Mehr Radler, mehr Schorlen: Veränderungen in der Konsumkultur in Polen?

Bier im Plastikbecher am Strand. Foto: Polen.pl (JW)

Radler statt Bier in Polen: Ein Trend?

(Berlin, JW) Zwei Mal schaute ich hin, dann noch ein Mal: Im Delikatesy meines Vertrauens, einem kleinen kioskartigen Mini-Supermarkt, stand in bester Verkaufslage neben der elektronischen Kasse ein neuer, knallgelber Pappaufsteller. Mit vielen Dosen darin – voller Radler. Ich stutzte, wunderte mich. Warum wundert mich das? So etwas hatte ich vorher hier noch nicht gesehen. Ein verdünntes Biergetränk, und das in so prominenter ‚Schnell-noch-Einpack-Position‘: Es hatte sich etwas verändert, in meinem Delikatesy. Der Blick ins Getränkeregal bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Sogar Saftschorlen waren hier zu finden. Auch das war vor wenigen Jahren noch undenkbar; vielleicht wäre man nach langer Suche in der untersten Regalreihe eines wohlsortierten Großsupermarkts fündig geworden. Aber im Delikatesy, der Nahversorgerstation für die Menschen in unserem Viertel in Kolobrzeg (Kolberg)? Nein, das war neu.

West-Import oder Kulturwandel?

Werbe-Aufsteller für Radler von der Biermarke Warka. Foto: Polen.pl (JW)

Werbe-Aufsteller für Radler von der Biermarke Warka

Natürlich ist es kein Zufall, dass das Radler als Beispiel herhalten muss. Es hätte auch ein Alster sein können, wobei ich diese Beschriftung auf polnischen Dosen noch nicht finden konnte. Aber zumindest eine Schorle, also irgendein Fruchtsaftmix mit Mineralwasser, hätte für die Einleitung auch Sujet sein können. Hätte. Aber das Radler (Biermischgetränk mit – meist – Zitronenlimonade) hat einen wortsinnartigen Vorsprung: Es steht gleichsam für die bemühten ökologisch korrekten zweirädrigen Fortbeweger ohne Motorantrieb. Denn das, und da schließt sich der Kreis, ist ebenfalls ein Synonym für einen Kulturwandel in Polen. Ein Beleg dafür, dass 2010 tatsächlich noch niemand ernsthaft Apfelsaftschorlen in Polen erwartet hätte, findet sich auch in diesem abschnittsweise amüsanten Frage-Antwort-Dialog auf wer-weiss-was.de.

Wem diese etwas verklüngelten Gedanken zu durcheinander waren: Die Frage hinter dem prickelnden Schorlenglas und hinter dem gesüßten Biermischgetränk in Dosen ist die, ob diese neuen Konsumgewohnheiten prägend sind, oder nur ein vorübergehender West-Import-Trend. Plötzlich sieht man, zum Beispiel in Kolobrzeg (Kolberg), nicht mehr nur Touristen aus Deutschland mit unverschämt teuren und dafür ziemlich unattraktiven Profi-Packtaschen plus Lenkradtasche mit Smartphone- und GPS-Integration an den Fahrrädern über die zufällig just entstandenen neuen Fahrradwege rollen, sondern auch ganz normale Familien aus Polen. Familien, die mir vor kurzem noch gesagt haben, dass sie mich bemitleiden: Ich müsse ja Fahrrad fahren, aber vielleicht könne ich mir ja bald ein Auto leisten. Wenn ich nur weiter hart arbeiten würde.

Als wäre das noch nicht genug, kaufen diese Familien für Vater nun offenbar im Delikatesy ein Radler, und für die Kinder eine Apfelsaftschorle. Als ob es nicht genug Zloty für ein richtiges Bier gäbe, und als ob man nicht genug Geld habe, den Apfelsaft unverdünnt zu trinken. So ähnlich jedenfalls klangen Bemerkungen von Bekannten früher, wenn ich mir einmal eine Schorle versuchte zu bestellen. Beim polnischen Wein hätte ich es ja beinahe noch verstanden, wenn man den mit Sprudelwasser streckt: Es gibt nur wenige mir schmeckende Weine aus Polen, auch unter den dort zu kaufenden fremdländischen. Aber nein: Getroffen hat die schorlenhafte Verdünnisierung das gute polnische Bier und die geschmackvollen Säfte.  Natürlich steckt hinter den Verhaltensänderungen kein Sparzwang, im Gegenteil: Das Bier war im Delikatesy sogar billiger als das Radler. Vermutlich ist letzteres nun einfach moderner? Hat es der Exportweltmeister Deutschland wieder einmal geschafft, eine zweifelhafte Errungenschaft wie verdünnte Getränke zu exportieren? Meine Prognose: Ja.

Dieser Beitrag gibt die Wahrnehmung des Autors wieder und stellt keine wissenschaftliche Analyse dar. 

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  1. patrick
  2. Jens
  3. Hartmut

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