Krankfeiern als Volkssport? Ein Kommentar.

Medikamente (Tabletten und Salbe). Foto: Polen.pl (JW)

Gibt es einen Zusammenhang zwischen 'Selbstheilung' und Krankenstand?

(Toruń, JE) Die Meldung hat mich überrascht: 244 Mio. Tage waren polnische Arbeiter im Jahr 2010 krankgeschrieben. Dies waren zwar 8 Mio. Tage weniger als im Jahr zuvor, berichtet die Gazeta Wyborcza, trotzdem nimmt Polen damit in Sachen kranker Arbeitnehmer den Spitzenplatz in Europa ein. Der durchschnittliche Beschäftigte fehlte im vergangenen Jahr 13 Tage krankheitsbedingt. „Die Abwesenheiten kosteten den Arbeitgebern bzw. der Sozialversicherung [ZUS] über 23 Mrd. Zł. Viele ‚Kranke‘ simulieren“, fasst die Tageszeitung den Sachstand zusammen.

Bei der Suche nach den Ursachen gibt sich die GW dieses Mal nicht besonders viel Mühe. Ärzte würden den simulierenden Beschäftigten viel zu einfach Krankschreibungen, auf polnisch umgangssprachlich L-4, aushändigen. Die ‚Scheinkranken‘ würden die gewonnene Zeit größtenteils nutzen, um (in Deutschland) schwarz dazu zu verdienen. Leidtragende seien die Arbeitgeber, die so jährlich Milliardenverluste hinnehmen müssten. Als Lösung des Problems wird das ‚irische Modell‘ vorgestellt. In Irland ist die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall stark eingeschränkt, für die ersten drei Tage gibt es gar nichts, danach nur auf Antrag des Kranken und in deutlich geringerer Höhe als das reguläre Einkommen.

Nur angekratzt wird die Tatsache, dass in Polen vielfach Arbeitsbedingungen – hohe Wochenarbeitszeit plus häufig unbezahlter Überstunden bei gleichzeitig nicht selten miserabler Bezahlung – herrschen, die eine Situation schaffen, in der sich Arbeitnehmer ihre Pause zur Not ‚auf die krumme Tour‘ nehmen müssen. Extreme Arbeitsbelastung und wenig (materielle) Anerkennung sind mit ziemlicher Sicherheit eine Ursache für die hohen Krankenzahlen. Ich muss gestehen, dass ich Verständnis aufbringe für eine Haltung, die sagt, wenn ich schon ausgebeutet werde, dann nehme ich es mir auch heraus, mal ‚krank zu feiern‘. Die beste Prävention gegen Verluste durch zu hohen Krankenstand sind bessere Arbeitsbedingungen, dem sollten sich die Arbeitgeber bewusst sein.

Eine andere mögliche Ursache, welche die Gazeta Wyborcza im Artikel vom vergangenen Freitag nicht diskutiert, ist das polnische Gesundheitssystem. Es ist bekannt, dass die Polen im allgemeinen versuchen, den Besuch beim Doktor zu vermeiden. Es werden alle möglichen Medikamente gekauft und genommen, in der Hoffnung, dass man sich den Gang in die Praxis ersparen kann. Im öffentlichen Gesundheitswesen schrecken lange Wartezeiten, im privaten hohe Preise ab. Der mögliche Effekt: Aus einer harmlosen Grippe wird eine niederstreckende Angina, aus einer verordneten Erholungspause von zwei Tagen, eine Auszeit von zwei Wochen. Und vorher wurden noch die Kollegen angesteckt…

Aus den hohen Fehlzeiten gleich eine schlechte Arbeitsmoral abzulesen, ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen. Vielmehr sollte man die Problematik tiefgründig und vielschichtig diskutieren. Aus eigener Erfahrung kann ich zumindest nicht bestätigen, dass polnische Beschäftigte besonders schnell zu hause bleiben.

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Comments
  1. Bartek
  2. – die Fehlzeiten bis zu 30 Tagen vom Arbeitgeber beglichen werden. Erst danach tritt die stattliche Vers. Anstalt ZUS in die Pflicht
    – 80% und nicht 100% werden an enen kranken Arbeitnehmer ausgezahlt
    – es in Polen keine Plastikkarten -als Versicherungskarten – gibt. Man läuft mit dem aktuellsten Lohnstreifen durch die Gegend -als Nachweis der bezahlten Beiträge, vom Arzt zum Arzt. Dieser schaut sich dabei die Höhe deines Gehaltes an…es lebe hoch der Datenschutz !

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