Polen-Analysen: Polens Wirtschaft an der Spitze

Polens Wirtschaft mit guten Perspektiven. Hier: Ein Einkaufszentrum in Warschau. Foto: Polen.pl (BD)

Polens Wirtschaft mit guten Perspektiven. Hier: Ein Einkaufszentrum in Warschau.

In der Reihe der Polen-Analysen erschien im Juni 2012 ein Beitrag zum Thema ‚Fiskalpolitik und Wirtschaftsentwicklung‘ in Polen (siehe http://www.laender-analysen.de/polen/). Der Autor, Gunter Deuber, leitet die volkswirtschaftliche Osteuropaanalyse bei der Raiffeisen Bank International in Wien, wobei Polen einen Schwerpunkt seiner Arbeit darstellt. Folgend nun eine kleine Zusammenfassung der Erkenntnisse.

Auch in diesem Jahr wird in Polen wieder ein solides Wirtschaftswachstum erwartet: Nach einem Plus von 4,3 Prozent im letzten Jahr, wird für das Jahr 2012 mit  einem Zuwachs von 2,8 – 3 Prozent gerechnet (vgl. S. 2). Das Land ist damit die europäische Volkswirtschaft, die sich, kumuliert gesehen, seit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise durch das größte Wirtschaftswachstum auszeichnet. Dem liegen, laut dem Autor, „viele interdependente Faktoren“ (S. 2) zugrunde.

Kumuliertes reales BIP-Wachstum (%, 2009–2012)
Quelle: nationale Quellen, Eurostat, Raiffeisen RESEARCH -zitiert nach Polen-Analysen Nr. 110, S. 7. 

Strukturell günstige Faktoren

Generell ist festzustellen, dass die Gesamt- und Auslandsverschuldung (d.h. Staatsschulden plus Schulden im privaten Sektor) des Landes relativ niedrig ist. Des Weiteren haben wir es mit einem profitablen Bankensektor zu tun, der von restriktiven Regulierungen bezüglich der Mindest- und Qualitätsstandards im Geschäftsprozess sowie bei der Kreditvergabe profitiert hat. Außerdem führt die Notenbank Polens (Polnisch: Narodowy Bank Polski – NBP) – genau genommen der Rat für Geldpolitik (Rada Polityki Pienieznej, kurz RPP) – eine relativ restriktive und zugleich stabilitätsorientierte Geldpolitik. Dies illustriert beispielsweise der jüngste Zinsschritt der NBP, die im Mai 2012 den Leitzinssatz erhöht hat (vgl. S. 3). Dies erfolgte mit der Begründung, dass die Inflation schon zu lange über ihrem Zielwert sei. Das unterscheidet sie von den gängigen Reaktionen vieler anderer Notenbanken in Europa und unterstreicht die Kontinuität der stabilitätsorientierten Geldpolitik.

Eine entscheidende Rolle kommt auch der Politik des letzten Jahrzehnts zu, die man als eine „konsequente Reform- und Wirtschaftspolitik“ (S. 3) betiteln könnte. Wichtig in diesem Kontext ist der hohe Stellenwert des Finanzministeriums, welches sich durch personelle Kontinuität auszeichnete. Entscheidend ist ferner das Begründen einer wirtschaftspolitischen Kultur durch die Koalition der Bürgerplattform (Polnisch: Platforma Obywatelska- PO) und der Polnischen Bauernpartei (Polnisch: Polskie Stronnictwo Ludowe-PSL). Die Einführung einer Art „wirtschaftspolitischer Kompromisskultur“ (S. 3) spielt eine bemerkenswerte Rolle, da politische Konfrontationen, die zu Lasten der Staatsfinanzen gehen, vermieden werden können.

Gesamte Auslandsverschuldung (% des BIP, 2011)*
Quelle: Weltbank, IWF, Raiffeisen RESEARCH – zitiert nach Polen-Analysen Nr. 110, S. 10.

Flexibilität nominaler Größen

Ferner kommt die Flexibilität nominaler Größen, sprich der Inflation und der Währung, der polnischen Realwirtschaft zugute. Der polnische Złoty erfährt immer wieder erhebliche Schwankungen seines Wechselkurses. Dies schwankt in einem Rahmen von bis zu 20-30 Prozent. Dies erleichtert de facto realwirtschaftliche Anpassungen. Kommt es zu einer Abwertung, so erhöht sich die Wettbewerbsfähigkeit polnischer Exporteure. Somit muss eine Verbesserung preislicher Wettbewerbsfähigkeit nicht über Lohnkürzungen erfolgen. Eine Währungsabwertung begünstigt außerdem auch die Inflation. Diese wiederum führt dazu, dass die Löhne weniger ansteigen als das Preisniveau, wie es  im Jahr 2011 der Fall war. Überdies führte eine erhöhte Inflation dazu, dass die Staatsausgaben weniger als geplant anstiegen. Kurzfristig gesehen kann es also durchaus zu positiven Effekten auf dem Arbeitsmarkt und für die Staatsfinanzen kommen.

Der Autor betont zudem, dass sich Polen durch eine „vom Keynesianismus angehauchte antizyklische Konjunktur- und Fiskalpolitik“ (S. 4) auszeichnet. Einerseits gab es keinerlei groß angelegte Sonderkonjunkturprogramme. Andererseits wurden in den Krisenjahren 2008 und 2009 die Staatseinnahmen, etwa durch  Steuersenkungen, willentlich zurückgesetzt, wobei die öffentlichen Ausgaben auf einem konstanten Niveau blieben. Infolgedessen ist Polens Budgetdefizit in diesen Jahren auf einen bedenklichen Wert von 7-8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angestiegen (vgl. S. 4). Diese antizyklische Fiskalpolitik war lediglich aufgrund generell solider Fundamentalwerte möglich. An den Beispielen von Polen wie auch auch Deutschland lässt sich erkennen, das eine solche keynesianische Wirtschaftspolitik bei stabilen Volkswirtschaften und einem belastbaren öffentlichen Schuldenniveau durchaus erfolgreich sein kann.

Nötiger Sparkurs

Nach der expansiven Fiskalpolitik ist es nun wichtig, dass die Willenskraft zum anschließenden Sparen nicht abhanden kommt. Die nötige fiskalische Konsolidierung sollte die Staatsschulden wieder auf den Vorkrisenstand drücken. Dies ist wichtig, um ausländische Investoren von der Effizienz, und auch Nachhaltigkeit der Fiskalstrategie zu überzeugen. Erforderlich vor allem auch deswegen, da wie Deuber erklärt, Polen ein „Doppeldefizit“ (S. 5) aufweist, das heißt ein Fiskal- sowie Leistungsbilanzdefizit. Dies bedeutet, dass der Staat abhängig von ausländischen Investoren und Kapitalzuflüssen ist.

Nach dem großen Aufschwung in den Jahren vor der Krise, ist nun mit einem moderateren Wirtschaftswachstum um die 4 Prozent p.a. und nicht mehr mit 5-6 Prozent p.a. zu rechnen (vgl. S.5). Folglich verringert sich auch der fiskalpolitische Spielraum. Somit stellen die politischen Bemühungen um die Einführung einer graduellen Erhöhung des Renteneintrittalters einen Schritt in die richtige Richtung dar. Die regierende Koalition setzt alles daran den Staatshaushalt zu sanieren, um vor den nächsten Wahlen ausgeglichene Staatsfinanzen vorzulegen. Dies ist unentbehrlich, damit sich der Staat weiterhin zu sehr günstigen Zinskosten an den internationalen Kapitalmärkten finanzieren kann.

Aus den oben genannten Vorteilen der Flexibilität erschließt sich, dass eine Mitgliedschaft in der Eurozone für Polen zur Zeit mäßig erstrebenswert erscheint. Diese bleibt auf lange Sicht zwar ein offizielles Ziel, aber bisher ohne konkrete Daten oder Unternehmungen.

Die Mischung macht’s

Summa summarum  profitierte die polnische Wirtschaft von einem Mix aus liberalen wirtschaftspolitischen Komponenten und weniger neoliberalen Komponenten. Besonders sichtbar ist dies im Bereich der Fiskalpolitik:

Hier hat Polen kurzfristig eine eher keynesianisch angehauchte Strategie verfolgt, während das langfristig orientierte nationale fiskalpolitische Rahmen- bzw. Regelwerk eher auf den (theoretischen) Grundgedanken einer wenig aktiven Nutzung der öffentlichen Ausgabenpolitik zur Wirtschafts- und Konjunktursteuerung aufbaut. (S. 5)

Laut Deuber sollte diese erfolgreiche Strategie nicht nur in Polen selbst, sondern auch im übrigen Europa Beachtung finden. Nicht außer Acht zu lassen sind hierbei allerdings die spezifischen Bedingungen, die eine keynesianisch geprägte antizyklische Fiskalpolitik sinnvoll machen, wie im Falle Polens eine niedrige Verschuldung, insgesamt ausgeglichene wirtschaftliche Strukturen und mehr.

Die Polen-Analysen werden gemeinsam vom Deutschen Polen Institut Darmstadt, der Bremer Forschungsstelle Osteuropa und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde herausgegeben. Das Archiv finden Sie unter http://www.laender-analysen.de/polen/.

Quelle: Gunter Deuber, Tragfähiger Wachstumspfad – Fiskalpolitik und Wirtschaftsentwicklung in Polen, in: Polen-Analysen Nr. 110, 05.06.2012, S. 2-6.

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. krzys
  2. Jens
  3. Dennis

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*