Nationalgeschichte lokal verstehen

Erinnern heißt Verantwortung übernehmen: Gedenkstein in der Gedenkstätte Treblinka, Foto: J. Preidel

Erinnern heißt Verantwortung übernehmen: Gedenkstein in der Gedenkstätte Treblinka, Foto: J. Preidel

(Berlin, JP) Jugendliche aus Polen, Deutschland, Israel und der Ukraine können sich ab September gemeinsam in einem Projekt der Kreisau-Initiative e.V. unter dem Titel „Once upon today…/ Es war einmal heute…“ mit den historischen Narrativen ihrer Heimatländer auseinander setzen. Dazu besuchen die jungen Geschichtsforscher mehrere Treffen in Berlin, Wrocław (Breslau) und Krzyżowa (Kreisau). Anschließend sollen in Mikroprojekten lokale geschichtliche Mythen und Leerstellen der Erinnerung in der unmittelbaren Wohnumgebung der Teilnehmer untersucht werden.

Erinnerung und Nicht-Erinnerung

Was hat die Geschichte meines Landes mit meinem Leben heute, meinem Verhältnis zu anderen Menschen und meinen europäischen Nachbarn zu tun?  Diese Frage erforschen ab September 40 junge Menschen aus vier Ländern.  Sie erarbeiten in drei Begegnungen nicht nur Berührungspunkte zwischen ihren Biografien und der Geschichte ihrer Heimatländer. Vielmehr sollen die Teilnehmer vor allem nach den Ereignissen, Fakten, Personen und individuellen Erfahrungen fragen, an die öffentlich NICHT erinnert wird. Ihnen soll es darum gehen, andere und gegensätzliche Perspektiven auf die Geschichte kennen und verstehen zu lernen.  Dies beschränkt sich nach dem Willen der Veranstalter nicht ausdrücklich auf nationale Gemeinschaften, sondern schließt ebenso die Erfahrungen unterschiedlicher sozialer Gruppen und nationaler Minderheiten in den einzelnen Ländern ein. Die anschließenden Mikroprojekte dienen der Dokumentation und Aufarbeitung von konkreten „Leerstellen der Erinnerung“ im lokalen Umfeld der Teilnehmenden.

Das friedliche Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft erfordert vor allem Verständnis für andere Perspektiven und Positionen. Geschichtsschreibung und Erinnerung sind demgegenüber immer subjektiv und oft sogar innerhalb der Bevölkerung eines Landes divers. Narrative sind diese kollektiven Deutungen von Ereignissen, die über Medien, Erzählungen und Schulbücher systematisch verbreitet und als „gemeinsame Wahrheit“ aufgebaut  werden. Gegebenenfalls münden sie in nationale Mythen, die Fakten ausblenden oder diese in andere Kontexte setzen. Nicht selten führt die unterschiedliche Interpretation vergangener Ereignisse zur Abgrenzung von „anderen“ oder gar zu anhaltenden Feindseligkeiten und gewaltsamen Konflikten.

Die Initiative-Kreisau e.V.  ist Teil des Kreisauer Netzwerks um die Begegnungs- und Gedenkstätte Kreisau. Diese erinnert an die Aktivitäten des so genannten „Kreisauer Kreises“ um den früheren Gutsbesitzer Helmuth James Graf von Moltke und bietet vielfältige Bildungsprojekte und -programme an. Ihre Tradition ist die der Kreisauer Aktivisten, die ab 1940 Pläne  für eine demokratische politisch-gesellschaftliche Neuordnung Deutschlands nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus entwickelten und eine gesamteuropäische Integration forderten.

68 Jahre nach der Zerschlagung des „Kreisauer Kreises“ mit seinen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen einenden Zukunftsvisionen durch  die Verhaftung  Moltkes im Jahr 1944 verfolgt das Projekt „Once upon today…/ Es war einmal heute…“ einen umgekehrten Ansatz. Der Versuch, anderen Menschen über ihre Perspektive auf historische Ereignisse näher zu kommen, startet am 21.09.2012 mit der ersten Begegnung in Berlin. Bis zum 30. Juni 2012 besteht auch für potentielle Teilnehmer aus Deutschland und Polen noch die Möglichkeit zur Anmeldung. Nähere Informationen finden Interessierte auf der Internetseite der Kreisau-Initiative e.V.

Finanziert wird das Projekt „Once upon today…/ Es war einmal heute…“ durch Mittel aus dem EU-Programm „Jugend in Aktion“, der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung und des evangelischen Arbeitskreises für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau. Weitere Projektpartner sind Dom Spotkań z Historią, Fundacja Krzyżowadla Porozumienia Europejskiego, Anne Frank JBS, Evangelische Akademie Arnoldshain, Ivan Franko National University of Lviv, Center for Educational Initiatives, Ramat Negev Regional Council und das Masar Institute of Education.

Weitere Informationen: kreisau.de

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