Junge Mittler mit ungewolltem Auftrag

Podiumsdiskussion Junge Mittler. Foto: Polen.pl

Podiumsdiskussion „Junge Mittler“ auf dem DPG-Jahreskongress

(Berlin, JW) Wie die zweite und dritte Generation von Polen in Deutschland mit ihrer Identität umgehen, wie sie ihre Rolle in der deutschen und polnischen Gesellschaft verstehen und was sie damit machen: Das alles war Thema der Diskussion  „Kulturelle Vielfalt: junge polnische Migranten als Brückenbauer zwischen den Kulturen“ auf dem Jahreskongress der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband. Überraschend: Die dieser Generation zugeschriebene Brückenbauerrolle, von vielen als festes Datum in den deutsch-polnischen Beziehungen erwartet, wird beileibe nicht von allen Vertretern dieser Generation dankend angenommen.

„Wir sind da in diese Brückenbauerrolle hineingedrängt worden, ob wir wollten oder nicht“ lautet sinngemäß eines der Zitate. Andererseits aber auch die Erkenntnis: „Auch wenn wir es nicht wollen, wir sind automatisch in dieser Rolle“. Eine Grundlage für die Diskussion lieferte Emilie Mansfeld mit ihrer Studie „Neue Mittler – junges polnisches Engagement in Deutschland“ (Ein Interview mit der Studienautorin bei uns). Praktische Erfahrungen aus der „deutsch-polnischen Brückenbautätigkeit“ ergänzte Katharina Blumberg-Stankiewicz, die eine beeindruckende Initiative namens ‚Zwischen den Polen‚ mit ins Leben brachte.

Neue Polen oder neue Deutsche?

Nicht die geographische Herkunft, sondern die Prägung des Elternhauses ist aus Sicht  Mansfelds entscheidend dafür, wie mit dem Leben zwischen den Kulturen umgegangen wird. So sprechen manche von den ’neuen Polen‘, andere schon von den ’neuen Deutschen‘, wenn es um diese Generation geht. Doch Elternhaus und Umfeld prägen maßgeblich, zum Beispiel durch die Pflege oder Abwehr der polnischen Sprache, wie das Ergebnis aussieht. So gibt es also nicht die typischen Brückenbauer zwischen den Kulturen, sondern eine große Vielfalt des Umgangs mit der Rolle ‚zwischen den Nationen‘. Vom „Schämen für die eigene Herkunft“, wie es die Moderatorin Alice Bota (DIE ZEIT) ausdrückte, bis hin zur klassischen Polonia (wie die Migrantenorganisationen der ersten Generation sich nennen) reicht die Spannweite. Bota machte aber ein gemeinsames Element im Verhalten der ‚dritten Generation‘ aus und unterstellte provokativ Bequemlichkeit: Diese Generation fordere die Rechte aus dem Nachbarschaftsvertrag, kümmere sich aber wenig um die politische Dimension desselben und um die nicht immer einfache Vergangenheit der Beziehungen. Mansfeld bestätigte die Ausrichtung auf die Zukunft in vielen deutsch-polnischen Initiativen der jungen Generation, sah das aber weniger kritisch. Zumal es ja auch viele Institutionen mit solider Basis auf Forschung gäbe, etwa das Institut für deutsch-polnische Geschichte.

Normalität zwei Nationalitäten

Podiumsdiskussion Junge Mittler. Foto: Polen.pl

Diskussion zu zwei Pässen

Beinahe alle Vertreter der Generation auf der Bühne, darunter auch die pragmatisch argumentierende Monika Sozanska (Degenfechterin im deutschen Nationalteam), bestätigten: Am besten sind zwei Pässe. Zumindest seien zwei Pässe die richtige Antwort auf ihre Empfindungen sowohl gegenüber der polnischen wie auch der deutschen Nation. Wenn auch Mansfeld argumentierte, als Europäerin sei ihr der formale Akt der doppelten Staatsangehörigkeit weniger wichtig, so entzündete sich hieran am Ende eine Diskussion. Rita Süssmuth forderte in der anschließenden Diskussion die Deutsch-Polnischen Gesellschaften auf, sich der Frage nach einem klaren Votum für eine Änderung des bestehenden Optionsmodells bei der Staatsangehörigkeit zu stellen. Aus ihrer Sicht sei es nicht angemessen, Menschen zur Entscheidung zu zwingen; gerade im europäischen Kontext sei eine Neuregelung zwingend.

Die Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen des Landes Berlin, Dilek Kolat, bestärkte Süssmuth: Eine neue Regelung sei ein Muss für die Abbildung der Normalität im Alltag. Ebenfalls Unterstützung erhielt sie von Blumberg-Stankiewicz, die den ‚Normalfall zweier Identitäten‘ beschrieb und die Diskussion um das Optionsmodell auf die Unkenntnis der alltäglichen Situation der betroffenen Menschen zurückführte. Widerspruch zu dieser Forderung gab es anschließend aus dem Publikum, mit dem Hinweis auf die praktischen Probleme von doppelten Staatsbürgerschaften.

Etikett ‚erfolgreich integriert‘

Das Etikett ‚erfolgreich integriert‘ in Bezug auf die in Deutschland lebenden Polen sei hinderlich für die Fortentwicklung der Diskussion: Die individuellen Geschichten deutsch-polnisch geprägter Menschen kämen dadurch zu kurz, der Beitrag aus der deutsch-polnischen Community zur Integrationsdebatte verkürze sich damit unnötig. Zwar sei die erste Generation der Polen in Deutschland auf ihre Art integriert, auch die zweite habe sich – wenn auch changierend zwischen den Nationen – eingefunden. Für die dritte Generation hingegen sei die Identifikation noch lange nicht abgeschlossen, so Blumberg-Stankiewicz.

Dazu passte, dass Kolat darauf hinwies, dass die polnische Community in Berlin trotz ihrer gewichtigen Größe nicht den Hauptbestandteil ihrer Integrationsarbeit ausmache: Viele aus dieser Community lehnten auch die Teilhabe an der Integrationsdebatte ab, mit der Begründung, sie fühlten sich bereits integriert. Sie sah diese Vielfalt hingegen positiv, so fände eben jeder seinen eigenen Weg zur Identität.

Auf Kolats Zitat, man sei ja „nicht von Beruf Ausländer“ konkretisierte sich die Diskussion: Die Impulse zur Integrationsdebatte aus dem deutsch-polnischen Bereich dürften sich nicht auf das willige Brückenbauen beschränken, was auch gern nahe an die Asssimilation gerückt werde. Vielmehr agieren Menschen mit polnischen Wurzeln mal als Polen, mal als Deutsche, mal als Provokateure oder eben auch mal als Europäer, so Blumberg-Stankiewicz.

Insgesamt konnten Besucher aus dieser Diskussion spannende Perspektiven erfahren, interessante Diskurse nachvollziehen – wenn auch schon auf einem Niveau, das für Neueinsteiger in die Thematik nicht so niedrig schien – und einem roten thematischen Faden folgen, der dank der sachlichen Moderation Alice Botas individuelle persönliche Geschichten richtig einordnete.

 

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  1. Pole

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