Kaufkraft-Vergleich: Wie gut geht es dem polnischen Otto Normalverbraucher?

Kaufkraft-Vergleich (Daten: Eurostat, wyborcza.biz). Polen 100%. Graphik polen-pl.eu (BD)

Kaufkraft-Vergleich (Daten: Eurostat, wyborcza.biz). Polen 100%. Graphik polen-pl.eu (BD)

(Warszawa, BD) Dass alles immer teurer wird, behauptet wohl fast jeder Verbraucher, den man auf der Strasse befragt. Egal ob man diese Abfrage des gefühlten Preisniveaus in London, Berlin oder Warschau durchführen würde. Auch, den eigenen Wohlstand konkret zu beschreiben, fällt den meisten Bürgern zu Recht ziemlich schwer. Um so interessanter sind statistische Versuche, diese persönlichen Eindrücke in konkreten Zahlen auszudrücken. Und darüber wollen wir versuchen, einen Eindruck davon zu bekommen, wie es dem polnischen ‚Otto Normalverbraucher‘ eigentlich finanziell so geht.

Inflation weiterhin über dem Inflationsziel von 2,5%

Gerade wurden in Polen die Ergebnisse der Messung der Inflation im Monat Juni gegenüber dem gleichen Monat im Vorjahr bekanntgegeben. Wichtig für den Hintergrund: Inflation kann als reeller Kaufkraftverlust verstanden werden. Daher wird vom Staat und der Gesellschaft meist eine niedrige Zahl angestrebt.

Der Datenlieferant der aktuellen Zahlen für Polen war – wie fast immer – das polnische Hauptamt für Statistik (GUS). Aber: Das Ergebnis überraschte die meisten. Die Preise stiegen um satte 4,3 Prozent, erwartet wurde eine Zahl von 4,1 Prozent. Bei einer gegenwärtigen Inflation von 2 Prozent in Deutschland ist diese Zahl schon vergleichsweise hoch. Mehr als doppelt so viel ‚reellen Kaufkraftverlust‘ mussten die Polen also verkraften. Aber: Ganz so einfach ist es dann doch nicht, alles nur auf Basis dieser Zahl zu erklären.

Wieviel Liter 95 Benzin kann sich ein 'Kowalski' im Monat leisten? (Daten: Eurostat, wyborcza.biz).  Graphik polen-pl.eu (BD)

Wieviel Liter 95 Benzin kann sich ein ‚Kowalski‘ im Monat leisten? (Daten: Eurostat, wyborcza.biz). Graphik polen-pl.eu (BD)

Kaufkraft-Vergleich: Mehr als nur Inflation

Für einen europaweiten Vergleich der Vermögensverhältnisse taugt die Inflationsgrösse allein tatsächlich wenig. Ebenso wenig reicht ein direkter Vergleich der Währungskurse nicht aus. Wenn auch viele Medien solche Vergleichsgrundlagen verbreiten: So wird manchmal der direkt umgerechnete Preis des ‚fettarmen‘ Brötchens einer weltweit bekannten Fast-Food-Kette in verschiedenen Ländern für solche Vergleiche genommen. Daraus entsteht dann ein ‚Kaufkraft-Ranking‘. Besonders zur Urlaubszeit werden so manchmal die Urlaubskosten auf Basis einzelner Produkte verglichen. Aber: Der Mensch lebt nicht von Hamburgern allein… Richtig interessant und stärker aussagekräftig wird ein Kaufkraftvergleich erst, wenn man einzelne Länder in Bezug auf mehrere Güter vergleicht.

Polen für Touristen günstig

Wieviel Liter Milchkann sich ein 'Kowalski' im Monat leisten? (Daten: Eurostat, wyborcza.biz).  Graphik polen-pl.eu (BD)

Wieviel Liter Milch kann sich ein ‚Kowalski‘ im Monat leisten? (Daten: Eurostat, wyborcza.biz). Graphik polen-pl.eu (BD)

Das Preisniveau in Polen wirkt auf ausländische Touristen günstig. Egal ob beim Essen oder Tanken: Der in Euro oder  britische Pfund (GBP) direkt umgerechnete Preis wirkt erst einmal einladend. Die von Eurostat gelieferten Zahlen, die Sie auszugsweise den Graphiken entnehmen können, überraschen allerdings teilweise. Was für Touristen günstig wirkt, ist es für Polen noch lange nicht.

Ein Beispiel: Die Preise an der Tankstelle unterliegen starken Schwankungen der Weltmärkte und geben zudem den Appetit des Fiskus sehr gut wieder. Glaubt man Eurostat, so kann sich der polnische ‚Kowalski‘ ’nur‘ 336 Liter des 95er Benzins leisten. Ein Engländer kann mit 1085 Litern dreimal soweit im Monat fahren. Vorausgesetzt, er hat ein verbrauchsgleiches Auto. Der Grund ist klar: Das deutlich niedrigere Einkommensniveau macht die etwas niedrigeren Preise für die polnischen Verbraucher gleich wieder zunichte.

Überraschend hingegen ist die entsprechende Zahl bei der Milch: Warum der ‚John Smith‘ sich monatlich drei Mal so viel Milch im Vergleich zum ‚Kowalski‘ leisten kann, wird mit einem Satz wohl kaum zu erklären sein.

Hintendran, aber auf dem Weg nach oben

Das Fazit: Trotz vergleichsweise niedrigen Mieten und Preise für öffentliche Verkehrsmittel ist die Kaufkraft eines polnischen Bürgers im europäischen Vergleich als schwach einzustufen. Wichtig ist, dass sich Polen auf dem richtigen Weg befindet und mit leicht höherem Wirtschaftswachstum auch der Wohlstand der Bürger zu steigen scheint. Weitere Produktivitätssteigerungen und ständige Weiterbildung werden diesen Trend verstärken. Entgegen dem Bild in den Medien der vergangenen Monate ist Polen aber noch weit davon entfernt, für seine Bürger einen gleichen monetären Wohlstand bieten zu können, wie etwa Deutschland oder Großbritannien. Denn nicht nur die Einkommen steigen in Polen, sondern vor allem auch die Preise – und das läuft auch nicht immer ausgewogen ab.

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