Moje Nalewki – Eine Kindheit im jüdischen Warschau um 1900

Der jüdische Stadtteil Muranów in Warschau um die Jahrhundertwende

(Bottmingen, HF) Bernard Singer wurde 1893 in Warschau geboren und verlebte seine Kindheit im jüdischen Stadtteil Muranów. Polen.pl möchte mit den Zusammenfassungen der von unserem Autor Hauke ins Deutsche übertragenen Jugenderinnerungen Singers einen Blick auf das jüdische Warschau vor dem Holocaust ermöglichen. Hier erscheint der zweite Teil der Zusammenfassung, die Singers Kindheit betrifft. Der erste Teil befindet sich hier.

Bernard Singer – Meine Kindheit

„(…) Ich erinnere mich, dass wir in der Nalewkistraße 37 in einem großen Haus mit drei Höfen wohnten. Damals wurden drei Zimmer mit Küche für sieben Personen nicht für eine enge Wohnung gehalten. Seit der Kindheit war ich in Gesellschaft älterer. Bis dahin konnte ich immer bei ihnen bleiben. Zu einer bestimmten Zeit las man ganze Monate lang irgendwelche Geschichten und seufzte ständig. Es weinte die Mutter, es weinte Mutters Schwester. Wie ich erst bedeutend später erfuhr, waren dies die Folgen von Dreyfus‘ Schicksal. Beim Lesen war die Küchentür geschlossen. Man wollte nicht, dass die christliche Hausangestellte vom jüdischen Unglück erfuhr.

An bestimmten Tagen fürchtete man sie sogar und bedauerte, dass die Dienerin keine Jüdin war. Am Ostersamstag kehrte sie mit verweinten Augen aus der Kirche zurück. Man konnte die Ursache dafür leicht erahnen. Die Weiber vor der Kirche an der Freta- oder Świętojerskistrasse wussten doch, dass die Juden Christus ermordet hatten.

Wenn sich Fronleichnam näherte, breitete sich Unruhe im jüdischen Stadtteil aus. Es könnte durch Zufall irgendetwas Schweres auf den Kopf der in der Prozession mitlaufenden fallen – vielleicht würde es zu Unruhen kommen. Noch mehr fürchteten wir uns vor der Fronleichnam-Oktav. An der Oktav trug man Bilder von Kirche zu Kirche. Auf unseren Straßen liefen in der Prozession Handwerker, Wächter und Diener. Einige Tage vorher warnte man in den Synagogen, dass die Fenster geschlossen bleiben sollten. Der Tag verlief friedlich, aber wer Angst bekam, den schluckte sie. (…)

Seit der Kindheit war ich an den Anblick Armer und an verschiedene Formen von Bettelei gewöhnt. Eine Schar von Bettlern zog durch die jüdischen Häuser. An Werktagen konnte man sich vor den Hilfsleistungen davonstehlen. Am Freitag jedoch erlaubte man den Armen in die Wohnungen einzutreten, wo sie im Vorzimmer je einen Groschen erhielten. Dieser gemeinsame Vorbeimarsch der Bettler und Krüppel dauerte von morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit. Im Verlauf der gesamten Woche, mit Ausnahme der Samstage, wurden die Höfe zur Arena für Auftritte von Bettlern. Jene, die an der Schwelle zur magischen Kunst standen, erregten in mir keine Abscheu. Wenn jedoch auf dem Hof ein blinder Gerber erschien und sang: „Was soll das Leben, wozu Gesundheit, wenn ich kein Augenlicht besitze? Ich bin blind!“ warf ich ihm aus dem Fenster eine Kopeke zu und ersehnte, dass er schnellstens unseren Hof verließe.

Wie jede jüdische Familie besaßen wir sogenannte ehrenhafte Arme. Irgendeine entfernte Tante, Sura Jenta, erschien ein paar Mal im Jahr, um Pessachwasser, ein Los für eine ausländische Lotterie oder Hefe zu verkaufen. Zuerst hörte ich ein Murmeln, später sah ich, wie sie ins Vorzimmer trat.

Mittellose Verwandte baten normalerweise nicht um Hilfe, aber wenn schon, dann konnte man diese Bitte nicht abschlagen. Es ging um ein Almosen für die Aussteuer der Verlobten oder für die Befreiung des Sohnes vom Militärdienst. Man sprach darüber nur im Stillen, aber man verhandelte über die Höhe des Almosens. Sie kamen auch, um in ehrenhafterer Art zu betteln. Man lieh auf Wechsel, um ein Geschäft für die Jungvermählten zu gründen. Man wusste im Voraus, dass niemand den zu Protest gegangenen Wechsel zurückzahlen würde. (…)

Den Kindern brachte man bei, dass man sich von verschiedenem Unglück mit Almosen freikaufen könne. In jüdischen Häusern hatte man zu diesem Zweck Sparbüchsen. Von zwei Kopeken (vier Groschen) die ich im Laufe des Tages „verdiente“, gab ich mindestens drei Groschen den Bettlern. Ich erinnere mich aus späterer Lektüre des Mendele Mocher Seforim (1) an den Reichtum an jüdischen Bezeichnungen für Bettler: kapcan, dałfan, sznorer, bettler, ureman.

Von ihm lernte ich die ganze Wahrheit, bereits die erste Handvoll Eindrücke reichte aus, um meine Heiterkeit zu verlieren. Vielleicht hatte ich damals diesen Eindruck; vor dem Hintergrund des Überlebenskampfes der nächsten Jahre und im Feuer der Hölle verschwanden bessere Erinnerungen. Trotz allem fiel es mir schwer, dieser Zeit viel fröhliches zu entringen. Es scheint mir, dass ich auf meinem Hof keine Ausnahme war. Ich erinnere mich weder an Spiele, noch an Freude in größerem Maßstab.

Sehr früh lehrte man mich, Polnisch zu sprechen, aber man gab mir keine Bilderbücher. Obwohl wir recht wohlhabend waren, besaß ich kein Spielzeug. Zwei Holzstecken, der eine grösser, der andere kleiner – das war alles. Das Spiel nannte sich Klipa. Erst als ich fünf Jahre alt wurde, erfolgte eine gewisse Abwechslung, Freude über die erste gekaufte Kinderkleidung oder über die Schühchen. Bis zu dieser Zeit arbeitete man mir Alte um.

Soweit ich mich erinnere, schloss man sich in den Hofmauern ein. Spaziergänge in Gesellschaft meines Vaters kamen selten vor. Ab und zu nahm mich die Dienerin mit; wir gingen zu Brońplatz oder zur Kirche. Ich musste schwören, dass ich zu Hause nichts erzähle. Ich ging niedergeschlagen zurück; ich fürchtete ihren Gott.“

(1) Pseudonym des Schriftstellers Schalom Abramowicz (1836-1917), der als Vater der modernen hebräischen und jiddischen Literatur gilt.

Bernard Singer, 1893 Warschau – 1966 London; Journalist und Publizist. (Nicht zu verwechseln mit dem Nobelpreisträger Isaak Baschewis Singer.) Er stammte aus einer Kaufmannsfamilie und studierte (1914-1917) Polonistik an der Freien Universität Polens (Wolna Wszechnica Polska). Anfänglich war er Lehrer für Jüdische und Polnische Geschichte an polnisch-jüdischen Mittelschulen in Warschau und Lodz. Die journalistische Tätigkeit begann er mit der Zusammenarbeit mit dem Organ der Jüdischen Volkspartei (Fołkisci), dem „Łodzer Fołksbłat“. Während einiger Zeit war er Parteisekretär, bevor er sich den Zionisten anschloss.

Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er erneut in Warschau und widmete sich der Publizistik. Er erwarb den Ruf eines herausragenden politischen Kommentators und Berichterstatters aus dem Sejm. Er galt als bestens informierter Journalist und schrieb zweiwöchentlich politische Rundschauen, Reportagen und Feuilletons. In den Jahren 1920 – 21 war er Korrespondent an der Friedenskonferenz in Riga.

Nach Ausbruch des Krieges im September 1939 wurde er zusammen mit anderen Journalisten durch das Polnische Aussenministerium evakuiert. Zufällig wurde er 1940 in Riga durch den NKWD festgenommen und in ein Lager in Workuta eingewiesen. Als Ergebnis der Verständigung Stalins mit General Władysław Sikorski wurde er freigelassen und in der Polnischen Botschaft in Kubischew in der Presseabteilung beschäftigt. Im Jahr 1942 begab er sich zusammen mit der Armee von General Anders in den Iran und nach bald danach ging er nach London, wo er Mitarbeiter des Informations- und Dokumentationsministeriums wurde. Ab 1946 war er Redakteur der Zeitschrift „The Polish Weekly“, die von der Polnischen Botschaft herausgegeben wurde. 1950 nahm er als politischer und ökonomischer Kommentator die Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung „The Economist“ auf. Nach dem Krieg besuchte er Polen mehrfach.

Singer wird als herausragende Persönlichkeit der polnischen Presse der Zwischenkriegszeit anerkannt. Im Jahr 1962 erschien eine Auswahl seiner Vorkriegs-Feuilletons Od Witosa do Sławka (Paris, Biblioteka Kultury 1962; Warschau 1990). Seine Erinnerungen Moje Nalewki (Warschau 1959, 1993) wurden mehrfach aufgelegt.

Quelle: Polnisches Wörterbuch der Judaistik (Polski Słownik Judaisticzny) des Jüdischen Historischen Instituts (Żydowski Instytut Historyczny)

 

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