Katastrophe oder Attentat – Die Diskussion geht weiter

Titelseite des Abschlussberichtes von Smolensk.

Titelseite des Abschlussberichtes von Smolensk

(Berlin, MH) – Kommentar – Der Abschlussbericht der russischen Untersuchungskommission über den Flugzeugabsturz in Smolensk sorgt in Polen für Kontroversen: Er gilt als unvollständig und inhaltlich nicht schlüssig. Während die polnische Regierung die einseitige Schuldzuweisung an dem Unglück empört, hängt der Bruder des verstorbenen Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski immer noch an seinen Attentat-Theorien. In den Mängeln des Berichtes sieht er eine Bestätigung für seinen Verdacht.

Untersuchungsbericht als Politikum

Schon ein paar Tage nach der Flugzeug-Katastrophe war vorherzusehen, dass diese Katastrophe für politische Zwecke benutzt werden würde. Verschwörungstheorien rund um den Tod von Lech Kaczynski erblickten rasch das Tageslicht. Hinzu kamen monatliche Gedenkmärsche, der Konflikt um das Kreuz vor dem Präsidentenpalast, Zweifel, ob sich in dem Sarg im Krakauer Wawel tatsächlich der Leichnam des Präsidenten befindet. Außerdem prägen Vorwürfe und Anschuldigungen gegenüber Donald Tusk, der mit den Russen an dem Tod von Lech Kaczynski Schuld trüge, das politische Leben der PIS-Partei seit etwa elf Monaten. Eine schnelle Aufklärung und die Wahrheit will der Kaczynski-Bruder haben, hören möchte er aber nur seine Wahrheit.

Künstlicher Nebel

Dass Kaczynski die russischen Untersuchungen ablehnt, ist keine Überraschung. Es geht ihm aber nicht nur darum, dass  in dem Bericht die alleinige Schuld einem ‚betrunkenen Luftwaffenchef‘ in die Schuhe geschoben würde, oder dass viele offene Fragen dort nicht aufgeklärt würden. Polen werde ‚verhöhnt‘, weil die einzige für ihn akzeptable Ursache des Unglücks nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen sei: Nach seiner Sichtweise musste sein Bruder sterben, da er für Moskau ein unbequemer Politiker war. Ein künstlicher Nebel und eine Landeerlaubnis in den von russischer Seite gezielt erzeugten schweren Wetterbedingungen sollten  die polnische Maschine abstürzen lassen. So wurde es zumindest aus Kaczynskis Reihen kolportiert. Die Fluglotsen haben dieser Auffassung folgend den Piloten gezielt falsche Informationen gegeben, damit die Maschine verunglückt.

Folgt man der Theorie weiter, möchte Premierminister Donald Tusk  nicht, dass die Wahrheit aufgedeckt werde. Nur deswegen überließe er den Russen die Untersuchungen. Lech Kaczynski, gestorben im Dienst der Nation, wurde in den Augen seines Bruders zum Märtyrer. Dieses Bild vermittelt Jaroslaw Kaczynski an seine Wähler – und er ist in dieser Überzeugung nicht alleine.

Die Theorie des künstlichen Nebels vertreten öffentlich unter anderem die Vertreter der Familien der Opfer, die Rechtsanwälte Rafal Rogalski und Marcin Dubieniecki. Auch der PIS-Politiker und Vorsitzende des Untersuchungsausschusses im polnischen Parlament, Antoni Macierewicz, wurde entsprechend zitiert. Ende Januar soll nach Ankündigung von Dubieniecki ein Antrag auf Untersuchung einen Attentats-Verdachts an die Statsanwaltschaft weitergeleitet werden.

Weitere Diskussion

Wie viele Peinlichkeiten uns Jaroslaw Kaczynski noch bieten wird, ist schwer einzuschätzen. Die Debatte geht in die nächste Runde und angesichtes des baldigen Jahrestags des Absturzes kann man eher eine Verschärfung der Diskussion erwarten. Dass er sich gleichzeitig mit der Diskussion einen Erfolg bei den kommenden Parlamentswahlen verspricht, ist nicht ausgeschlossen. Wenn auch für den Oppositionsführer emotionale Motive aufgrund des Tods seines Bruders manche Äußerung begründen, sollte man doch erwarten, dass mit mehr Verantwortungsgefühl in der Öffentlichkeit argumentiert wird. Für mich heißt das: diese teilweise absurde Diskussion wird uns wahrscheinlich noch länger begleiten. Ich fürchte: der Höhepunkt der Groteske ist noch nicht erreicht.

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  1. Anna
  2. Juergen
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