ITB 2012: Polen auf der Tourismusmesse

Funkturm am Messegelände in Berlin. Foto: Polen.pl (JW)

Funkturm am Messegelände in Berlin

(Berlin, JW) Wer 2011 und 2012 die ‚polnische Halle‘ auf der Tourismusmesse ITB in Berlin besuchte, konnte wenig Unterschiede feststellen: Die Stände sahen nahezu gleich aus, viele Standbetreuer waren wieder da, und die zahlreichen Broschüren und Prospekte hatten zuvor den polnischen Druckereien sicher ordentliche Umsätze beschert. Die Stände bogen sich erneut unter bunten Werbeflyern und Katalogen, Schmalzbrot-Verteiler und Töpferer sollten Aufmerksamkeit erzeugen und ein Viertel der Halle wurde von der EM 2012 bestimmt. Neu war eine Art Spielfeld, auf dem man sich mit hübschen jungen Mädchen mit einem Fußball fotografieren lassen konnte. Zusammenfassend: Wer Besucher fragte, die in diesem Jahr in geringerer Zahl die Halle frequentierten als im Polen-Partnerland-Jahr 2011, erfuhr die Wahrnehmung der Präsentation des Landes als gut, aber noch deutlich verbesserungsfähig.

Pressekonferenz mit EM-Schwerpunkt

Auf einer Pressekonferenz des polnischen Fremdenverkehrsamtes stand – wenig überraschend – die diesjährige EM im Lande im Mittelpunkt. Von einem angehenden ‚Sommermärchen‘ war die Rede, und auch die Ergebnisse der Spiele wurden bereits verkündet: Polen, so der Tenor, haben den dritten Platz erreicht. Das allerdings war das Ergebnis eines offenbar im informellen Kreise zuvor ausgetragenen Tischkicker-Turniers – demnach wohl ohne Gewähr. Schade, denn das Ergebnis dürfte sonst wohl an eine Sensation grenzen.

Fußball-Arena auf der ITB 2012. Foto: Polen.pl (JW)

Fußball-Arena auf der ITB 2012

Ebenfalls wenig überraschend, aber gut präsentiert sind die vorgestellten Planungen, die insbesondere auf EM-Besucher abzielen: Serviceoffensiven für Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, Schaffung von vielen neuen Hotelbetten, Ausbau der Verkehrswege, Erleichterung der polnisch-ukrainischen Grenzübertritte, Erhöhung der Sicherheitsvorkehrungen oder organisatorische Erleichterungen wie der so genannte ‚Polish Pass‚. Zu diesem Angebot, das unter anderem eine erleichterte Buchung von Hotels, Verkehrsmitteln und Versicherungen für die Reise ermöglichen soll, fand ein teilnehmender Journalist auch gleich das Haar in der Suppe: So können keine grenzüberschreitenden Reisen zwischen den Austragungsorten in Polen und der Ukraine darüber abgebildet werden, auch gibt es keine Preisvorteile bei den Hotelbuchungen gegenüber den dahinterstehenden Buchungsportalen. Auch die genannten Nahverkehrstarife erscheinen, vergleicht man die aufgerufenen Preise mit den normalen Tarifen der Verkehrsverbünde in polnischen Städten, nicht gerade gering. Die Zahl der zusätzlichen Hotels und der tatsächliche Ausbaustand der Autobahnen sowie Bahnverbindungen wurden kritisch hinterfragt. Insgesamt aber: Eine gelungene Vorstellung der EM-Vorbereitungen machte den Teilnehmern der Pressekonferenz Lust auf ein gut organisiertes Fußball-Event in Polen. Sicher konnte man auch sein, dass die Spieler der deutschen Mannschaft im gewählten Hotel komfortabel wohnen werden: Selbiges präsentierte sich souverän und einladend.

Mehr oder weniger Besucher im EM-Jahr?

Fußball auf der ITB 2012. Foto: Polen.pl (JW)

Überdimensionaler Fußball auf der ITB 2012

Die Frage, ob im EM-Jahr aufgrund der Sogwirkung der Ticketbesitzer tatsächlich mehr Besucher ins Land reisen, oder aufgrund der abschreckenden Wirkung höherer Preise und überlaufener Städte sogar weniger Menschen Polen besuchen, wurde kontrovers betrachtet. Der Versuch des Fremdenverkehrsamt geht in Richtung der Schaffung alternativer Angebote für Familien und anderer Zielgruppen ohne EM-Interesse plus der Nutzung der Medienpräsenz der EM, um die Vorzüge des Reiselandes Polen zu präsentieren. Ob am Jahresende wirklich positive Tourismuszahleneffekte zu erwarten sind, wollte des Fremdenverkehrsamt nicht versprechen.

Nicht-EM-Regionen auch im Fokus – und die Abweichung solch einer Region

Unter anderem die Berliner öffentlichen Verkehrsmittel sind zurzeit mit Werbung des Fremdenverkehrsamtes aus Polen versehen, die verspricht: Polen lohnt nicht nur für den Fußball einen Besuch. Diese Werbung ist ein Ergebnis des Ansinnens, die EM als ‚Vorwand‘ für die Bekanntmachung des Urlaubslandes Polen zu machen. Grundsätzlich eine gute Idee, doch fehlte mit den Masuren eine wichtige Tourismusregion Polens in der Halle 15. Der Stand der ‚Ermländisch-Masurischen Regionalen Organisation für Tourismus‚ hatte ihren Stand stattdessen nahe Leipzig in der Halle 11. Mancher Fachbesucher der Messe meinte unter vorgehaltener Hand, dass inhaltliche und finanzielle Gründe für diese geographisch etwas unlogische Abweichung gesorgt hätten, die offizielle Begründung verweist auf einen Gemeinschaftsstand.

Immer besser funktioniert dagegen die kommunikative Klammer: Die Auswirkungen und Medien der Kampagne ‚Move Your Imagination‘ sorgte erneut für schick gestaltete, nützliche und inhaltlich gute Broschüren für verschiedene Reisetypen. Etwa ‚Polen per Anhalter‘ oder ‚Polen für Aktivurlauber‘ dürften den Geist potenzieller Interessenten am Reiseland Polen treffen – ein guter Ansatz, der sichtbar auch beim  jüngeren Publikum der Stände ankam.

Konzept rund um die EM 2012

Plakat auf der ITB 2012, Polen. Foto: Polen.pl (JW)

Plakat auf der ITB 2012

Es bleibt festzuhalten, dass die Strategie des polnischen Fremdenverkehrsamt, die EM 2012 gewissermaßen als ‚trojanisches Pferd‘ für den Transport der touristischen Vorzüge des Landes zu nutzen, sinnvoll scheint. Die Umsetzung ist marketingseitig gelungen, so schätzen wir es zumindest ein. Gestaltung, Modernität und Inhalte passen. Nicht ganz passt die Umsetzung dieser Positionierung auf den Ständen, in vielen Broschüren und in der Auswahl der ’nichtfußballerischen Angebote‘, zumindest nicht in allen Fällen. Aber wir wollen nicht zu sehr mäkeln, sondern uns stattdessen – hoffentlich – auf ein Sommermärchen freuen.

Pressemitteilung des Fremdenverkehrsamtes zur ITB 2012 und Internetseite des Polnischen Fremdenverkehrsamtes

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