Kochanowski’s Fund: Briefe an Generalgouverneur Hans Frank 1939/ 40

Das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Foto: Bildwerk/ Stiftung Topographie des Terrors.

Das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Foto: Bildwerk/ Stiftung Topographie des Terrors.

(Berlin, AS) Der deutsche Überfall auf Polen jährt sich 2014 zum 75. mal – Ein Anlass für die Stiftung Topographie des Terrors und das Zentrum für Historische Forschung Berlin am Dienstagabend die siebenteilige Veranstaltungsreihe „Krieg – Besatzung – Erinnerung. Polen und der Zweite Weltkrieg“ zu starten. Zum Auftakt war der polnische Historiker und Publizist Jerzy Kochanowski geladen, der auf etwa 50 Briefe, adressiert an den Generalgouverneur Hans Frank, aus der Anfangszeit der deutschen Besatzung in Polen gestoßen ist.

Bitten und Beschwerden sind die häufigsten Inhalte der Briefe, die Jerzy Kochanowski, Professor am Historischen Institut der Universität Warschau, bei seinen Recherchen im Warschauer Archiv der Neuen Akten fand. In seinem Vortrag mit dem Titel „Ich gebe mir die Ehre, Sie zu ersuchen…“ zeigte der Historiker ausgewählte Briefe, die von der polnischen und jüdischen Bevölkerung, aber auch von Angehörigen der russischen und ukrainischen Minderheit zwischen Ende 1939 und Anfang 1940 im nationalsozialistisch besetzen Polen verfasst wurden. Adressiert waren die Briefe meist an die Spitze des so genannten Generalgouvernements, den NS-Juristen Hans Frank, der das besetzte Polen ausbeuten, seine Bevölkerung unterdrücken und ermorden ließ sowie für den Völkermord an den Juden Europas mitverantwortlich war.

Noch ist unklar, wie groß der Bestand an Briefen ist

Die Briefe schrieben vor allem älteren Menschen, die im ersten und besonders harten Besatzungswinter in Not geraten waren, denn Arbeitslosigkeit, Hunger und Kälte prägten das damalige Polen. Kochanowski fand aber auch den Brief eines 21-jährigen Mannes, der in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war und in seinem Brief um die Finanzierung seiner privaten Zukunftspläne bat. Es schrieben Bauern, aber auch Juristen, Männer und Frauen. Neben den meist ökonomischen Absichten, die in den Briefen geäußert wurden, baten einige um Rückgaben von beschlagnahmten Gegenständen, um Hilfe zum Wiederaufbau des eigenen Hauses oder auch um eine deutsche Staatsbürgerschaft. Die jüdische Bevölkerung fragte in den Briefen nach der Befreiung von dem Zwang den so genannten „Judenstern“ am Arm tragen zu müssen. Die Briefe landeten nicht im Müll, sondern gerieten in die bürokratische Verwaltungsmaschinerie der deutschen Besatzer, wurden übersetzt und beantwortet. Hans Frank selbst bekam nach Kochanowski nur wenige Schriftstücke zu Gesicht.

Es lässt sich noch nicht genau bestimmen, wie groß der Umfang der Briefe tatsächlich ist. Die Archivsammlung ist nicht einheitlich. Vielmehr fand Kochanowski die Briefe in verschiedenen Mappen. Dabei war er nicht der erste, der den Fund entdeckte, denn vor ihm hatten bereits zehn andere Personen den Bestand durchgeschaut. Kochanowski fing jedoch an, sich den Briefen ausführlicher zu widmen. Einen ersten Artikel über seine Entdeckung veröffentlichte er im April 2013 in der polnischen Wochenzeitschrift „Polityka“. Weitere Beiträge sollen in Zukunft folgen.

Zeugen die Briefe von einer Bereitschaft eines Kompromisses? Eines Kompromisses zur Zusammenarbeit zwischen der polnischen Bevölkerung und den deutschen Besatzern? Das ist eine von vielen Fragen, die Jerzy Kochanowski interessiert. Diese stellt er jedoch mit äußerster Vorsicht, denn eine zu schnelle Beurteilung läuft sonst Gefahr vor einer Verurteilung und noch ist unklar, ob die Briefe überhaupt ein repräsentatives Zeugnis zur Forschung bieten werden.

Die Vortragsreihe „Krieg – Besatzung – Erinnerung. Polen und der Zweite Weltkrieg“ wurde bewusst mit den Briefen vom Ende 1939 und Anfang 1940 begonnen, da laut Robert Traba, Direktor des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, besonders die Anfangszeit des Zweiten Weltkrieges vielfach in den Hintergrund gerät. Neben der Vortragsreihe kündigte Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, außerdem eine Ausstellung zum Warschauer Aufstand an, die in Kooperation mit dem Museum des Warschauer Aufstands in diesem Jahr im Ausstellungsgraben des Dokumentationszentrums gezeigt werden soll.

Informationen zur Vortragsreihe „Krieg – Besatzung – Erinnerung. Polen und der Zweite Weltkrieg“:
Die Vortragsreihe wurde von der Stiftung Topographie des Terrors und dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften anlässlich des 75. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen gestaltet. Beide Institutionen arbeiten aktiv zusammen. Weitere Vorträge werden noch am 4. März, 15. April, 12. Mai, 3. Juni, 2. September und am 28. Oktober 2014 jeweils um 19 Uhr im Auditorium der Stiftung Topographie des Terrors in der Berliner Niederkirchnerstraße 8 gehalten. Der Eintritt ist frei. Link zum Flyer.

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  1. Pole

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