Litauisch-polnischer Schulstreik – eine Rekonstruierung

Blick auf Warschau vom Kulturpalast. Foto: Polen.pl (JW)

Die kritischen Stimmen aus Warschau im Schulstreit verärgern Litauens Regierung

(Toruń, JE) Während das neue Schuljahr in Polen vor einigen Wochen feierlich wie immer – mit einem Besuch in der Kirche – begann, gingen in Litauen polnische Schüler und deren Eltern auf die Barrikaden. Sie bestreikten den Unterricht und demonstrierten vor dem Bildungsministerium, woraufhin Litauens Präsidentin Grybauskaite der polnischen Minderheit fehlende Solidarität gegenüber dem litauischen Staat vorwarf und Polens Premier Tusk zur Krisensitzung nach Vilnius eilte. Was war geschehen? Nun, hierzu gibt es wie immer zwei Antworten. Fragt man die litauische Regierung, so handelt es sich lediglich um eine längst überfällige Bildungsreform. Fragt man Vertreter der Polonia in Litauen, geht es um gezielte Diskriminierung und nicht weniger als die Einschränkung ihrer Rechte als nationale Minderheit.

Ein schwieriges Verhältnis

Wer den aktuellen Konflikt zwischen Polen und Litauen verstehen will, sollte sich also die Reform mit dem explosiven Potenzial genauer anschauen. Er muss jedoch auch den Kontext beachten. In Litauen leben etwa 235.000 bis 300.000 Polen, sie bilden die größte ethnische Minderheit in dem kleinen baltischen Staat mit sowjetischer Vergangenheit und sind recht gut organisiert. Die ‚Gemeinschaft der Polen in Litauen‘ (Związek Polaków na Litwie) ist erster Ansprechpartner für Warschauer Politiker, die sich um das Wohl der Landsleute im Ausland sorgen. Die polnischstämmige Bevölkerung hat in Litauen den Status einer nationalen Minderheit, wie etwa ihr deutsches Pendant in Polen. Aufgrund dieses Status können polnische Kinder und Jugendliche in Litauen in der polnischen Sprache – an sogenannten polnischen Schulen – unterrichtet werden und trotzdem einen staatlichen Schulabschluss erwerben. Derzeit gibt es über 100 polnische Schulen zwischen Vilnius und Klaipeda.

Zurück zur Reform – oder sollte man besser sagen ‚Revolution‘? Wobei zu ergänzen bleibt, dass die neue Schulreform nicht der erste Anlass für Streit zwischen den Nachbarn ist. ‚Klassische‘ Konfliktpunkte zwischen polnischer Minderheit und litauischer Regierung sind neben dem polnischsprachigen Schulwesen die zweisprachigen Ortsbezeichnungen (zuletzt wurden eine Reihe polnischsprachiger Schilder in Litauen von Randalierern beschädigt; in einigen Regionen, in denen Polen die Mehrheit der Bevölkerung stellen, ist das Aufstellen zweisprachiger Ortsschilder weiterhin verboten) und die Schreibweise der Namen in öffentlichen Dokumenten (in diesen dürfen bisher keine polnische Buchstaben wie cz, sz oder ż verwendet werden), berichtet Prof. Kuźniar, außenpolitischer Berater des polnischen Präsidenten, bei Radio TOK FM.

Eine explosive Reform

Wie auch immer, das vom litauischen Parlament kürzlich abgesegnete Gesetz sieht vor, dass Unterrichtseinheiten über die Geschichte, Gesellschaft und Geografie Litauens an den polnischen Schulen in Zukunft nur noch auf litauisch unterrichtet werden dürfen, ebenso wie ein neu eingeführtes Fach, das man am ehesten mit ‚patriotische Werte‘ übersetzen könnte. Im Bereich der litauischen Literatur müssen alle Schüler künftig ein einheitliches Abitur bestreiten, bisher sehen die Lehrpläne Unterschiede für die polnischen Schulen vor. Darüber hinaus sollen im Rahmen einer Strukturreform polnische Schulen mit geringen Schülerzahlen geschlossen werden.

Die Reform rief unter Vertretern der polnischen Minderheit sowie bei Warschauer Politikern Empörung hervor. Nicht wenige werteten sie als Akt der ‚Entrechtung‘ und fürchteten, dass sie nur der Anfang einer Politik sei, die polnische Schulen komplett abschaffen möchte. Der Vorsitzende der Polen in Litauen Trusewicz sprach im Polskie Radio von einer „echten Guillotine“ für das polnische Schulwesen. Das polnische Außenamt verurteilte den – wörtlich übersetzt – neuerlichen Versuch erzwungener Assimilation der polnischen Minderheit (siehe auch Gazeta Wyborcza). Die litauische Regierung, die die Reform mit einer Verbesserung des Bildungsstandards erklärte, war über die kritischen Stimmen aus Warschau wenig begeistert, warf der polnischen Politik gar eine Instrumentalisierung der Schüler vor. Die erste etwas trotzige Reaktion aus Vilnius lautete: Je mehr ihr uns unter Druck setzt, desto weniger werden wir von unserer Position abrücken. Inzwischen ist man immerhin auf den Weg des Dialogs zurückgekehrt.

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