Junge Menschen im Übergang: Scheitern die Lebenspläne der polnischen Jugend?

Im heutigen Polen sehen sich viele junge Menschen vor einem unsicheren Lebensweg.

Im heutigen Polen sehen sich viele junge Menschen vor einem unsicheren Lebensweg.

(Berlin, JP) Wer heute in Polen zu den Jugendlichen zählt, ist in der Zeit der Systemtransformation sozialisiert worden. Für diese Generation ergeben sich neue Möglichkeiten, gesellschaftlichen Pluralismus kennenzulernen, zu reisen oder einen höheren Bildungsabschluss zu erwerben. Doch die Widersprüche, die ein Systemwechsel naturgemäß hervorbringt, stellen auch die Jungen auf eine harte Probe. Zu diesem Ergebnis kommt Krystyna Szafraniec, Professorin an der Mikołaj Kopernik Universität in Toruń (Thorn) und Autorin des Regierungsberichts Młodzi 2011 (Jugend 2011). Der 426 Seiten starke Bericht soll eine Annäherung an die Lebenswirklichkeit der Generation darstellen, welche die sozialistische Polnische Volksrepublik nur noch aus Erzählungen kennt. Seine Ergebnisse riefen in Polen nachhaltig eine Debatte hervor.

„Schon bald werden die Polen aus der Emigration zurück nach Hause kommen, weil sich Arbeiten hier wieder lohnen wird. Gut verdienende Ärzte und Krankenschwestern werden uns medizinisch behandeln, gut verdienende Lehrer unsere Kinder unterrichten, gut verdienende Polizisten für unsere Sicherheit sorgen. Am Rande der polnischen Straßen entstehen moderne Stadien und Schwimmhallen“ zitiert Beata Kempa, Parlamentsabgeordnete der Oppositionsfraktion Solidarna Polska (Solidarisches Polen), Premierminister Donald Tusk aus dem Wahlkampf. Sie kommentiert außerdem auf ihrem Blog im Meinungsportal der Wochenzeitschrift Newsweek Polska: „Und ich frage mich heute, was Sie in den letzten fünf Jahren Ihrer Regierungszeit getan haben.“ Um ihre These vom Versagen der Regierung zu untermauern, verweist Kempa exemplarisch auf die Ergebnisse des Forschungsberichts Młodzi 2011 (Jugend 2011). Der Bericht, der von der Regierung in Auftrag gegeben und Ende August 2011 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, warnt unter anderem davor, dass die Lebenspläne junger Menschen im heutigen Polen an einem immer prekäreren Arbeitsmarkt zu scheitern drohen.

Individualismus nimmt zu

Mit dem Regierungsbericht versuchen die Auftraggeber, sich umfassend den Lebenswelten der Generation anzunähern, die nach 1989 geboren und ausschließlich nach dem Systemwechsel sozialisiert ist. Dafür wird ebenso auf frühere Untersuchungen und internationale Forschungsergebnisse zurückgegriffen. Die Autorin Szafraniec kommt zu dem Schluss, dass junge Polen in der komplexen Realität einer sich ausdifferenzierenden und öffnenden Gesellschaft aufwachsen. Sie fühlen sich immer häufiger als Europäer und haben umfassende Ansprüche an das eigene Leben: Ihr persönliches Glück sehen sie lange nicht mehr nur in einem gelungenen Familienleben verwirklicht, ebenso spielt der Wunsch nach Wohlstand und Selbstverwirklichung im Berufsleben eine zunehmende Rolle. Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich vor diesem Hintergrund die Zahl der Studienanfänger fast vervierfacht. Wer keinen der begehrten Plätze an den staatlichen Universitäten bekommt, schreibt sich den hohen Studiengebühren zum Trotz an einer der unzähligen privaten Hochschulen ein, die in den letzten beiden Jahrzehnten entstanden sind.

Das Streben der Jugend nach einem interessanten Leben mit vielfältigen Erfahrungen führt Frau Prof. Szafraniec auf die unter polnischen Jugendlichen weit verbreitete Internetnutzung zurück. Wer regelmäßig in sozialen Netzwerken unterwegs ist und andere Angebote des Web 2,0 wahrnimmt, hat unzählige Möglichkeiten, seine Individualität auszudrücken, seine Werte und Ansichten im Dialog mit Gleichgesinnten zu entwickeln. Junge Frauen sehen sich immer seltener ausschließlich als aufopferungsvolle Mutter und Hausfrau. Das traditionelle Rollenverständnis, das sich der sozialistischen Propaganda zum Trotz lange gehalten hat und in die nationale Identität des Landes eingegangen ist, macht zunehmend Vorstellungen von partnerschaftlichen Familienmodellen Platz. Wer Kinder bekommt und trotzdem beruflich erfolgreich sein will, sieht sich jedoch vor dilemmatische Rahmenbedingungen gestellt. Inflexible Arbeitszeiten, der schwierige Zugang zu Angeboten der Kindertagesbetreuung oder die Angst vor Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt führen dazu, dass junge gut ausgebildete Polinnen, ähnlich wie ihre Geschlechtsgenossinnen in anderen Industrieländern, auf die Gründung einer Familie verzichten oder diese auf ein immer späteres Lebensalter verschieben (müssen).

Überleben auf einem schweren Arbeitsmarkt

Außerhalb der virtuellen Welt werden die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung für die polnische Jugend durch sozioökonomische Rahmenbedingungen beschränkt. Der Ansturm auf die Hochschulen hat zu einer Inflation der höheren Bildung geführt. Ein guter Universitätsabschluss wird für viele zur Bedingung für den Einstieg ins Berufsleben, gleichzeitig garantiert er weder ein hohes Einkommen, noch eine erfolgreiche berufliche Karriere. Die Arbeitslosenquote beträgt in Polen derzeit 12,6 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit ist aber ungefähr dreimal so hoch, was zeigt, dass vor allem der Start ins Berufsleben vielen schwer fällt (wir berichteten). Auch wenn bei einem Durchschnittseinkommen der jungen Polen von 1.818 Złoty (circa 433 Euro) die Hochschulabsolventen und Promovierten vergleichsweise gut dastehen, bedingen die hohen Lohnunterschiede, dass viele kaum ihre Grundbedürfnisse, geschweige denn ihre Konsumansprüche befriedigen können. Jenseits solcher statistischen Werte arbeiten immer mehr junge Arbeitnehmer auf einem sich „flexibilisierenden“ Arbeitsmarkt in befristeten Arbeitsverhältnissen mit schlechten Arbeitsbedingungen, geringen Entwicklungsmöglichkeiten und niedrigen Löhnen von durchschnittlich nur 1000 Złoty (circa 238 Euro) monatlich.

Die hohen Lebenshaltungskosten bewirken, dass Polen zu den Ländern mit der größten Anzahl so genannter „Nesthocker“ gehört. 83 Prozent der 20-24-Jährigen und sogar noch 28 Prozent der 30 bis 34-Jährigen leben bei ihren Eltern, besonders die Älteren unter ihnen in der Regel aus wirtschaftlichen Gründen. Wer kann, spart vor allem an Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs. Moderne technische Geräte und Freizeitgestaltung gelten hingegen als Statussymbole, auf die viele junge Menschen nicht verzichten wollen.

Opposition kritisiert Regierungspolitik

Die Opposition nutzt die schwierige wirtschaftliche Lage der jungen Generation erwartungsgemäß als Hebel, um die Familienpolitik der Regierung zu kritisieren. Die Sejm-Abgeordnete Kempa vergisst, dass sie als frühere Politikerin der ehemaligen Regierungspartei PiS die Geschicke des Landes bis 2007 mitbestimmt hat und beklagt Versäumnisse der gegenwärtigen Regierung. Premierminister Tusk habe in seiner Regierungserklärung 2011 am wenigsten über eine Veränderung der Familienpolitik gesprochen. Es sei zwar von Steuererleichterungen für Familien die Rede gewesen, aber in vielen Fällen wären Eltern von diesen ausgeschlossen, die ebenso staatliche Unterstützung nötig hätten. Die Politikerin, die inzwischen der Partei Solidarna Polska angehört, mokiert außerdem Kürzungen im Programm „Rodzina na swoim“, das es jungen Familien durch staatliche Zuschüsse erleichtern soll, Wohneigentum zu erwerben. Die ultrakonservative Tageszeitung Nasz Dziennik kommentierte im Internet höhnisch das Engagement von Michał Boni, seinerzeit Staatssekretär in der Kanzlei des Premierministers und Koordinator bei der Entstehung des Regierungsberichts:„Boni war Mitarchitekt der hervorragenden familienfeindlichen Politik aus seinem politischen Lager, als er in den 1990er Jahren das Amt des Arbeitsministers bekleidete.“

Die Studie „Młodzi 2011“ als erster Schritt zu Veränderungen?

Die Frustration der Jugend zeigt sich an ihrer hohen Unzufriedenheit mit der polnischen Demokratie, deren Zustand nur von 22 Prozent der jungen Menschen positiv bewertet wird. Eine Rückkehr zur sozialistischen Einparteienherrschaft und Planwirtschaft wünscht sich nur eine verschwindende Minderheit, viele Junge fordern jedoch mehr staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zu Gunsten eines sozialen Ausgleichs. Polnische Jugendliche engagieren sich hauptsächlich politisch über das Internet und bleiben den Parteien fern. Ist das Fazit der Oppositionspolitikerin Kempa tatsächlich zutreffend? Sie subsumiert: „Polen hat heute 6 Millionen junge erwachsene Bürger und es könnte scheinen, als wären die Jungen nur 6 Millionen, die außerdem nicht wählen gehen. Aber sie gehen deshalb nicht wählen, weil ihnen dieses Land nichts anzubieten hat.“

Der Regierungsbericht über die junge Generation steht nun ebenso wie das frühere Papier „Polska 2030 – wyzwania rozwojowe” (Polen 2030 – Herausforderungen der Entwicklung) im Zeichen eines neuen strategischen Paradigmas, das sich innerhalb der polnischen Eliten durchsetzt. Die Untersuchung der Lebenswirklichkeit junger Menschen basiert auf der Annahme, dass die Jugend eine der Ressourcen ist, auf die eine landesweite Entwicklungsstrategie für die nächsten Jahrzehnte aufgebaut werden muss. Unabdingbar scheint dafür die Sammlung von Erkenntnissen über die Bedingungen, die für kommende Generationen prägend werden. So beschreibt jedenfalls die polnische Regierung selbst ihre Beweggründe für das Forschungsprojekt.

Der Autorin Krystyna Szafraniec stand bei der Arbeit am dem Regierungsbericht ein interdisziplinäres Expertenteam zur Seite, dessen Mitglieder aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen, Ressorts, zentralen Ämtern oder einschlägigen Kreisen der Jugendarbeit kamen. Diese haben sich zwischen 2010 und 2011 wiederholt unter dem Vorsitz von Staatssekretär Broni getroffen. Das so entstandene umfassende Gesamtwerk über die polnische Jugend setzt sich mit der Situation und den Einstellungen der Jugend betreffend verschiedenster Lebensbereiche auseinander. Zu diesen zählen unter anderem Bildung, demografischer Wandel, Berufseinstieg, Ehe, Familie, Sexualität, Konsumverhalten, Gesundheit oder Gedanken zu relevanten politischen und gesellschaftlichen Fragen, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Szafraniec versuchte, sowohl generationentypische Tendenzen zu erkennen, die zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus übergreifend auftreten, als auch einzelne Gruppen von Jugendlichen gesondert nach Sozialisationsfaktoren wie dem sozioökonomischen Status der Eltern, dem Wohnort, dem Geschlecht und dem konkreten Alter zu betrachten.

Viele Hausgaben für die Politik

Kurz- und mittelfristig erleichtert der Bericht der polnischen Regierung nicht unbedingt das Leben, denn er enthält eine ganze Reihe Empfehlungen für umfassende und kostspielige Reformen in den Bereichen Arbeitsmarktpolitik, Bürgerpartizipation, Bildungs- oder Sozialwesen. So wird der Politik dringend ans Herz gelegt, die Dimension der Generationen in der Entwicklungsstrategie des Landes zu berücksichtigen, um jungen Menschen durch die umfassende Verbesserung ihrer Rahmenbedingungen einen besseren Start ins Leben zu ermöglichen. Konkret fordert Szafraniec die Anpassung der Strukturen des Bildungswesens an die Erfordernisse des heutigen Arbeitsmarkts, mehr staatliche Unterstützungsleistungen für junge Menschen, arbeitsmarktpolitische Instrumente zu Gunsten der Eingliederung von Berufsanfängern sowie Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Politik und die Einrichtungen des Bildungswesens müssten außerdem auf die starke Internetaffinität der jungen Generation reagieren: Die Bedingungen der Nutzung von Dienstleistungen und Inhalten im Internet sollten besser gesetzlich reguliert, alle öffentlichen Ressourcen den Nutzern frei zugänglich gemacht und von Seiten der staatlichen Entscheidungsträger mehr politische Partizipationsmöglichkeiten online angeboten werden. Die polnische Regierung hat somit noch viel zu tun, damit „die Generation, die der Motor positiver Veränderungen werden kann“ (Michał Boni), keine verlorene Generation wird.

Quellen:

Główny Urząd Statistyczny (2012): Bezrobotni oraz stopa bezrobocia wg województw, podregionów i powiatów. Stan na koniec maja 2012r.: http://www.stat.gov.pl/gus/5840_1487_PLK_HTML.htm

Internetauftritt der Partei Solidarna Polska (2012): http://www.kp-solidarnapolska.pl/

Kanzlei des Premierministers der Republik Polen (2011): http://www.premier.gov.pl/centrum_prasowe/wydarzenia/raport_quot_mlodzi_2011_quot_,7530/

Nasz Dziennik: http://stary.naszdziennik.pl/index.php?dat=20120324&typ=po&id=po33.txt

Newseek.pl – Meinungsportal (2012): http://blogi.newsweek.pl/Tekst/polityka-polska/633829,kraj-donalda-tuska-„mlekiem-i-miodem-plynacy”.html

Polen-Analysen Nr. 105 vom 20.03.2012 Jugend 2011, Zusammenfassung des Regierungsberichts von Krystyna Szafraniec, Download möglich unter: http://www.laender-analysen.de/polen/

Raport Młodzi 2011, Download möglich unter: http://zds.kprm.gov.pl/mlodzi-2011

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. Wegner
  2. Linus
  3. Gerold

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*