Medien, Märkte und eine neue Marke: IT-Boom in Polen

Do IT with Poland. Quelle: poland-it.pl

Do IT with Poland. Quelle: poland-it.pl

(Berlin, JW) Kaum startete die selbsternannte ‚Shareconomy-Messe‘ Cebit mit dem Partnerland Polen, häuften sich auch die Berichte mit Überschriften zum ‚IT-Boom in Polen‚ (Deutschlandradio), der Feststellung ‚Europas Shootingstar landet in Hannover‚  (Messe Hannover) oder ‚Die Zukunft ist sicher, wenn man sie selbst gestaltet‚ (Süddeutsche). Da wurde Polen auch mal schnell ‚früher‘ dem Ostblock zugeordnet, es gab interkulturelle ‚Knigge-Ratgeber‚ für die Zusammenarbeit mit IT-Nerds aus Polen (Computerwoche), große Zusammenarbeitsabkommen der Branchenverbände (pdf bei Messe.de) wurden unterschrieben und manch ein eher satirischer Kommentar (Heise.de) erkannte in Polen sogar das Nerd-Traumland, in dem Bits und Bytes ursprünglich fließen dürfen: Eine „IT- und Startup-Szene, die quirliger ist als Berlin, aber ohne Hipster auskommt. (…)“ (Quelle: heise.de). Aber mal ganz realistisch: Ist wirklich jetzt, pünktlich zur Cebit 2013, in Polen der IT-Boom ausgebrochen?

Kampagne ja, Inhalt auch

Auf der Cebit 2013: Partnerland Polen in IT. Foto: Polen.pl (FS)

Auf der Cebit 2013: Partnerland Polen in IT. Foto: Polen.pl (FS)

Natürlich ist der Medienhype der Situation geschuldet: Erstmals (zumindest soweit der Autor dank Wikipedia (Cebit) zurückdenken kann), ist Polen Partnerland der High-Tech-Messe. Und das wurde natürlich mit einer Kampagne begleitet. Pressemitteilungen der Messegesellschaft und auch seitens des Partnerlandes sorgten dafür, dass das Thema ‚Informationstechnologie aus Polen‘ erstmals so richtig auf die Agenda rückte. Aber: Wer sich schon länger mit Software und Co. beschäftigt, für den kommt das gar nicht so überraschend: Schon lange trifft man in den großen und kleinen Softwarehäusern auf Entwickler, Projektleiter, Tester und Vordenker aus Polen. Schon lange gibt es zahllose spannende Open-Source-Projekte oder Fixpunkte internationaler Software-Produkte in Polen. Nicht nur einfache Callcenter-Leistungen, sondern auch komplexe Entwicklungsaufgaben oder Fertigungsjobs für Hardware werden von polnischen und in Polen eingewanderten Firmen umgesetzt und vielfach erfolgreich am Markt platziert. Dass die polnischen Universitäten strukturiert denkende und diszipliniert arbeitende IT-Experten hervorbringt, ist in der Szene genau so wenig ein Geheimnis wie der sehr innovationsfreudige Elektronikmarkt in Polen. So expandieren auch viele deutsche Start-Ups nach Polen, vor allem aufgrund der mentalen und geographischen Nähe. Gerade erst verschlug es einen Online-Ankaufmarktplatz mit dem Namen kupimyto (auf Deutsch: wirkaufens.de, siehe gruenderszene.de) nach Polen, aber auch in der Vergangenheit begleiteten wir manchen Marktübertritt. Umgekehrt funktioniert das Ganze ebenso: Nicht nur einzelne Know-how-Träger, sondern auch Unternehmensexpansionen und Kooperationen aus Polen nach Deutschland beziehungsweise zwischen Polen und Deutschland sind wahrlich keine Seltenheit. Welche polnischen Start-Up-Unternehmen auf der Cebit vertreten waren, lässt sich hier nachlesen.

Polens IT will eine Marke werden

Do IT with Poland. Quelle: poland-it.pl

Do IT with Poland. Quelle: poland-it.pl

Was also hat sich nun geändert? Liest man genauer in den vielen Mitteilungen, steht doch eine Veränderung an: Ein ‚IT made in Poland‘ soll zur Marke werden. Der etwas holprige Titel ‚Marke der Polnischen Wirtschaft‘ vereint die nach meiner Auffassung ebenso brillante wie naheliegende Idee, die herausragenden polnischen Marken aus dem IT- und Kommunikationstechnologiebereich gemeinsam zu vermarkten. Gute Chancen sollen so die Produkte und Dienstleistungen bekommen, einen ähnlichen Status im IT-Bereich zu erreichen, wie es immer noch Automobile aus Deutschland mit dem ‚Made in Germany‘ haben. Offen möchte man dabei auch für ausländische Investoren und Businesspartner sein. Dass das polnische Wirtschaftsministerium so etwas fördert, ist gut. Dass dies auch EU-gefördert ist, ist auch gut. Und dass es sich um ein längerfristiges Programm bis 2015 handelt, ist ebenso gut.

Bei den Inhalten des Markenbildungsprogramms ‚Do IT with Poland‘ (poland-it.pl) beruft man sich auf die Exportzuwächse, die in den Branchen der Informations- und Kommunikationstechnologie in den letzten 14 Jahren jährlich fast 30 Prozent betrugen. Ein starker Fokus soll dabei auch zukünftig auf Unterhaltungselektronik, Support, Service, Softwareherstellung im Auftrag, Computerspiele und mobile Anwendungen gelegt werden; Polen versteht sich dabei ein wenig als ein fast asiatisch dynamisches Innovationsland, nur eben in Europa. Das alles, so die Kampagne, sei möglich, weil die rechtlichen Grundlagen, die Erleichterung von Investitionen und die Förderung geeigneter Bildungsangebote eine hervorragende Basis für motivierte und engagierte Menschen böten. So sei man sowohl operativ, etwa in Produkten und Dienstleistungen etwa für das Gesundheits- oder Finanzwesen, stark. Aber auch in der Forschung und in der Abwicklung kompletter Projekte lege man zu. Dies alles sollen Maßnahmen wie Messeauftritte und Förderungen von polnischen IT-Herstellern und -Dienstleistern nach außen kommunizieren. Auch ein Video (hier abrufbar) gehört zur Markenwerbung für Polens IT. Wer weiß, vielleicht kommt der nächste große Software- oder gar Hardware-Konzern aus Wroclaw (Breslau), Lodz (Lodsch) oder Katowice (Kattowitz)?

Weitere Informationen zum Programm ‚Do IT with Poland‘ unter www.poland-it.pl

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  1. frank

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