Mit religiösem Auftrag und politischer Mission

Kopernikus-Denkmal in Torun.

Kopernikus-Denkmal in Torun (Thorn)

(Toruń, JE) Es ist kein Geheimnis: Radio Maryja (RM), der sagenumwobene Sender mit kirchlicher Mission hat seinen Sitz in Toruń – dieser malerischen Universitätsstadt an der Weichsel, in die es auch den Autor dieses Beitrags fürs Erste verschlagen hat. Zeit für einen Annäherungsversuch.

Was ist dran an dem Phänomen ‚Radio Maryja‘? Ein Radiosender als Sprachrohr der katholischen Kirche, dessen Anhänger ehrfurchtsvoll moherowe berety (in Anspielung an die spezifischen Mützen der häufig älteren Damen) genannt werden, dessen Chef, Pater Rydzik, Polen schon mal als ‚totalitären Staat‘ bezeichnet und gleichzeitig von Politikern hofiert wird.

Nicht einfach zu verstehen

Fürs Erste wollen wir es bei einer Betrachtung aus der Distanz belassen, aus sicherer Entfernung sozusagen. Sowieso gilt: Bei Radio Maryja handelt es sich um etwas, das man – insbesondere als Zugezogener – nicht auf den ersten Blick erfassen kann. Mir jedenfalls ist keine vergleichbare Institution im west- beziehungsweise mitteleuropäischen Raum bekannt. Beim vorsichtigen Herantasten könnten beispielsweise Untersuchungen und Umfragen helfen.

Die Radio Maryja-Familie

Eine solche Studie führte unlängst das Institut Millward Brown durch, die Ergebnisse sind auf der Website der Rzeczpospolita nachzulesen (http://www.rp.pl/artykul/686323-Kto-slucha-Radia-Maryja.html). Dieser Untersuchung zufolge schalten etwa eine Million Polen täglich den katholischen Sender aus Toruń ein. Damit liegt dieser auf dem fünften Platz der Rangliste polnischer Radiosender. Das wäre auf Deutschland übertragen in etwa so, als würde die Übertragung des sonntäglichen Segens im Fernsehen in den Charts ganz oben mitspielen.

Zwar hat RM in den letzten zehn Jahren fast die Hälfte seiner Hörer verloren, doch ging es zuletzt wieder aufwärts. Interessanter noch ist allerdings die Frage, wer den Sender eigentlich einschaltet. Seine Hörer sind mehrheitlich weiblich (61 Prozent) und fortgeschrittenen Alters, vielfach Rentner – 48 Prozent sind zwischen 60 und 75 Jahre alt. In der jungen Generation (15-24 Jahre) findet RM dagegen kaum Anklang, sie macht laut Umfrage nicht einmal fünf Prozent der Hörerschaft aus. Das Besondere an der Anhängerschaft RMs ist neben der spezifischen Altersstruktur vor allem die Tatsache, dass sie gut organisiert ist: In der so genannten ‚Familie Radio Maryja‘. Diese ist so gut wie kaum eine andere Interessengruppe in der polnischen Gesellschaft Gruppe gefestigt. Laut dem Politologen Dr. Artur Wolek folgen die RM-Sympathisanten festen politischen Überzeugungen und gehen (bei einer insgesamt äußerst niedrigen Wahlbeteiligung in Polen) zuverlässig wählen.

Politische Verbindungen

Diese Eigenschaft macht sie, die ‚RM-Familie‘, ohne Frage interessant für die Politik. Insbesondere die Oppositionspartei PiS sucht immer wieder die Nähe der Toruner Gemeinschaft. Bewusst schlossen sich im Juli zahlreiche PiS-Abgeordnete dem RM-Pilgerzug zur Jasna Góra in Czestochowa, der katholischen Wallfahrtsstätte in Polen, an. Vor Ort sprachen nacheinander Parteichef Jaroslaw Kaczyński und RM-Anführer Pater Rydzik. Kaczyński dankte dabei Letzterem für die Unterstützung in der Post-Smolensk-Episode. Das Signal war eindeutig; die PiS setzt bei den anstehenden Parlamentswahlen auf die RM-Familie als wichtigen Partner und betont die gemeinsamen katholisch-konservativen Werte. Auf diese Weise kann sich die PiS als Gegenpart zur regierenden PO positionieren, die offen etwa über ‚in-vitro‘ und die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften nachdenkt, wie die Rzeczpospolita berichtet. Mit der PO lag RM zuletzt im Clinch. Rydzik beschwerte sich bei einem Treffen mit Europaparlamentariern in Brüssel heftig über die polnische Regierung, warf ihr Diskriminierung und Totalitarismus vor, woraufhin Außenminister Sikorski (PO) einen Brief an den Vatikan schickte.

Abstruse Weltanschauung

Abgesehen von der Verbindung zur konservativen Rechten, wofür steht Radio Maryja? Diese Frage gilt es weiter zu erforschen. 20 Jahre Sendergeschichte lassen sich nicht einfach in einem Absatz abhandeln. Fangen wir an mit den Vorwürfen: DIE ZEIT schrieb 2006, „traditionell mischen sich in erzkonservativen Ansichten der Moderatoren antisemitische und homophobe Hasstiraden“. Die streng religiösen Botschaften, die der Sender verbreitet, bieten vermutlich gerade vielen kranken und ausgeschlossenen (religiöser formuliert: sinnsuchenden) Menschen Halt und Orientierung. Dabei bleibt es jedoch nicht. Rydzik nutzt RM als Plattform um gegen selbst ausgemachte Feinde zu wettern. Zu diesen zählen „außenpolitisch jene schattenhaften deutsch-jüdisch-europäischen ‚Verschwörer‘, die angeblich darauf aus sind, Polen zu unterjochen, innenpolitisch aber jeder, der nicht ’national‘ gesinnt ist und ‚katholisch‘ – also Kommunisten und Liberale ebenso wie gemäßigte Konservative oder Homosexuelle“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

 

Fortsetzung folgt.

 

Links:

http://www.zeit.de/online/2006/16/radio_mariya

http://www.faz.net/artikel/C31325/polen-radio-maryja-und-seine-feinde-30185621.html

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