Krakau liegt doch nicht an der Ostsee

Strand in Kolobrzeg (Kolberg). Foto: Polen.pl (JW)

So sieht er wirklich aus, der Strand in Kolobrzeg (Kolberg).

(Berlin, JW) Bemerkenswert sind die geographischen Kenntisse eines deutschen Online-Schnäppchenjägerportals, was Polen anbetrifft. So bemerkenswert, dass wir es uns nicht sparen können, hier einmal kurz darüber zu schreiben. So ist sich die Firma, ein ‚Rabatt- und Deal-Portal‘ mit enormem Faszinationsvermögen besonders für chronisch rabattfixierte Menschen, ziemlich sicher, dass der Krakauer Marktplatz nur wenige Kilometer von der polnischen Ostseeküste entfernt liegen müsste. Wir sind allerdings ziemlich sicher, dass das nicht so ist. Und damit beginnt die Geschichte.

Am Anfang stand Verwunderung

Ja, zugegeben: Wir sind auch im E-Mail-Verteiler mancher Schnäppchendienste. So trudelte denn vor kurzem auch ein zeitlich begrenzter ‚Rabatt-Deal‘ ein, nach dessen Erwerb man einen Urlaub in einem polnischen Ostsee-Hotel verbringen kann. Für knappe zweihundert Euro soll es, den Kauf des Rabattgutscheins vorausgesetzt, ein paar Tage in die erholsame Ostseeluft gehen. Keine schlechte Idee, so ein Ausbruch aus dem Alltag, weshalb wir uns das Angebot ein wenig genauer ansahen. Und uns wunderten: Die Hoteladresse und die Hotelbeschreibung wiesen ziemlich eindeutig darauf hin, dass man geradezu einen Katzensprung vom Ostseestrand wohnen würde. Die dazu abgebildeten Fotos allerdings zeigten: Krakau. Und zwar den Marktplatz in zwei Perspektiven und ein paar der üblichen Gute-Laune-Wellness-Fotos mit Saunatuch, Rose und Wein sowie einem jungen adretten Pärchen in einer Sauna.

Schnell mal machen

Marktplatz von Kolobrzeg (Kolberg). Foto: Polen.pl (JW)

So sieht er wirklich aus, der Kolberger Marktplatz

Man kann es sich vorstellen: Da kommt der Chef mit den Worten ‚“Wir müssen da flott so ein neues Reiseangebot auf die Website bringen“ am Büro vorbei, der Webgestalter ruft dem davoneilenden Chef noch hinterher „Klaro, wird gemacht, schickst Du mir die Daten?‘. Auf die Antwort „Das schickt das Sekretariat“ läuft der Gestalter in selbiges: „Gebt Ihr mir mal Texte und Bilder für das neue Reiseangebot?“. Aus dem Sekretariat schallt es zurück „Texte kommen, Bilder such‘ Dir selbst ‚raus, wir haben keine Zeit“.

So hat die für die Gestaltung der Rabatt-Internetseite zuständige Person offenbar das Angebot in die Mailbox oder eines dieser neumodischen Redaktionssysteme bekommen, im Bildarchiv nach ‚Polen‘ gesucht und die Bilder eingebaut. Kommt vor, dass dann Krakau-Fotos einem Ostsee-Angebot zugeordnet werden. Nicht jeder Gestalter muss ja nun schon mal in Krakau gewesen sein, oder im Erdkundeunterricht beim meist sehr kurzen Polen-Abschnitt aufgepasst haben. Außerdem ist es beim Zusammenbauen so eines Artikels dann auch oft ganz schön stressig, der Chef sagte ja: „Sofort!“. Wir kennen das, ja, tatsächlich, uns passieren auch Fehler.

Gut, dass dann die Korrekturlesung entweder ausfallen musste („Sofort!!“) oder eben ziemlich sorglos passierte. War wohl so. Nun war es also online, das Ostsee-Angebot mit dem Krakauer Marktplatz.

Ein Hinweis

Zugegeben, es sieht ein bisschen besserwisserisch aus. Ja, wir geben es zu. Bitte nicht darauf herumreiten: Wir haben an den Anbieter eine E-Mail geschrieben (das Kontaktformular ist gar nicht so einfach zu finden) und ihn über die Bildverwechslung informiert. Dazu wollen wir uns gar kein ‚Man ist ja nicht so‘ oder ein ‚Wir sind doch eigentlich ganz nett, dass wir das tun‘ erlauben; nein, wir bleiben dabei: Es war ein wenig besserwissermäßig. Böse Zungen würden uns Klugscheißer schimpfen: Versprochen, wir machen das nicht noch einmal.

E-Mail des RabattdienstesAuf die E-Mail kommt eine automatische Antwort: Serviceorientiert. Toll. Doch schon einen Tag später kommt eine ‚richtige Antwort‘: „Wir nehmen Kritik unserer Kunden sehr ernst und streben stets nach Verbesserungen. Aufgrund dessen haben wir Ihren Vorschlag zur Umsetzung weitergeleitet. Wir hoffen Ihnen weitergeholfen zu haben und wünschen Ihnen weiterhin viel Spaß (…).“ Nicht schlecht: Ein Vorschlag? Haben etwa wir uns überlegt, dass Krakau doch nicht an der Ostsee liegt?

Wie dem auch sei: Vielleicht war die Formulierung in der E-Mail einfach etwas unglücklich. Lobenswert ist die schnelle Reaktion, denn am gleichen Abend noch war das Titelbild des Beitrags ausgetauscht. Dort ist nun statt des Krakauer Marktplatzes ein idyllisch vor dem Sonnenuntergang über dem Meer am Strand liegendes Ruderboot zu sehen. Die Ruderboote am Kolobrzeger (Kolberger) Strand (in Kolobrzeg (Kolberg) ist das Angebot buchbar) sind zwar von uns noch nicht gesichtet worden, aber vielleicht hat ein engagierter Fotograf für ein gutes Motiv sogar ein Ruderboot herangeschleppt.

Allerdings: Im beschreibenden Teil des Angebots ist nach wie vor ein Bild vom Krakauer Marktplatz zu sehen. Hmmm. Tja. Tsss. Nein: Wir werden nichts mehr schreiben, nichts mehr sagen. Wir sind nur eher ein wenig erschrocken, dass so etwas häufiger passieren kann. Man stelle sich vor, für ein Reiseangebot nach Cuxhaven würde das Münchner Hofbräuhaus zur Illustration abgebildet? Wie würden wir da reagieren?

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Comments
  1. F. M.
  2. Jens

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