Museum der Geschichte der polnischen Juden – Neue Beziehungsbasis für Juden und Polen?

Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau, Foto: Marek Łoś

Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau, Foto: POT (Polnische Tourismusorganisation), Marek Łoś

(Bottmingen, HF) Zum 70. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes 1943 wird am 19. April das im Entstehen befindliche Museum für die Geschichte der polnischen Juden (Muzeum Historii Żydów Polskich) seine Tätigkeiten aufnehmen. Es wurde seit 2007 gegenüber dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos in Warschauer Stadtteil Muranów gebaut. Nach Eröffnung seiner Multimediaschau anfangs 2014 soll das Museum für alle die am polnischen jüdischen Erbe interessiert sind, wichtiger Bezugspunkt werden. Ebenso soll es dem sich vollziehenden Wandel in den Beziehungen zwischen Polen und Juden Ausdruck geben.

Erste Aktion: Den Ghettoaufstand in Erinnerung rufen

Hunderte von Freiwilligen werden am 19. April und an den darauf folgenden zwei Tagen in den Straßen Warschaus gelbe Papiernarzissen verteilen. Narzissen erinnern mit ihrer Blütezeit im April an den Zeitpunkt des Ghettoaufstandes von 1943. Vielsagendes Ziel der Aktion ist es, unter den heutigen Warschauern den jüdischen Aufstand gegen ihre Deportation in die Vernichtungslager und die Liquidierung des Ghettos (wieder) bekannter zu machen. Er wird vom jährlich im August begangenen Jahrestag des militärischen Aufstandes der Heimatarmee 1944 gegen die deutschen Besatzer stark in den Hintergrund gedrängt und ist vielen in der jungen Generation nicht mehr bekannt. Dies soll sich ändern.

Lange vorbereitende Arbeiten

Die Initiative zur Gründung des Museums der Geschichte der polnischen Juden ergriff die Vereinigung des Jüdischen Historischen Instituts (ŻIH). Dank  Schenkungen von Einzelpersonen und Institutionen aus der gesamten Welt war es möglich, 1995 die Arbeit am Museum zu beginnen und sie als gemeinschaftliche Initiative bis zum Jahr 2005 fortzuführen. Die Finanzierung des Museumsgebäudes erfolgt durch die öffentliche Hand, während die Vereinigung des jüdischen Historischen Instituts  die Finanzierung und Organisation des Schaffensprozesses der Hauptausstellung verantwortet.

Identitätsstiftendes Museumskonzept von europäischer Bedeutung

Das Museum für die Geschichte der polnischen Juden soll mehr sein, als nur ein Ausstellungsgebäude. Es hat eine in die Zukunft von Juden und Polen gerichtete identitätsstiftende und damit versöhnende Mission: Mit seiner Tätigkeit soll die fast verloren gegangene Erinnerung an die tausendjährige Geschichte polnischer Juden wiederhergestellt werden. Mit dieser Erinnerung soll, wie das Museum auf seiner Homepage  seine Mission beschreibt, die Einrichtung dazu beitragen, dass „einzelne sowie Gruppen von Polen und Juden eine moderne Identität aufbauen können“. Das bedeutet, dass sich Polen und Juden als Teil dieser Geschichte begreifen können und das Museum zu einem Instrument der Versöhnung zwischen Juden und Polen werden könnte, vorausgesetzt, man will sich darauf einlassen.

Begegnungs- und Diskussionszentrum

Das Museum sollte nach Vorstellungen der Macher jedoch vor allem ein Ort der Begegnung und Diskussion von Menschen werden, die das Bedürfnis haben, die Vergangenheit und die gegenwärtige jüdische Kultur besser kennen zu lernen. Es ist auch für jene gedacht, die sich mit Stereotypen auseinandersetzen möchten und die Fremdenfeindlichkeit und nationalistische Vorurteile eingrenzen wollen. In diesem Sinne möchten die Gründer einen Ort schaffen, der die Ideale der Offenheit, Toleranz und des Rechts hochhält.

Nachdenken über das Zusammenleben von Juden und Polen

Eine der wesentlichen Aufgaben des Museums wird aber die Unterstützung von unterschiedlichen lokalen und gesamtpolnischen Initiativen sein, deren Ziel es ist, erneut über die Erfahrungen aus dem Zusammenleben der jüdischen und der polnischen Gemeinschaft nachzudenken. Dabei wird nach den Überlegungen der Gestalter das Museum eine Art Portal, das eine allgemeine Orientierung ermöglicht und alle Interessierten an diesen Ort leitet, an welchem gleichermaßen an die hellen und dunklen Kapitel der polnisch-jüdischen Vergangenheit erinnert wird.

Außergewöhnliches neues Gebäude

Am 19. April wird nicht nur an den Aufstand erinnert, auch der oberirdische Teil des spektakulären vom finnischen Architekturprofessor Rainer Mahlamäki und seinem Kompagnon Ilmari Lahdelma entworfenen Museumsgebäudes wird das erste Mal der Öffentlichkeit geöffnet. Der Architekt versteht das Gebäude als einen strahlenden Leuchtturm im öffentlichen Raum, der Zukunft und Hoffnung symbolisieren soll. Ähnlich wie beim Bau des Berliner Jüdischen Museums des Architekten Libeskind soll das tragische Schicksal der polnischen Juden auch hier im Gebäude ablesbar werden. Der sich durch den Kubus ziehende Riss erinnert an den Bruch in ihrer Geschichte.

Begegnung unterm Dach – Herzstück im Keller

Das Museumsgebäude besitzt vier oberirdische und zwei Stockwerke unter der Erde. Letztere werden ab 2014 die eigentliche multimediale Hauptausstellung beherbergen. In den oberen Stockwerken befinden sich ein Konferenzraum für bis zu 480 Personen, zwei kleinere Veranstaltungssäle sowie die Mitarbeiterbüros. Darüber hinaus stehen dort Räume für wechselnde Ausstellungen zur Verfügung. Das Museum besitzt zudem einen Kino- und einen Konzertsaal sowie ein Restaurant und ein Café.

Polnische jüdische Geschichte in acht multimedialen Galerien

Das Herzstück des neuen Museums befindet sich in den Untergeschossen. Die Hauptausstellung des Museums der Geschichte der polnischen Juden wird aus verschiedenen Galerien bestehen, die auf einer Grundfläche von über 4000 m2 die tausendjährige Geschichte der weltweit größten jüdischen Gemeinschaft anschaulich machen. Anstelle von Ausstellungsgegenständen werden die Besucher mit einer interaktiven Erzählung zur Geschichte, Kultur und jüdische Religion an das polnische Judentum herangeführt.

Die Geschichte der tausendjährigen jüdischen Präsenz in polnischen Landen wird in acht Galerien unter folgenden Titeln erzählt: Der Wald; Erste Begegnungen (Mittelalter), Paradisus Iudeaorum (15. bis 16. Jhdt.); Das Schtetl (17. bis 18. Jhdt.); Die Herausforderungen der Moderne (19. Jhdt.); Die Zweite Republik: Die Vernichtung und Nachkriegszeit. Den symbolische Abschluss der Ausstellung wird eine Galerie mit vorübergehendem Charakter unter dem Titel Das Erbe bilden. (Detailliertere Erläuterungen zu den Inhalten der Galerien sind in englischer Sprache hier zu finden)

Hoffnung auf weltweite Wirkung auf Juden

Visionär stellt man sich vor, dass hunderttausend Juden jährlich nach Polen reisen, um im Museum wichtige Information zu sammeln, die es gestatten, eigene Reisepläne in Polen bewusst nach den Orten ihrer eigenen Familiengeschichte zu gestalten.

Corinne Evens, eine der prominenten Unterstützerinnen des Museumsprojektes, sprach vor einigen Jahren die Hoffnung aus, dass „das Begründen eines modernen Multimediamuseums für Polen und insbesondere für Warschau von Vorteil sein wird und dass Juden aus der ganzen Welt anfangen werden, Polen zu besuchen und nicht nur, um die Konzentrationslager zu sehen. Wenn dieses Museumsprojekt von Polen und Juden akzeptiert wird, dann wird das eine bedeutende Nachricht für ganz Europa sein, ein grosser Schritt nach vorn, ähnlich wie die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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  1. Pole

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