Łódź’ neu erwachtes Zentrum

Manufaktura Lodz: Restaurierte und neu gestaltete Fassade. Foto: Polen.pl (AS)

Manufaktura Lodz: Restaurierte und neu gestaltete Fassade. Foto: Polen.pl (AS)

(Berlin, AS) Für die einen ist es das kulturelle Herz der Stadt, für die anderen ein weiteres Einkaufszentrum – die Manufaktura in Łódź (Lodz). Manchmal klingt es wie eine Geschichte, die klassischer nicht sein könnte: Nach dem politischen Umbruch von 1989 wird die Produktion einer Textilfabrik im Verlauf der 1990er Jahre nach und nach eingestellt, Tausende verlieren ihre Arbeit, es kommt ein ausländischer Investor und lässt ein Konsumparadies errichten. Doch so klischeehaft ist es nicht.

Wer eine Wohnung in Łódź sucht, findet in lokalen Annoncen nicht selten Einträge wie „Nur fünf Minuten mit der Straßenbahn zur Manufaktura“ oder „Manufaktura um die Ecke“. Die Manufaktura, die Stadt in der Stadt, die Visitenkarte der Stadt. Hier pulsiert das Leben von morgens bis abends. Die Anlage mit dreizehn historischen Gebäudeeinheiten und 90.000 Quadratmetern Gesamtfläche erinnert an eine mittelalterliche Burg aus rotem Ziegelstein, Türmen und einer gigantischen Eingangspforte. Besucher müssen hier nicht laufen, stattdessen können sie den als Straßenbahn verkleideten Bus nutzen und auch das Sicherheitspersonal ist nicht zu Fuß unterwegs, sondern auf Segways; kein Wunder, bei dem drei Hektar großen Platz. Was heute ein Kultur- und Unterhaltungszentrum mit Museen, einem Theater, Cafés, Restaurants und den üblichen Geschäften ist, war einmal eine der größten Fabrikanlagen Europas.

Vom Dorf zur Metropole

Es war Izrael Poznański, der ab 1872 zwei Jahrzehnte lang einen gigantischen Fabrikkomplex aus Webereien, Färbereien und Lagern errichten ließ. Um ihn kreisen bis heute zahlreiche Anekdoten und Mythen. Der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die 1835 nach Łódź zog, baute innerhalb weniger Jahre ein Fabrikimperium auf und wurde zu einen der reichsten Industriellen der Stadt. Es war eine Zeit der rasanten Entwicklungen. Ende des 18. Jahrhunderts noch ein kleines Nest mit etwa 170 Einwohnern, wurde Łódź im 19. Jahrhundert zu einer blühenden Industriemetropole. Wirtschaftliche Erfolge der ersten Fabrikanten lockten weitere Siedler aus ganz Europa an und Łódź wurde schnell durch polnische, deutsche, jüdische und russische Einflüssen zur Stadt der vier Kulturen. Der Zweite Weltkrieg beendete diese multikulturelle Zusammensetzung.

Die meisten Gebäude blieben unzerstört. So besteht das Stadtzentrum heute noch immer aus historischen Altbauten, von denen jedoch viele verfallen sind.

Revitalisierung des industriellen Erbes

Auch Poznańskis Fabrikanlage drohte der Zerfall. Mit dem Ende des Kommunismus traf die Transformation der 1990er Jahre Łódź besonders hart. Der Export in die Sowjetunion brach ein und die Textilproduktion wanderte ab. Plötzlich waren 200.000 Menschen ohne Arbeit, darunter etwa 10.000 Mitarbeiter von Poltex, wie der verstaatlichte Betrieb zu Volksrepublik-Zeiten hieß. Jegliche Versuche, die Fabrik zu retten scheiterten. Mieczysław Brunon Michalski, Direktor der Fabrik, sollte diese endgültig auflösen, doch stattdessen suchte er nach einer Lösung, um den Gebäudekomplex als Ganzes zu erhalten, ihn nicht wie zur damaligen Zeit üblich, in Teile zerlegen. Michalski führte Gespräche mit Investoren, suchte und fand schließlich eine französische Firma.

Ein langjähriger Revitalisierungsprozess sollte folgen. „Generell haben wir das in den Mauern, was Poznański uns hinterlassen hat.“ , sagt Piotr Prusinowski, ein Mitarbeiter des Fabrikmuseums. Es ging darum, die historische Bausubstanz der Industrieanlage zu erhalten, sie aber für eine moderne Nutzung umzugestalten. Der historische Geist der einstigen Industriemetropole Łódź sollte mit einer modernen Gestaltung der Stadt verbunden werden. 2003 begannen die Arbeiten mit mehr als 2.500 Arbeitern und 130 Architekten. 45.000 Quadratmeter der historischen Ziegelsteinfassade wurden gesäubert und fehlende Mauerstellen mit Ziegeln aus Gebäuden, die sich nicht erhalten ließen, aufgefüllt. Doch es war nicht nur eine Renovierung der Fassade, es war ein kompletter Umbau: Aus der früheren Druckerei wurde ein Museum mit Restaurants im Erdgeschoss, aus dem ehemaligen Kraftwerk wurde ein Club, aus der Spinnerei ein Hotel. Die Eröffnung fand im Mai 2006 statt.

Vollkommen neu gebaut wurde das Einkaufszentrum. Es ist ein moderner architektonischer Glasbau.

Ein öffentlicher Raum, ein privates Gelände

Besonders die Einkaufswelt sorgt immer wieder für Diskussionen rund um die postindustrielle Anlage. „Wie kann Łódź nur mit einem Einkaufszentrum für sich werben?“ bekommt man oft zu hören. Natürlich, die Manufaktura ist ein kommerzielles Projekt, das in erster Linie für sein ökonomisches Bestehen errichtet wurde. Hier wurden Millionen investiert, hier wird Geld verdient. Hier wurde aber auch ein Kulturort vor seinem Verfall gerettet. Die Konsumzone und die Kulturzone kommen sich dabei nicht in die Quere. Das Einkaufszentrum grenzt sich durch seinen gläsernen Neubau deutlich von der historischen Bausubstanz ab, nimmt sie nicht ein, dominiert nicht den Gesamtkomplex. Man kann vorbeischauen und nur in die Restaurants gehen, seine Kinder durch die längste Brunnenanlage Europas springen lassen, eines der Museen besuchen oder sich einfach nur auf einer der Bänke erholen. Und die Menschen kommen gerne: es sind jährlich etwa zwanzig Millionen Besucher aus dem In- und Ausland.

Das Herz der Manufaktura ist der „Rynek“, der Marktplatz. Hier finden Festivals und Konzerte statt, hier kann man am Strand unter Palmen liegen und Beachvolleyball spielen. „Der Rynek ist ein historischer Ort der Zusammenkunft. Wir in Łódź haben viele Plätze, aber es ist historisch schwer zu unterscheiden, welcher am wichtigsten war. Łódź wurde nie um einen zentralen Platz herum gebaut. Die Stadt entwickelte sich so schnell, dass sich keine Generation mit einem Platz identifizierte. Der Handel fand hier und dort statt. Die Einwohner hatten nie einen Markt, so wie in Krakau. Ich glaube, dass der Rynek der Manufaktura heute diese Funktion übernimmt.“ , sagt Piotr Prusinowski.

Was in Łódź kritisiert wird, ist in anderen Städten Polens keiner Aufregung wert. Ob Poznań, Gdańsk, Warszawa oder Kraków: in unmittelbarer Nähe zu den historischen und kulturellen Kernpunkten dieser Städte, sind stets Geschäfte zu finden.

Nützliche Informationen: Łódź liegt mitten in Polen, etwa 120 km westlich von Warschau entfernt und ist gut mit dem Auto, Bus oder der Bahn aus allen größeren Städten zu erreichen. In den sieben Touristeninformationen der Stadt gibt es zahlreiche kostenlose Informationsbroschüren wie z. B. die „Touristische Route Industrielle Architektur“. Weitere Informationen für einen Łódź-Besuch erhalten Sie beim Polnischen Fremdenverkehrsamt: www.polen.travel/de/

Der "Rynek" Foto: Manufaktura

Der „Rynek“ Foto: Manufaktura

Das Einkaufszentrum Foto: Manufaktura

Das Einkaufszentrum Foto: Manufaktura

Die Manufaktura Straßenbahn Foto: Polen.pl (AS)

Die Manufaktura Straßenbahn Foto: Polen.pl (AS)

Die ehemalige Spinnerei. Foto: Polen.pl (AS)

Die ehemalige Spinnerei. Foto: Polen.pl (AS)

Brunnenanlage Foto: Manufaktura

Brunnenanlage Foto: Manufaktura

 

 

 

 


Informationen zur Architekturreise 2013:
Industrielle Hinterlassenschaften, Spuren der Moderne, ein neues Museum und eine Werft – das sind die vier Themen der Artikelreihe Polen-Architekturreise 2013. Auf einer Tour quer durch Polen blieb ich an vier Stationen etwas länger stehen und traf Menschen, die mit mir ihre Zeit und ihr Wissen teilten. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken, ebenso beim Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin, das die Recherchereise unterstützte. Weitere Informationen unter agnieszka@polen.pl.

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  1. Katharina Lindt

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