steht Polen in Sachen Fahrradkultur vor einer Etablierung des Rads als Verkehrsmittel (und nicht nur als Freizeitgerät), oder sind das alles nur Sonntagsreden der Tourismusbeauftragten?

Polen hat es ganz schwer. Zurzeit läuft dort gerade die Blaupause der 1990er Jahre in Ostdeutschland ab. In Warschau oder Stettin soll es inzwischen doppelt so viele Pkw pro 1.000 Einwohner geben wie in Berlin. Ohne viel zu fragen wird mit dem eigenen schicken Auto eine bessere Zukunft verbunden. Das Sozialprestige und der politische Wille gleichberechtigt mit dem Rad zur Arbeit oder in die Freizeit zu fahren und dies angemessen zu fördern, ist nur knapp über der Nulllinie. Dass man tatsächlich auf der Aleje Jerozolimskie vom Hotel Jan Sobieski zur Stadtverwaltung an der Weichsel mit dem Fahrrad in zehn Minuten fährt, mit dem eigenen Auto im Berufsverkehr aber 40 Minuten braucht, blenden die meisten aus. Der Warschauer Fahrradbeauftragte wurde daher auch ganz schnell wieder freigestellt, nachdem er offenbar einmal zu oft den Finger gehoben hat. Sehr erfreulich ist dagegen die Berufung eines hauptamtlichen Fahrradbeauftragten in Stettin, der seit einem Jahr dort seine Arbeit aufgenommen hat. Ich selbst durfte 2008 einen Vortrag vor der Stettiner Stadtverwaltung halten und Best Practice aus Berlin präsentieren. Inzwischen gibt es in Stettin die ersten Radspuren auf den Fahrbahnen. Im Tourismus gibt es erste zarte Pflänzchen. Jeder der sehen will, wie gerne auch Polen in Wirklichkeit Rad fahren wollen, kann dies auf dem Ostseeküsten-Radweg zwischen Sopot und Gdansk sehen – es sind hier tausende auf einem bis zu fünf Meter breiten Asphaltstreifen und in diesem Abschnitt mehr als Fußgänger. Leider fehlt aber auch hier schon die Anbindung zur Altstadt von Danzig – und die Strecke ist nur ganze sechs Kilometer lang.

Mal ehrlich: Ist es wünschenswert, dass sich die deutsche Fahrradentwicklung in Polen wiederholt? Oder könnte man nicht gleich die hierzulande schon gemachten Fehler vermeiden? Ist man in den Behörden nicht offen für das Lernen aus den Fehlern der anderen?

Radweg in Polen. Foto: Benno Koch

Eines der wenigen guten Beispiele: Radweg in Polen, bei Zlocieniec. Foto: Benno Koch

Bis zu einem gewissen Grad muss man Fehler immer selbst machen. Geschichte und Wissen lassen sich in Wahrheit kaum vermitteln. Das kann man gut überprüfen, wenn man heute 20-Jährige nach dem Fall der Berliner Mauer fragt – da stimmt nur wenig mit den eigenen Erfahrungen und Emotionen von denen überein, die selbst dabei waren. Trotzdem können polnische Tourismusverbände sich natürlich Berater aus Deutschland holen, um die schlimmsten Fehler zu vermeiden. Das was ich in Stettin für die Stadtverwaltung gemacht habe, mache ich gerne auch für Städte und Wojewodschaften im ganzen Land. Auf der ITB in Berlin überprüfe ich übrigens immer gerne das Wissen der polnischen Touristiker – praktisch niemand kennt dort die von ihnen selbst in Prospekten beworbenen vermeintlichen Radwege aus eigener Erfahrung. Wahrscheinlich auch weil sie ahnen, dass da nichts ist.

Wenn das Radfahren als Alternative zum Auto in Polen positiv dargestellt wird, beschreibst Du immer die Probleme dabei, mit dem Rad in Polen unterwegs zu sein. Alter Lobbyistenreflex oder echte Warnung?

Die Realität ist, dass zum Beispiel praktisch niemand den Europaradweg R1 in Polen wirklich nutzt. Also abgesehen von ein paar Abenteurern wie mir und ein paar meiner Freunde. Der Grund ist einfach: Da gibt es nichts was Fahrradtourismus in der breiten Masse möglich machen könnte. Der Verkaufserfolg eines Produktes lebt vor allem von der persönlichen Erfahrung der Nutzer. Da das Produkt aber nur aus winzigen „R1“-Schildern ohne weitere Angaben auf zu oft stark befahrenen Straßen und grundsätzlich ohne Radweg besteht, erzählen die wenigen Nutzer das auch genau so weiter. Das kann nichts werden, womit man die Fahrradnutzung erhöht oder gar Geld verdient. Und eigentlich bin ich auch kein ängstlicher Typ. Aber dass mich auf der rechten weißen Fahrbahnbegrenzungslinie fahrend der Spiegel eines entgegenkommenden Pkw streift, dass habe ich bisher nirgendwo in Europa erlebt und mir auch nicht vorstellen können. Inzwischen weiß ich es, in Polen sind solche und ähnliche Situationen möglich und leider alltäglich. Im Ergebnis verunglücken auf polnischen Straßen bezogen auf die Einwohnerzahl doppelt so viele Radfahrer tödlich wie in Deutschland. Nimmt man noch den Radverkehrsanteil hinzu, ist die Wahrscheinlichkeit in Polen bei einem Fahrradunfall zu sterben etwa 20 Mal größer als bei uns.

Schadest Du dem Ansinnen, das Radfahren in Polen über den Tourismus zu etablieren, nicht mit der Hervorhebung von möglichen Problemen? Muss es nicht eine Bewegung sein, die von immer zahlreicher werdenden Radnutzern ausgeht, die man mit den Negativkommentaren verschreckt?

Eine Radgruppe von Benno Koch vor dem Danziger Stadion. Foto: Benno-Koch.de

Eine Radgruppe von Benno Koch vor dem Danziger Stadion. Foto: Benno-Koch.de

Gutes Marketing ist ehrliches Marketing – die Leute müssen ja zufrieden sein und wiederkommen. Wenn Du meine Artikel zum Thema Polen auf www.benno-koch.de liest, dann steht da in erster Linie ein ganz starkes Werben für das Land, die unglaublich große Gastfreundschaft und die einzigartigen Chancen Polens im Vordergrund. Und inzwischen nehme ich für mich in Anspruch, auch einige der größten Radtouren in einigen Regionen Polens veranstaltet zu haben. Das ging los mit der ersten Rennrad- und einer Langsamroute 2008 von Stettin zur Sternfahrt nach Berlin. Gerade erst im September diesen Jahres waren wir mit 15 Fahrradtouristen vier Tage an der Weichsel unterwegs und haben dabei mit diesen 15 Fahrrädern mehr als zehn verschiedene Züge der PKP und Arriva genutzt – ich bin mir sicher, dies hat sich so noch nie ein anderer Veranstalter getraut. Im Sommer waren wir mit einer ähnlich großen Gruppe im Warthe-Delta. Und was wirklich an der Warthe und an der Weichsel geht, können die Leute mit ehrlichen Fotos und den passenden gps-Tracks auf meiner Website sehen – in diesem Jahr übrigens bereits mit drei Millionen Klicks.

Das klingt überzeugend und ist auch das, was ich mir von Marketingaussagen erwarte. Sie müssen authentisch sein. Konsequenterweise sollte man also aus Deiner Sicht den Fahrradtourismus in Polen erst einmal nur sehr begrenzt bewerben. Aber schauen wir in die Zukunft: Was sind die Top-3-Maßnahmen, die aus Deiner Erfahrung heraus jetzt in Polen angesagt wären, um das Fahrradfahren in den Alltag der Menschen zu bringen. Achtung: Kein Wunschkonzert, sondern unter Berücksichtigung knapper Mittel.

Einen unabhängigen Fahrradbeauftragten im polnischen Verkehrsministerium, in jeder großen Stadt und in jeder Wojewodschaft berufen, einen festen Haushaltstitel Fahrrad beschließen und jeweils einen Radverkehrsplaner einstellen. Nur wenn das Fahrrad zum normalen Verwaltungshandeln dazugehört, wird das Fahrrad auch normal berücksichtigt. Mit wie wenig Geld das zum Anfang geht, hat Berlin gezeigt: Der erste Fahrradetat betrug im Jahr 2000 gerade einmal drei Millionen DM. Heute gehen wir davon aus, dass jeder investierte Euro in den Fahrradverkehr und Fahrradtourismus ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1:10 hat. Also jeder Euro erwirtschaftet das zehnfache der ursprünglichen Investition. Das ist besser als jede (in Wahrheit immer) unbezahlbare Umgehungsstraße es je schaffen kann.

Hoffen wir, dass dieser Wunsch ankommt. Wir halten das für eine überschaubare Investition.

Zum Schluss noch einmal etwas Nützliches für unsere Leser: Wo in Polen kann man wirklich schön und entspannt Radtouren so bis 80 Tageskilometer machen? Was ist Dein Favorit?

Die genannten 80 Kilometer sind was für Profis – im Fahrradtourismus müssen die Strecken kürzer sein. Einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen gehen dabei von 30 bis 60 Kilometern für die Hauptzielgruppe aus. Zum Anfang reichen noch weniger. Neben den genannten sechs Kilometern nach Sopot finde ich noch eine Stadtrundfahrt in Wroclaw sehr schön – also vom Bahnhof zur Altstadtinsel und weiter zum EM-Stadion. Natürlich von der Warschauer Altstadt immer an der Weichsel entlang nach Wilanów zum Palast von Jan III. Sobieski, auch wenn die Strecke etwas durchwachsen ist. Der auf einer langen Strecke am besten ausgebauteste Radweg Polens führt auf einem alten Bahndamm 29 Kilometer von Zlocieniec nach Polczyn-Zdroj. Ein paar Anregungen sind dazu unter fotos.benno-koch.de/v/Radfahren_in_Europa/Radfahren_in_Polen/ zu finden.

Vielen Dank für die ehrlichen Antworten und die interessanten Hinweise. Wir freuen uns auch weiterhin auf anregende Diskussionen auch übers Radfahren in Polen. Danke!

Weitere Informationen über die Angebote, Aktivitäten und Reisen von Benno Koch mit vielen Service-Tipps zum Radfahren gibt es auf seiner Internetseite www.benno-koch.de.

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