Meinung: Stummfilm für die Stummfilmgeneration

Foto von einem Vortrag. Foto: Polen.pl (JW)

Wenn Vortrag und Publikum nicht ganz passen

(Meinung, OB) Es endete mit einem Stummfilm. Vielleicht war das auch das Beste so. Aber das ist auch eine Frage der Perspektive. Definitiv ist, dass es vorher auch nicht viel lebendiger war: Es handelte sich ja auch um einen Vortrag. Und der hat OB zum Nachdenken gebracht.

Die Veranstaltung war überschrieben mit ‚Unbekanntes Reiseland Polen‘ und fand in einem Kulturzentrum statt. Selbiges liegt, jedenfalls für Berliner Verhältnisse auch schon auf ziemlich unbekanntem Terrain: Wer sich, wie der Meinungsäußerer OB, auf den Weg in das im ziemlich nördlichen Berlin liegende Frohnau gemacht hatte, um dem Vortrag zwei Stunden lang zu lauschen, wurde überrascht. Oder auch nicht? Die Zeit während des Vortrags konnte man zumindest stummfilmabschnittsweise auch gut damit zubringen, sich Gedanken zu machen: Darüber, welche Schlüsse man aus den dort gemachten Beobachtungen ziehen kann.

Seniorenreiseland Polen?

Sicher, ein Produktpräsentationsevent wie auf der Apple-Bühne, wenn Steve Jobs ein neues iTravel-Gadget vorstellt, war nicht direkt zu erwarten. Überschrieben war dieses Event ja auch mit dem Titel ‚Bildvortrag‘. Da erwartet man keineswegs eine Lightshow oder Ansammlungen von schwärmenden Teens, die schon auf dem roten Teppich vor dem Kulturhaus reihenweise in freudiger Erwartung des Vortragenden in Ohnmacht fallen. Nein, das nicht. Aber dass man zunächst vorsichtig fragen muss, ob nicht alle unter 60 verdienten Lebensjahren Zutrittsverbot haben, überrascht dann doch ein wenig. Denn die weitere Ankündigung der Veranstaltung war werblich so aufbereitet, dass man durchaus auch als Familienvater oder sogar Single im Sturm- und Drang-Alter Interesse verspüren könnte, sich über die Reize des unbekannten Polens zu informieren.

Technik und Kriegsfüße

So gesehen war es dann auch eine unselige Kombination, dass die aufgestellte Technik dem doch erheblichen Andrang von rund 80 Zuschauern mit einem Gesamtalter von mindestens 5.200 Jahren schlichtweg nicht gewachsen war. Ein Computerprojektor von der Bildgröße eines Kleinbildfernsehers der 90er-Jahre, gepaart mit einem hallträchtigen Klangsystem und etwas unglücklich einsehbaren Landkarten Polens führte in Verbindung mit nicht ganz unkritischen Zuhörern zu streckenweise schwierigen Abschnitten. Der Begriff ‚Computerprojektor‘ entspringt übrigens einem Originalzitat aus dem ungewollt belauschten Gespräch in der Pause des Bildvortrags.

Als der Dialog zwischen einem seriösen und selbstsicheren Referenten und dem mit hohen Erwartungen an eine große Werbeshow eingetroffenen reifen Publikum teilweise ganz zum Erliegen kam, konnte man einigen Teilnehmern das Fremdschämen fast ansehen. Schade.

Nicht, dass der Referent etwas falsch gemacht hätte: Er hatte zwar etwas Pech mit der Technik und vielleicht war die Besucherzahl auch einfach doppelt so groß wie erwartet. Doch er wurde seiner Aufgabe im Grunde bestens gerecht: Er stellte eine unbekannte Region Polens fachmännisch, sorgfältig und mit viel Wissen sympathisch vor. Er wählte mit dem Südosten Polens einen Teil Polens aus, den sonst kaum jemand besucht. Kleinere Fehler in Zahlen waren unbedingt zu verzeihen, zumal er mit ausreichend Selbstironie gesegnet auch solche Dinge humorvoll überspielen konnte. Sogar, als man ihm aufgrund aufbrausender Kritik den Ton des ausgewählten Videofilms abdrehte, weil dieser die empfindlichen Gehörgänge doch allzusehr malträtierte, stand der Vortragende über den Dingen. Und kommentierte das Ganze trocken als Stummfilm. Das fand die Generation der Stummfilmerlebenden dann doch wieder gut.

Mentalitätsschock im Vortragsraum?

OBs Theorie ist eine ganz andere, warum es nicht so rund lief: Vortragender, Thema und Publikum passten einfach nicht so richtig zueinander. Im Publikum: Weltoffene, tolerante und erfahrene, gewandte sowie über den Dingen stehende gestandene Menschen. So jemand lässt sich zwar auf anderes ein, hat es aber ‚doch jetzt nicht mehr nötig‘, sich für einen Vortrag anzustrengen. Andere Perspektiven, Ansichten, Lebensweisen und auch Vortragsweisen sind da nicht so gern gesehen. Genau das hat der Vortragende aber verlangt: Er hat sich nicht als der werblich orientierte Entertainer dargestellt, sondern eher erklärend etwas Faktenwissen präsentiert. Zu wenig, wie mancher im Publikum fand. Sowieso für 6 Euro Eintritt.

Was besser machen?

Vielleicht ist es die Vortragsform. Vielleicht erreicht man so tatsächlich niemanden unter 60. Aber das mag OB noch nicht so ganz glauben. Das Thema – eine unbekannte Region rund 900 Kilometer von Berlin entfernt – würde auch in jungen Zielgruppen ziehen. Und es müsste auch mit mehr Botschaft ankommen. So scheinen – wieder Ergebnis ungewollten Mithörens von Pausendialogen –  sich hauptsächlichWissensextrakte wie ‚in Polen gibt’s keine Autobahnen‘, ‚in Polen laufen viele noch in Trachten herum‘ und ‚die Bahn in Polen ist eine Katastrophe‘ in den Wissenspäckchen der Teilnehmer angelangt zu sein. Vielleicht könnte es helfen, so ein Thema anderswo und andersartig zu platzieren. In Outdoortempeln zum Beispiel, oder in Schulen. Oder an der Uni. So, wie es ansatzweise auch schon vom Polnischen Fremdenverkehrsamt versucht wird.

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