Im Schatten der Krawalle

J. Piłsudski: Vater der polnischen Unabhängigkeit von 1918. Photo: Polen.pl (BD)

Piłsudski: Vater der polnischen Unabhängigkeit von 1918; sein Denkmal in Warschau.

(Warszawa, BD) Es sollte ein besonders schönes langes Wochenende in Polen werden. Mit dem Unabhängigkeitstag am Freitag – und der Zeit zum Nachdenken danach. Stattdessen gab es in der Öffentlichkeit endlose Diskussionen, wie es am eigentlich friedlich zu begehenden Nationalfeiertag passieren konnte, dass 40 Polizisten verletzt und mehr als 200 ‚Demonstranten‘ verhaftet wurden. Auch in der deutschen Presse fand sich das Thema wieder: Vor allem aufgrund von verhafteten Deutschen.

Wer darf sich Patriot nennen?

Für viele Berliner mag es ein ’normales‘ Bild sein, für viele Warschauer war es ein kleiner Schock: Demonstrationen mit Gewaltausbrüchen und Verhaftungen. In Polen fehlt es noch an Verständnis für den Grund solcher Ereignisse. Viele fragen sich immer noch, gegen was oder wen überhaupt protestiert wurde.

Sammeln wir einmal, was geschah: Aufmärsche der rechtsnationalen ‚Młodzież Wszechpolska‘ wurden den Polen spätestens mit der Beteiligung der Liga Polskich Rodzin und ihrem Chef Roman Giertych als Minister für Bildung an der PiS-LPR-Samoobrona Regierung bekannt. Neu ist dagegen, dass auch militante Anhänger auf der linken Seite der polnischen Politik aufzogen. Dieses Novum ist ein Stückweit nachvollziehbar, denn Grund genug zum ‚Aufregen‘ hat auch diese Seite. Seit ‚gerade 22 Jahren‘ ist Polen wieder ein freies Land mit Presse- und Versammlungsfreiheit, doch hat die ‚rechte Seite‘ die Vokabel Vaterlandsliebe und den Nationalfeiertag scheinbar für sich reserviert. Alle, die nicht katholisch sind, an andere Lebensmodelle als ‚Familie mit Kindern‘ glauben oder gar homosexuell sind, passen da nicht hinein. So hat die erstarkte ‚linke Seite‘ die Gelegenheit nutzen wollen, auf ihre Perspektive aufmerksam zu machen. Gerade am Nationalfeiertag.

Neue Partei, neue Impulse ?

Fast ein Wunder, dass Anna Grodzka, die erste Abgeordnete nach Geschlechtsumwandlung, es trotz fehlender Toleranz  in das polnische Parlament geschafft hat. Leider kein Wunder, dass  ein SEJM-Auftritt des homosexuellen Abgeordneten Robert Biedroń breite Gelächter unter den Abgeordneten ausgelöst hatte: die Nutzung des Idioms ‚Schlag unter die Gürtellinie‚  (Polnisch: ‚Cios poniżej pasa‚) reichte aus, um allgemeine Heiterkeit im Sejm auszulösen. Kein gutes Zeichen für einen normalen Umgang mit der (fast) neuen Freiheit, oder?

Ich hoffe, die neue Bewegung ‚Ruch Palikota‚ bringt neue Impulse in die polnische Politik und Gesellschaft. Auch die Polen müssen es lernen, dass die Welt weder schwarz noch weiss, sondern einfach bunt ist.

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  1. Anton Padua

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