Erinnerung ohne Zeitzeugen: Ein Gespräch

Izabella Sosnowska mit Ella Lingens im Bad Altaussee

Izabella Sosnowska mit Ella Lingens im Bad Altaussee

(Berlin, JW) Halina Kochan lebt in Salzburg und ist nicht zu verwechseln mit Halina Höller, die viele Polen.pl-Leser häufig zum Wochenende mit deutsch-polnischer Poesie versorgt. Ich habe in der vergangenen Woche in Berlin mit Halina über ihre verstorbene Freundin Izabella Sosnowska gesprochen, die im Zweiten Weltkrieg in Auschwitz war: Eine Zeitzeugin. Und ein Symbol dafür, dass die Erinnerung an die grauenhaften Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg in Zukunft immer seltener über mahnende Zeitzeugen möglich ist. Izabela gab Halina als Wunsch mit, dass ihre Geschichte auch nach ihrem Tod warnend erinnern soll. Aus unserem Gespräch entstand die folgende Mitschrift.

Frau Gräfin

„Izabella nannten die Menschen in Salzburg immer nur ‚Madame’, aber andere sprachen auch von ‚Frau Professor’ oder ‚Frau Gräfin’“ erinnert sich Halina an ihre im Jahr 2007 verstorbene Freundin. „Warum kann ich gar nicht genau sagen, aber es passte irgendwie zu Izabellas Verhältnis zu den ‚hochnäsigen Salzburger Kreisen‘. Niemand sagte ‚Frau Sosnowska‘, sie wollte auch lieber mit dem Vornamen angesprochen werden. In den künstlerischen Kreisen Salzburgs bewegte sich Izabella in ihrem ‚zweiten Leben’ nach dem Zweiten Weltkrieg auf ganz eigene, individuelle und aufmerksamkeitsstarke Weise. Wir haben uns sofort gut verstanden, waren sofort auf einer Wellenlänge. Unsere Themen waren Kunst, Kultur und Politik; erst dann folgten die ‚Alltäglichkeiten’“ Halina weiß, dass es Izabella schon ein wenig stolz machte, als ‚Berichterstatterin von den Salzburger Festspielen’ für das anerkannte polnische Musikmagazin ‚Ruch Muzychny’ zu schreiben. „Für Sie waren Kultur und Kunst sehr wichtig, über die Kriegserlebnisse begann sie erst später – und dann immer intensiver – zu sprechen. Vor allem auf unseren Ausflügen und auf unseren Reisen“. 

Zwei Welten

Halina beschreibt die Musik- und Kunstszene Salzburgs fast als ein wenig schillernden Gegensatz zu den Erzählungen, wenn Izabella mit Freunden über ihre Vergangenheit sprach. Dann beispielsweise berichtete sie von ihrer anfangs unbeschwerten Kindheit in der vergleichsweise wohlhabenden jüdischen Familie in Krakau, in der sie 1914 zur Welt kam. In diese frohe Zeit schlug der erste Weltkrieg als erster Schatten, als sie fünf Jahre jung war. Nichtsdestotrotz ging Izabela später zu Klavierstudien an das Krakauer Konservatorium und begann noch später, sich den Musikwissenschaften an der Jagiellonen-Universität zu widmen. Izabella fiel die Erzählung dann schwer, wenn sie von den Veränderungen an der Universität im Zweiten Weltkrieg berichtete: „Wenn sie vom Ende des offiziellen Universitätsbetriebs erzählte, von den Verhaftungen der Professoren, dann wurde sie regelrecht wütend und gleichzeitig traurig“.

1941 heiratete Izabela ihren Mann Jerzy Sosnowski. „Ich habe mir die Dokumente im Museum Auschwitz angesehen, und da konnte ich Fotos sehen, wie sie mit der Nummer 7675 auf den schwarzweißen Bildern zu sehen ist, also junge Frau kurz nach ihrer Hochzeit“, so Halina. „Was sie damals gefühlt hat, als die Gestapo im April 1942, nach 4 Wochen Gefängnis in Krakau, nach Auschwitz abholte, darüber konnte sie kaum reden“. Vorgeworfen wurden ihr Kontakte zur polnischen Untergrundorganisation. Es war wohl der Schwager Aleksander Serafin, so kann Halina aus Izabellas Erzählungen berichten, der sie in diesen Verdacht gebracht hat. Später als Professor in Lublin tätig, war Aleksander offenbar aktiver Widerstandskämpfer. Er selbst, so lassen die Erzählungen schließen, konnte sich vor der Festnahme und dem Transport nach Auschwitz retten.

„Die Schuh-Geschichte hat mir Izabela immer wieder berichtet, die war für sie sehr wichtig“. „An einem Tag der Zwangsarbeit im Sumpf schenkte ihr, so Izabella, ein SS-Mann plötzlich Schuhe, was als unglaublicher Luxus in Auschwitz galt. Sie war sicher, dass der Mann sagte, er habe sie ihr wegen ihres Lächelns trotz der harten Arbeit geschenkt. Ich weiß nicht, ob das genau so passiert ist, aber in jedem Fall drückte es für Sie das Menschliche im Unmenschlichen aus“. Eine andere Arbeit, die Izabella später im Lager übernahm, befand sich in der Schreibstube. „Hinter dem Wandschirm die Tötungen durch Giftspritzen: Dieses Miterleben beschäftigte sie ihr ganzes Leben lang und besonders berichtete sie auch von SS-Ärzten, die sich dieser Tötungsmethode verweigerten und aufgrunddessen getötet wurden“ erzählt Halina aus ihren Gesprächen mit der Zeitzeugin Izabella.

Flucht und Idylle

„Sie berichtete mir, dass sie zu fünft waren, als sie gegen Kriegsende aus Ausschwitz geflüchtet seien. Sie waren mehrere Frauen und harrten mehrere Tage und Nächte still in einem Stall aus, wo sie nach ihren Berichten von Bauern im Dunkeln mit Lebensmitteln versorgt wurden. Für Izabella war das im Nachhinein, so absurd das klingt, eine glückliche und unvergessene Idylle.“

In Krakau fand sie, so weiß Halina aus den Erzählungen der späteren Salzburgerin, keine heile Welt mehr vor. Ihr Mann war weg, wie sie später erfuhr in Schweden. Dort verstarb er bei einem Unfall, bevor sie ihn wiedertreffen konnten. Ihre Eltern waren ermordet worden, ihre Schwester in Auschwitz verstorben. „Sie nahm dann eine Einladung einer befreundeten Familie an, nach Wien zu gehen. Diese Familie, die Lewalskis, war dorthin geflüchtet. Den Sohn der Familie, die die Villa des heutigen Sitzes des Österreichischen Generalkonsulates in Krakau bewohnte, kannte Izabella aus dem Gymnasium. Dieser allerdings nahm sich noch vor Izabellas Ankunft das Leben. So zog sie nach London, war in Israel, dachte auch über ihre Rolle als polnische Jüdin nach und zog schließlich mit Hilfe einer Bekannten dauerhaft nach Österreich, nach Salzburg. Ella Linges hieß diese Bekannte, eine Ärztin und Juristin aus Wien, die ebenfalls als Häftling in Auschwitz gewesen war.  „Izabella erzählte mir oft von dem wissenschaftlichen Stipendium, das sie durch Lingens Einsatz erhielt und mit dem sie  ein Singspiel von Jean Jaques Rosseau ‘Le devin du village’, eng verbunden mit Mozarts ‘Bastien und Bastienne’, recherchierte. Daraus ergaben sich auch Kontakte zu Musikredaktionen, wo sie auch publizierte“.

Izabella mit Halina am Königssee

Izabella mit Halina am Königssee

Izabella war eine starke Frau, erzählt mir Halina, vielleicht gerade, weil sie keine großen materiellen Reichtümer anhäufen konnte. Sie machte immer das Beste aus der Situation. „Das Faszinierende, das Beeindruckende an ihr war für mich: Diese Frau trotzte Auschwitz und vielen persönlichen Tragödien und Wanderungen mit einem Koffer; dennoch zeigte sie so viel Lebensfreude, Optimismus und Humor, pflegte so viele Interessen und begeisterte so viele Menschen, darunter auch ganz junge.“ So sollen gar Virtuosen wie Artur Rubinstein und Henryk Szeryng, Komponisten wie Roman Palester, Andrzej Panufnik, Konstantin Regamey, Schriftsteller wie Marek Hlasko, Stanislaw Jerzy Lec sowie polnische Künstler, die bei den Festspielen auftraten, wie Krystian Zimerman, Jan Krenz, Zdzislawa Donat und Elzbieta Szmytka zu ihrem Freundeskreis zu zählen sein, meint meine Gesprächspartnerin. „Sie hatte auch einen Fast-Ehemann, wie sie ihn immer nannte: Kazimierz Sowinski, Dichter und Präsident der Polnischen Literaten in London. Die beiden besuchten sich gegenseitig über mehrere Wochen im Jahr, abwechselnd in London und Salzburg.“

Izabella Sosnowska in Auschwitz

Die Hauptquelle der Vergangenheit sind, wie sollte es anders sein, die Erzählungen von ihr selbst. Zwischen 1983 und 2006 sprach Halina oft mit Izabella. Die Themen: Vielfach gleich, aber doch immer aufwühlend. Schaut man in den Archiven der Museen, so lassen sich die Eckdaten bestätigen. Laut Auskunft des Museums der Gedenkstätte Auschwitz kam Izabella am  30. Mai 1942 mit einem Transport aus Krakau mit insgesamt 51 Frauen ab 16 Jahren an. Die meisten davon waren Widerstandskämpferinnen oder in Untergrundorganisationen aktiv. Ein Teil der Personen wurde  dem Strafkommando zunächst im Dorf Budy zugeteilt; nach Izabellas Erzählungen dürfte sie in diesem Teil der Gruppe gewesen sein.  Später flüchtete sie aus einem Transport (‘Todesmarsch’) bei einem Aufenthalt in Wodzislaw Slaski. Sie selbst erzählte von den Verunsicherungen, den Ängsten und dem Chaos im Lager und erwähnte die genauen Umstände der Flucht nicht. Allerdings sprach sie von der Umfärbung der KZ-Kleidung, vom Verstecken auf Bäumen, von gewalttätigen russischen Soldaten und vom Schutz durch den Vorgesetzten. Zofia Posmysz-Piasecka (Journalistin, Schriftstellerin, Autorin) mit ähnlicher Geschichte berichtet ebenfalls von Izabella. Nach dem Krieg zog Izabella offenbar durch mehrere Länder, was heute schwer rekonstruierbar ist.

 

Unsere Gesprächspartnerin Halina Kochan wurde in Polen geboren und ist Klaviersolistin, die in Salzburg lebt. Sie gründete die Chopin-Gesellschaft mit und arbeitete auch pädagogisch in der Musik. Dadurch ergaben sich Kontakte zu Izabella Sosnowska.

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  1. Brigitte Gotwald-Thurner

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