Nachdenken nach dem Schock

Sejm, Warszawa (AK)

Angeblich wollte der Attentäter eine Bombe während der Abstimmung zum Haushalt im polnischen Parlament zünden.

(Hamburg, JE) Der Anschlag auf das polnische Parlament wurde glücklicherweise vereitelt und hat doch auch unvollendet eine Debatte angestoßen. Am Dienstag wurde bekanntgegeben, dass bereits am 9. November ein Wissenschaftler aus Krakau festgenommen wurde, der ein Sprengstoffattentat auf den Sejm geplant hatte. Der polnische Geheimdienst ABW hatte den Mann observiert, nach dem er offenbar bei der Analyse der polnischen Kontakte des norwegischen Rechtsextremisten Breivik auf seinen Namen stieß. Auch der jetzt inhaftierte Chemiker aus Krakau besitzt anscheinend ein nationalistisch bis fremdenfeindliches Weltbild, lesen wir auf newsweek.pl.

Premier Tusk wandte sich in einer Pressekonferenz nach der Meldung an seine Parlamentskollegen: „Jeder Staat ist in seinen Fundamenten gefährdet, wenn die öffentliche Debatte und später das Handeln großer gesellschaftlicher Gruppen von Gewalt eingenommen wird“. Es sei „höchste Zeit, dass sich alle gegen die Verwendung von Gewalt in der Sprache und im Handeln aussprechen“. Diese Wörter richte er ausdrücklich an alle Fraktionen im Sejm von links nach rechts. Auch die katholische Kirche rief die Regierung diesbezüglich zu Hilfe, erfahren wir auf newsweek.pl.

Über die Verrohung der politischen Kultur wird in Polen schon lange diskutiert. Gerade im Zusammenhang mit der Smolensk-Tragödie wurden die verbalen Vorwürfe an die Regierung zuletzt immer heftiger. Auf Demonstrationen der rechtsgerichteten Opposition wurde teilweise ziemlich direkt zu Gewalt an Premier Tusk oder Präsident Komorowski aufgerufen, ohne dass die Organisatoren sich davon öffentlich distanziert hätten. Die Annahme, dass ein solches politisches Klima die tatsächliche Ausübung physischer Gewalt gegen politisch Andersdenkende begünstigt, scheint vor dem Hintergrund der Nachrichten dieser Woche ohne Frage berechtigt.

 

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Comments
  1. Lothar
  2. DerFelek

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