Spaziergang durch das „Polnische Chicago“

Der Wolkenkratzer. Foto: Polen.pl (AS)

Der Wolkenkratzer. Foto: Polen.pl (AS)

(Berlin, AS) Bergwerke, Schwerindustrie und Arbeiterviertel – Katowice (Kattowitz) hat häufig das Image einer tristen Industriestadt. Doch das war einmal. Moderne Wirtschaftszweige entstehen und die Stadt wird immer mehr zum Kulturzentrum einer ganzen Region. Schärft man seinen Blick, lassen sich darüber hinaus ganz besondere architektonische Meisterwerke der Moderne entdecken.

Dunkelgrau ragt es 62 Meter in die Höhe -der kattowitzer „Drapacz Chmur“. Der Wolkenkratzer war in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eines der höchsten Bauten in Europa. Fünf Jahre dauerten die Arbeiten, bevor das Gebäude mit seiner Skelettkonstruktion aus Stahl 1934 fertig gestellt wurde. In den 1930er Jahren zog dort das Finanzamt der Autonomen Woiwodschaft Schlesien ein, in seinen oberen Etagen hausten Beamte. Die klare und schlichte Form, ein flaches Dach sowie die Eckfenster machen den „Drapacz Chmur“ an der Kreuzung der beiden Straßen ul. Żwirki i Wigury und der ul. Marii Skłodowskiej-Curie zum Musterbeispiel der modernen Architektur in Kattowitz, die seit den 1920er Jahren zum Merkmal der Stadt wurde.

Die goldenen 20er

Es ist die Phase der frühen Unabhängigkeit Polens, der Volksabstimmung in Oberschlesien und der Schlesischen Aufstände von 1919 bis 1921. In Folge des letzten der insgesamt drei Aufstände wurde Kattowitz 1922 an Polen angegliedert und zur Hauptstadt der neuen Autonomen Woiwodschaft Schlesien. Genau in dieser Zeit entwickelte sich Kattowitz zu einer der reichsten Städte Polens und somit zur Wohn- und Arbeitsstätte für neue Zuwanderer. Mit dem raschen Aufschwung werden neue Wohnhäuser und Kirchen errichtet, aber auch öffentliche Gebäude und repräsentative Bauten, die eine politische und kulturelle Bedeutung der Stadt unterstreichen sollten. Besonders im südlichen Teil der Innenstadt auf der westlichen Seite der ul. Kościuszki hinterließen Architekten wie Karol Schayer, Zbigniew Rzepecki, Lucjan Sikorski und Tadeusz Michejda ihre Spuren in der urbanen Gestaltung von Kattowitz, die den Beinamen „Polnisches Chicago“ bekam.

Die charakteristischen Eckfenster des Wolkenkratzers. Foto: Polen.pl (AS)

Die charakteristischen Eckfenster des Drapacz Chmur. Foto: Polen.pl (AS)

Die Moderne in der Architektur, ein weltweiter Trend mit verschiedenen Phasen, prägte das 20. Jahrhundert bis zum Ende der 1970er Jahre. Die Zeit zwischen den Weltkriegen ist vor allem von dem so genannten Funktionalismus gekennzeichnet, einem Stil, der die reine Funktionalität eines Gebäudes in den Vordergrund stellte. Hochhäuser mit flachen Dächern, glatten Wänden ohne Verzierungen, geometrischen und schlichten Formen, großflächigen Verglasungen, Stahl und Beton als wichtigste Baumaterialien; das sind nur einige von vielen Merkmalen der modernistischen Bebauung in Kattowitz.

Ein Wohnhaus in der ul. Wojewódzka 23. Foto: Polen.pl (AS)

Ein Wohnhaus in der ul. Wojewódzka 23. Foto: Polen.pl (AS)

Die Route der Moderne

Gleich 16 Gebäude sind Teil des „Szlak Moderny“, einer Route der modernen Architektur in Kattowitz. Ausgewählt wurden die einzelnen Objekte vom Schlesischen Zentrum für Kulturerbe. Auf etwa sechs Kilometern Fußweg sieht man die Garnisonskirche, das Woiwodschaftsamt und das Schlesische Parlament, verschiedene Villen, Wohn- und Geschäftshäuser, die allesamt unter Denkmalschutz stehen.
Wer sich auskennt, findet noch mehr Architektur der Moderne. „Nicht alle Gebäude ließen sich in das Projekt aufnehmen.“, sagt Anna Sierszecka, eine Mitarbeiterin der Stadtauskunft am Rynek 13. Entweder wollten die Hausbesitzer nicht in die Route aufgenommen werden, oder die Straßenbebauung ließ das Aufstellen einer Infobox nicht zu. Die Infoboxen, das sind blaue multimediale Stehlen in der Nähe der einzelnen Gebäude, an denen man mehr Hintergründe zum Objekt erfahren kann und historische Fotografien zu sehen bekommt. Die Route der Moderne, eine von vielen Initiativen der kulturellen Revitalisierung der Stadt, startet jetzt in ihr drittes Jahr und das Projekt wird stetig weiter ausgebaut. So sind als nächstes Audioguides geplant – die Testphase dafür ist bereits abgeschlossen.

Eine von mehreren Infoboxen auf der Route. Foto: Polen.pl (AS)

Eine von mehreren Infoboxen auf der Route. Foto: Polen.pl (AS)

Eine Stadt im Wandel

Momentan wirkt Kattowitz wie eine einzig große Baustelle. Neue Gebäude entstehen, alte Bauten müssen zum Teil dafür weichen. Neben dem neu erbauten Hauptbahnhof wird das obligatorische Einkaufszentrum errichtet, die Straßen der Innenstadt saniert und eine komplett neue Kulturzone geschaffen: Ein modernes Kongresszentrum ist am Entstehen, das Schlesische Museum bekommt ein neues Gebäude, ebenso das Symphonieorchester.

„Kattowitz ist keine typische Touristenstadt. Für viele ist es ein Anfangspunkt ihre Reise durch Polen zu beginnen, weil die infrastrukturelle Anbindung so gut ist.“, sagt Marcin Stańczyk, Leiter der Abteilung für Strategie und Promotion der Stadtverwaltung. Zwischen Breslau und Krakau gelegen, hat Kattowitz zwei attraktive Tourismusmagneten und zugleich Konkurrenten in unmittelbarer Umgebung. Kattowitz konzentriert sich vordergründig auf den Business-Tourismus, d.h. auf die Organisation von Konferenzen, Tagungen und Seminaren insbesondere für die IT-Branche. Nichtsdestotrotz kommen auch reguläre Individualtouristen aus England, Spanien, Frankreich oder Deutschland wie zum Beispiel die 56-jährige Dagmar K. und ihr 22-jähriger Sohn Felix K., die in Kattowitz den ehemaligen Wohnort ihres Vaters bzw. Großvaters aufsuchen.

Kattowitz wird sich weiter verändern, denn die Stadt möchte ihr weit verbreitetes graues Image loswerden. Für den Wettbewerb um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2016 wirbt die Stadt mit dem Slogan „Katowice – miasto ogrodów“, also „Kattowitz – Stadt der Gärten“. Was die Rankings um die Grünflächen von Polens Städten angeht, kann die Stadt mit seinen Wäldern und Naturschutzgebieten bereits auf den ersten Plätzen mithalten.

Die St. Kasimir-Garnisonskirche. Foto: Polen.pl (AS)

Die St. Kasimir-Garnisonskirche. Foto: Polen.pl (AS)

Nützliche Informationen

Kattowitz ist die Hauptstadt der Woiwodschaft Schlesien und liegt etwa 70 Kilometer nordwestlich von Krakau. Mit Bus, Bahn und Flugzeug bietet die Stadt eine sehr gute Anbindung.

Einen Stadtplan zur Moderne in Kattowitz und weitere kostenlose Materialien zu einzelnen Sehenswürdigkeiten in der Stadt und ihrer Umgebung, bekommt man im Büro der Stadtauskunft am Rynek 13 in der Innenstadt. Seit diesem Jahr gibt es zudem eine Melex-Tour zum „Polnischen Chicago“, die täglich um 11 Uhr an der zentralen Touristeninformation startet.

Der „Szlak Moderny“ hat eine eigene Internetseite: http://www.moderna.katowice.eu/de

 

Informationen zur Architekturreise 2013:
Industrielle Hinterlassenschaften, Spuren der Moderne, ein neues Museum und eine Werft – das sind die vier Themen der Artikelreihe Polen-Architekturreise 2013. Auf einer Tour quer durch Polen blieb ich an vier Stationen etwas länger stehen und traf Menschen, die mit mir ihre Zeit und ihr Wissen teilten. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken, ebenso beim Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin, das die Recherchereise unterstützte. Weitere Informationen unter agnieszka@polen.pl.

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  1. Faruk
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