„Meine kleine Farm“ – Farma Życia

12166959_1033816449972462_1789505461_n

In den zwei Bauernhäusern leben momentan 11 Menschen mit Autismus. In den Häusern befinden sich unter anderen ein Rehabilitationssaal, ein Raum für Kunsttherapie, eine Gemeinschaftsküche, ein großer Waschsalon, eine Werkstatt und andere Räume, die Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung bieten. Foto: Polen.pl (MR).

(Więckowice, MR) Farma Życia bedeutet übersetzt „Farm des Lebens“ und dieser Name beschreibt die etwas außergewöhnliche Farm ziemlich passend. Wie bei herkömmlichen Bauernhöfen oft üblich, gibt es auch dort einen Gemüse- und Obstgarten, Gewächshäuser, zwei große moderne Bauernhäuser, fünf Schafe und jede Menge Wind ums Haus: das Grundstück misst sieben Hektar.
Es wird eine ausschließlich biologisch-dynamische Landwirtschaft betrieben – 2008 wurde sie als organische Farm zertifiziert.

„Ein Geheimnis mit allen Menschen in Frieden zu leben, besteht in der Kunst, jeden in seiner Individualität zu verstehen.“
(Friedrich Ludwig Jahn)

Das wirklich Entscheidende, das die Farm in Więckowice (ca. 15 km von Krakau entfernt) von vielen anderen Bauernhöfen unterscheidet, sind jedoch nicht die ökologischen Aspekte. Es handelt sich nämlich um ein Wohn- und Lernzentrum für Menschen mit Autismus. Die „Life Farm“ ist in Polen deshalb einzigartig, weil sie Wohnmöglichkeiten, Therapien, Freizeitbeschäftigungen und Lernmöglichkeiten in einem bietet. Auf der Farm leben zurzeit elf Bewohner/innen. Darüber hinaus werden viele Aktivitäten und Möglichkeiten für Autist/innen, die regelmäßig zur Tagespflege kommen, angeboten. Die Sozialarbeiter/innen und Therapeut/innen, die mit den Autist/innen den Tag gestalten, bieten zum beispielsweise Computer-, Sprach-, Bastel-, und Malworkshops an oder es werden gemeinsame Ausflüge unternommen. Im Vordergrund stehen jedoch alltägliche Aufgaben wie Kochen, Putzen, Waschen und Bügeln sowie hauptsächlich Gartenarbeit, die der große Bauernhof mit sich bringt. Durch das Bewältigen alltäglicher Aufgaben werden die Empfänger/innen selbstständiger und selbstsicherer. Der „plan dnia“ (Tagesplan) wird täglich individuell mit und für jede einzelne Person aufgestellt, um ihren Bedürfnissen und Interessen gerecht zu werden. Eine Wohlfühlatmosphäre und eine friedliche Umgebung zu schaffen und jede einzelne Person wert zu schätzen, das sind die Grundgedanken der Farm, welche sich auch in der Betreuung der Klient/innen widerspiegelt: Die Kleingruppen, deren Konstellationen durch stetige Abwechslung geprägt sind, bestehen aus einer Pflegekraft und einem oder zwei Menschen mit Autismus. Auch wenn Gruppen zusammenarbeiten, wird darauf geachtet, dass keine Hektik einkehrt oder sich eine Person eingeengt oder überfordert fühlen könnte.

„Jeder Mensch mit einer neuen Idee ist ein Spinner, bis die Idee Erfolg hat.“
(Mark Twain)

Die Farm feiert in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag. Die Idee, eine solche Farm aufzubauen, ist der Gemeinschaft der „Hope Foundation“ zu verdanken, die seit 1998 dem Ziel nachgeht, in Polen ein umfangreiches Hilfesystem für Menschen mit Autismus und deren Familien zu errichten. Die Präsidentin der Foundation, Mutter eines autistischen Sohnes, hat sich von ländlichen Einrichtungen in Westeuropa und den USA inspirieren lassen. Insbesondere war die „Irish Society of Autism-run Dunfirth Farm“ ein Vorbild für sie und ihr Vorhaben. Die irische Einrichtung gilt als Vorzeigemodell für diese Art von Wohn- und Lernzentren in Verbindung mit Landwirtschaft.

12166673_1033816959972411_2069047647_n

Das große Grundstück bietet viel Platz für Obst- und Gemüseplantagen, einen Spielplatz, zwei kleine Häuschen mit Sitzrondellen und ganz viel Grünfläche. Foto: Polen.pl (MR).

Auf dem Grundstück der Farm Życia, auf dem nun zwei Bauernhäuser stehen, wurde 2005 zunächst ein Haus erbaut, das zweite folgte 2011. Drei weitere, in denen Platz für 22 weitere Bewohner/innen geschaffen werden soll, werden in den nächsten Jahren entstehen. Die Idee der Farm ist am Wachsen und die Dinge stehen gut, dass eine glorreiche und lange Zukunft vor ihr liegt: Sie wurde schon zahlreich ausgezeichnet, mehrmals im Jahr kommen nationale und internationale Besuchergruppen – ihr Bekanntheitsgrad im Feld der Sozialen Arbeit steigt stetig.

„Alle Hindernisse und Schwierigkeiten sind Stufen, auf denen wir in die Höhe steigen“
(Friedrich Wilhelm Nietzsche)

Seit September 2015 arbeite ich für die kommenden Monate auf der Farm. Anfangs stand ich vor großen Herausforderungen: Eine Vielzahl der Autist/innen und meiner Kolleg/innen sprechen nur Polnisch – wird die Kommunikation funktionieren?
Mein Pädagogikstudium habe ich beendet und auch so einige Praktika absolviert, aber die Arbeit mit Menschen mit Autismus ist eine ganz neue Erfahrung für mich. Hoffentlich komme ich mit den Herausforderungen zurecht und kann mich als Person und meine Kenntnisse sinnvoll einbringen.
Gartenarbeit, Bauernhöfe, Landleben – klingt schön, aber bisher kannte ich das nur als gelegentliche Besucherin. Hoffentlich zerstöre ich nicht mehr Gemüsebeete als ich anlege.

Nach ein paar Wochen und einem ganz guten Überblick über die Arbeit sehe ich die Situation entspannter und optimistischer. Bei der Arbeit mit Autist/innen ist nicht die verbale Sprache primär ausschlaggebend und ich denke, dass ich meine Sprachkenntnisse teilweise unterschätze. Da es schon Mitte Oktober schneit und bitterkalt ist, wird die Gartenarbeit in den nächsten Monaten wohl auch nicht im Vordergrund stehen. Ansonsten habe ich mich darauf eingelassen, dass jede Verhaltensweise unserer Klient/innen möglich und keine Situation unmöglich ist. Was anstrengend und ermüdend sein kann, ist gleichzeitig ziemlich spannend, oft lustig und überraschend. Was mir von Beginn an aufgefallen ist und was ich absolut bewundernswert und faszinierend finde, ist der liebe-, respekt- und verständnisvolle Umgang, der auf der Farm zwischen den Kolleg/innen und mit den Autist/innen zu beobachten ist. Ich bin sehr froh darüber, das zu erleben und hoffentlich bestmöglich zu verinnerlichen.

Zur Zeit leben fünf Schafe auf der Farm - weitere Tiere sollen folgen. Foto: Polen.pl (MR).

Zurzeit leben fünf Schafe auf der Farm – weitere Tiere sollen folgen. Foto: Polen.pl (MR).

Mehr über die Farm und die mit ihr verknüpften Einrichtungen in Krakau, die sich an Menschen mit Autismus richten, kann man auf der Homepage nachlesen (auf Polnisch) : http://www.farma.org.pl/

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

  • ...leider gibt es hierzu keine verwandten Themen.
Comments
  1. Ralf Meier
  2. Jens Hansel
  3. Jan

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*