Ironie pro Polen: Das Buch vom Club der polnischen Versager

Das Buch zum Club der polnischen Versager. Foto: Polen.pl (JW)

Gelesen: Das Buch zum Club der polnischen Versager

(Berlin, JW) Da standen die beiden Autoren am Samstagabend im Berliner Club der polnischen Versager auf der Bühne und präsentierten das Buch über den Club der polnischen Versager. An Ort und Stelle des Geschehens, wo sich das Verhältnis von Polen in Deutschland zu den Deutschen in Deutschland satirisch maximal manifestiert. Natürlich war die Bude voll, was beim Versager-Club ja aus verschiedenen Gründen keine Seltenheit ist. Doch diesmal ging es erstmals nicht um irgendeinen interessanten neuen Film, irgendwelche experimentelle oder berlintypisch loungige Musik, auch nicht um die schräg-solide Leutnant-Show. Nicht einmal stand ausschließlich gut gekühltes Tyskie-Bier oder großzügig eingeschenkter Wyborowa-Wodka im Fokus: Es ging ausschließlich um die beiden Gesichter des Clubs, die nun auch mal ein Buch geschrieben haben. Aber irgendwie waren die beiden dann doch wichtiger als das Buch. Zumindest an diesem Abend. Zum Buch kommen wir aber auch noch.

Danke dem Papierproduzenten

Nach den Dankesworten an Unterstützer, Clubmitglieder, Clubmitstreiter, Clubgäste, Verlag und Papierproduzenten lasen Piotr Mordel und Adam Gusowski dann aus ihrem Buch mit dem gar nicht so kreativen Titel. Gusowski und Mordel sind Mitbegründer des Clubs mit dem provokant-ironischen Namen, den es in Berlin schon seit über zehn Jahren gibt.  Zwei, drei Kapitel konnten Zuhörer hören, dann waren die Temperaturen im Raum nur noch für finnische Saunagrenzgänger erträglich. Und so kam es, dass die beiden recht rasch – natürlich nach einem obligatorischen Einleitungsfilm – auf Clubbetrieb und Buchsignierung umschalteten. Damit hatten sowohl Mordel wie auch Gusowski dann gut zu tun, was wohl für sorgfältig ausgewählte und Leselust machende Textpassagen spricht. Von den Gästen kaufte beinahe jeder das Erstlingswerk. Zu Recht?

Dissonanzenduett

Jetzt dürfen wir auch einmal danken: Dem geschätzten Verlag Rowohlt, der uns ein Exemplar zwecks Vorstellung hier bei Polen.pl zur Verfügung stellte. Ein Buch mit dem Absender des ‚Klub Polskich Nieudaczników‘, so heißt der Club auf Polnisch, kommt nicht einfach so an, wie irgendein Päckchen vom Online-Buchhändler. Formal schon: Mit Kartonumverpackung und Adressaufkleber, doch ideell ist es ein ganz anderes Kaliber. So kam nun also unser Exemplar und im Gegensatz zu den anderen Kartonumverpackungen war diese in Sekundenschnelle geöffnet, das Buch entnommen, das Sofa erklommen und die Vorfreude auf absurde Unterhaltung zur deutsch-polnischen Beziehung in Lesefluss verwandelt. Und dann?

Buchvorstellung im Club der polnischen Versager. Foto: Polen.pl (JW)

Buchvorstellung im Club der polnischen Versager

Dann folgte eine klassische Nachkaufdissonanz, wie die Marketingvertreter unter uns sagen würden. Gut, gekauft war dieses Exemplar nicht, sondern gesponsert, aber Nachsponsordissonanz hat noch keinen Eingang in die Marketingliteratur gefunden, wohl weil das eher eine Nischendissonanz ist. Aber warum überhaupt Dissonanz? Die Erwartungshaltung war: Ein Pointenfeuerwerk, Schlag auf Schlag ab der ersten Zeile. Die Erfüllung wäre gewesen: Ein Text wie auf dem Cover: „In diesem Buch geht es um Wodka, Wahnsinn und um die Zukunft Europas. (…) Es geht also um wichtige Fragen. Und um unsere Frisuren.“ Stattdessen erklärt das Vorwort tatsächlich, wie der Club entstand. Die Dissonanz ist klar. Erwartung und Erfüllung fallen auseinander. Und die zweite Abweichung folgt sogleich: Piotr Mordel beginnt das Buch mit einem Beitrag über den Grund der Auswanderung (übrigens: Grund war die reinliche deutsche Katze), was ungefähr eine Handbreit zu absurd ist, als man es lustig finden kann. Der Einstieg: Etwas unerwartet, etwas zu viel und gleichzeitig zu wenig.

Grüße aus Absurdistingen

Wer die Familie Popolski kennt, oder Steffen Möller las, wer sich über die Blicke polnischer Putzfrauen unter deutsche Betten in der Literatur informierte oder einen voyeuristischen Blick in einen halbvoll besetzten Polski-Fiat wagte, der erwartet auch beim Club der polnischen Versager eine perfekt kombinierte Comedyshow – auf ‚Papier aus verantwortungsvollen Quellen‘. Die ersten Seiten machen klar: Das hier ist anders. Das hier ist improvisierter und lockerer, dafür oft tiefsinniger. Wenn Absurdistan das Land der Absurditäten ist, dann ist dieses Buch Absurdistingen: Die Stadt – oder der Club, der für die nicht nachvollziehbaren Dinge in Sachen deutsch-polnischem Dialog steht. Auf Seite 43 liest man vom Besuch auf dem Arbeitsamt, der natürlich erfolglos ist aber immerhin abstruse Dialoge und Formulare hervorbringt. Am Ende aber fragt der Sachbearbeiter, welchen Wodka der Antragsteller – so als Pole – denn empfehlen kann. Auf Seite 204 entsteht das Bild vom Paradoxon der deutschen Autobahn, die zwar existent ist und funktioniert, aber nie gelobt werden darf. Und noch mehr Absurditäten in Sachen Klischees werden auf immer schlüssigere Weise zu einem ironisch-distanzierten Gesamtbild zusammengefügt: Wenn im Buch die Anrufe von bestohlenen Deutschen dargestellt werden, die bei einem polnischen Club sofort den Verbleib des Diebesgutes vermuten (Exkurs: Auch wir bei Polen.pl bekommen oft Anfragen, wo denn der gestohlene VW oder andere Gegenstände sein könnten, da wir uns ja in Polen auskennen) oder wenn Anrufe zur Anfrage von Handwerksdienstleistungen im Club der polnischen Versager eingehen – dann entstehen die Geschichten, die Spaß beim Lesen bereiten und gleichzeitig die Omnipräsenz von Vorurteilen und Klischees veranschaulichen. Schön beschrieben sind aber nicht nur die Geschichten, weise sind auch die Reaktionen und der Umgang mit diesen Stereotypen. Zitate wie „Habe ich doch immer gesagt (…), das Leid ist der Motor der polnischen Gesellschaft“ oder „‚Hände hoch!‘ waren übrigens die ersten deutschen Wörter, die wir überhaupt gelernt haben“ zeigen, dass es um mehr als Klamauk geht.

Buchvorstellung im Club der polnischen Versager. Foto: Polen.pl (JW)

Buchparty im Club

Nein: Eine Pointensammlung ist dieses Buch nicht. Auch keine Sammlung von Polen-Klischees oder Deutschen-Klischees. Es ist etwas dazwischen: Eine kluge, witzige, improvisierte und manchmal auch den Leser etwas ratlos zurücklassende Analyse von Vorurteilen. Ja: Das Buch ist gut. Sogar sehr gut. Trotz aller Dissonanzen am Anfang – die, so würde Adam Gusowski sicher sagen, in weiser Voraussicht zur Senkung der Erwartungshaltung virtuos von den Autoren davorkomponiert wurden – steigen Lesequalität und Unterhaltung ebenso überproportional während des Buchverlaufs an wie gute Denkanschubser. Sprachlich ist das Ganze kein Höhenflug, auch ist es kein ‚Generation Golf‘-Generationenbuch für Emigranten. Es ist ein sehr lesenswertes Buch für alle, die schon immer einmal wissen wollten wie der Club der polnischen Versager entstand, was seine Botschaft ist und wie man auch die bösesten Vorurteile satirisch verdaulich machen kann. Und für alle, die im interkulturellen Umgang zwischen Polen und Deutschen auch mal lachen und dann den Kopf einschalten möchten.

Gutmenschen aufgepasst

Auch Gutmenschen – im Duktus des Buches würden sie wohl Polenversteher heißen – bekommen einmal die Gegenperspektive veranschaulicht. Und merken, dass gut gemeint nicht immer gut gemacht ist. Das wiederum trifft auch auf die Handwerksdienstleistungen Gusowskis und Mordels zu, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Die auch lesenswert ist. Von allen.

Weitere Informationen:  Der Club der polnischen Versager (Buch) bei Amazon für 8,99 Euro, die Internetseite des Clubs der polnischen Versager

 

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