Jetzt gibt es was auf die Ohren: Mit einem Audioguide durch Warschau

 

Logo des Stadtspaziergangs in Warschau

Logo des Stadtspaziergangs in Warschau

(Pforzheim, KL) Bei einer Buchpräsentation in Prag sagte mir eine Produktdesignerin, dass Warschau das neue New York sei. Hier sollen sich Trends viel schneller entwickeln, weshalb Warschau zurzeit die Stadt für kreative Köpfe sei. Eine Behauptung mit Ansage: Das graue sozialistische Image ist längst Vergangenheit, stattdessen ist es eine boomende Stadt auf vielen Sektoren.

Und damit ein guter Grund, diese Metropole näher kennen zu lernen. Und was ist der einfachste Weg? Natürlich zu Fuß! Warschau individuell entdecken – das ist sehenswert, aber noch besser ist es, wenn man einen Erzähler an der Hand hat, der Geschichten und Anekdoten über besondere Plätze zu erzählen weiß. Hörenswertes und sehenswertes gibt es nun in einem: ein kostenloser Audioguide „miejska ścieźka“, der im Rahmen des Projektes „Audio-Wawa. Głos Warszawy w audio przewodniku” (Audio-Wawa. Die Stimme Warschaus in deinem Audioguide) entstanden ist. Finanziert wurde das Ganze von der Stadtverwaltung Warschau, Fundacja BRE Banku, OkiDoki Hostel sowie dem Dom Towarowy Bracia Jabłkowscy.

Abseits der touristischen Plätze, entwickeln sich Szeneviertel und andere Milieus, in denen die Stadtbewohner täglich verkehren und somit das Stadtbild mitprägen. Wie sah Warschau in den 60er Jahren aus und was zeugt von dieser Zeit im Stadtbild? Welche Cafés und Kabaretts waren die Orte der Bohème in der Zwischenkriegszeit? Welches Viertel ist gerade en vogue und warum ist der Stadtteil Żoliborz ein Ort der Liebe? Diese und andere Fragen beantworten rund neun Audiotouren durch Warschau.

Die Konzeption

Rund eine Stunde dauert eine Audiotour, die auch ohne Stadtplan funktioniert. Man muss dem Erzähler nur genau zuhören und den Anweisungen folgen, in welche Richtung man sich bewegen soll. Im Hintergrund ertönen in einem gemächlichen Tempo Schritte, die die Schnelligkeit des Rundganges anzeigen. Für ein langsames Tempo, Zeit zum Verweilen in einem Café oder ein Besuch eines Ortes, kann der Guide jederzeit gestoppt werden und anschließend weiter abgespielt werden. Somit steht einem langsamen und gemächlichen Stadtspaziergang nichts im Wege. Die Erzähler sind Warschauer, die mit Touristen ihre Geschichte teilen möchten, weshalb diese Audiotouren mit Hilfe von Ethnografen und Kulturanthropologen authentisch gestaltet wurden. Verfügbar sind die Audio-Guides kostenlos auf Englisch sowie auf Polnisch (siehe Link unter dem Artikel).

Die Natur in Warschau

Ein Pfau im Warschauer Łazienkipark

Ein Pfau im Warschauer Łazienkipark

Das ist der Titel des ersten Spaziergangs. Hier wird der Besucher das Grüne Warschaus erleben. Der Weg führt vorbei an grünen Inseln, am Botanischen Garten, hin zum Łazienkipark. Es wird über die Besonderheiten in der Warschauer Natur erzählt und mit einer Geräuschkulisse aus der Natur unterlegt. 

In Żoliborz verliebt

Auf der linken Seite der Wisła (Weichsel) nördlich des Stadtkerns (Śródmieście) befindet sich der Stadtteil Żoliborz. Klingt verdächtig französisch und das ist es auch: Mönche – um genau zu sein, Piaristen, die diesen Ort im 18. Jahrhundert besiedelten, legten Parzellen an und gaben einem davon den Namen jolie bord (Schöner Damm), woraus sich später die polnische Variante Żoliborz entwickelte. Den schönen Dingen gehen auch die Stadtführer des Audioguides nach und erzählen von der Liebe, romantischen Plätzen und Legenden, die sich um diesen Ort ranken. Auch die Architektur kommt nicht zu kurz, da hier die ersten avantgardistische Bauten entstanden. Begleitet wird dieser Spaziergang von kurzen Musikstücken , die eine besondere Verbindung zu diesem Stadtteil aufweisen. Und gerade eine Band, die auch Polen.pl bereits vorstellte, hat Kindheitserinnerungen an Żoliborz: Paula i Karol.

Ochota während des Zweiten Weltkriegs

Der Stadtbezirk Ochota liegt ebenfalls auf der linken Seite der Wisła, aber südlich des Stadtkerns (Śródmieście). In diesem Guide entführen die Erzähler den Zuhörer in eine vergangene Zeit und zwar in den Alltag während des Zweiten Weltkriegs. Wie sahen die Nöte der kleinen Leute aus? Was haben Kinder während der chaotischen Zustände gemacht und was hat ein Weihnachtsbaum gekostet? All diese Geschichten mit historischen Fakten sind Erinnerungen von Zeitzeugen, die aus einer Kooperation mit dem Archiv des Museums der Gesprochenen Geschichte des Warschauer Aufstandes entstanden sind. Musikalische sowie historische Fragmente begleiten den Spaziergang durch Ochota.

Stadtbezirk Ursynów

Dieser Stadtteil ist der südlichste und der drittgrößte Warschaus. Erbaut in den 70er Jahren, steht er für den industrialisierten Wohnungsbau, der damals nicht nur in Polen seine Konjunktur hatte und heute als „Platte“ bekannt ist.

Mit Musikbegleitung und den Stimmen der Bewohner des „neuen“ Bezirks, wird der Zuhörer auf eine Reise mitgenommen, als Ursynów sich von einem ländlichen Gebiet, zu einem großen Wohngebiet entwickelte und welche Reize und welchen Charme die „Platte“ für ihre Bewohner hat.

Das Warschau der Oppositionellen

Wie sah der Alltag einer Frau in der Opposition zum politischen System in Warschau aus? Welche Orte spielten eine wichtige Rolle im Stadtleben und welche Sorgen beschäftigten diese Frauen? Während der Audiotour erfährt der Zuhörer etwas über das Leben und die Organisation der Untergrundbewegung, die zu den ersten demokratischen Wahlen führte.

Das Warschau der 60er Jahre

Miniröcke, Beatles und Pop-Art – das waren die Swinging Sixties, die der Westen kennt. Wie sah aber die Welt hinter dem Eisernen Vorhang aus? Hier werden Spaziergänger in das Warschau der 60er Jahre eintauchen, um genauer zu sein: in den realsozialistischen Alltag unter Władisław Gomułka.

Warschau in der Zwischenkriegszeit

Die größte Blüte, nicht nur in der Literatur, sondern auch in der darstellenden Kunst und im Film, erlebte Polen in der Zwischenkriegszeit. Das Erlangen der Unabhängkeit Polens im Jahr 1918 katapultierte Warschau wieder an die Spitze des kulturellen Lebens im Lande. In dieser Audiotour zeichnen die Erzähler ein Warschau nach, dass zwischen Verruchtheit, Armut, großstädtischem Leben und der intelektuellen Bohème pendelte. Wer wo verkehrte, wird ebenfalls geklärt. Mit zahlreichen Erinnerungsfragmenten und Musikstücken erleben Spaziergänger entlang der Route die wilden 20er und ihren Nachklang in den 30er Jahren.

Das kriminelle Warschau

Warschau hat nicht nur eine „Schokoladenseite“. Wie jede Metropole, zieht sie auch Gauner und Kriminelle an. Wer etwas über spektakuläre und schaurige Geschichten und ihren spezifischen Jargon hören möchte, der wird bei diesem Hör-Spaziergang fündig.

Praga – ein multikultureller Stadtteil

Praga, das sich rechts der Weichsel befindet, war bereits um die vorletzte Jahrhunderwende ein „Schmelztiegel“ der Kulturen: Hier lebten Juden, Polen und Tschechen und andere friedlich miteinander. Heute erinnern an dieses Zusammenleben zahlreiche Kirchen und Handelsorte. Waren es im 19. Jahrundert jüdische Geschäftsleute, sind die heutigen Händler Vietnamesen und Georgier. Bei einem Spaziergang, das von Klezmer Klängen untermalt wird, wird nicht nur die Geschichte Pragas durchlebt, sondern auch das heutige Praga betrachtet: zwischen morbidem Charme und kreativen Künstlerflair.

Die mp3-files können hier heruntergeladen und auf einen Player kopiert werden

 

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  1. Konstantin Schubert

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