Neue Erkenntnisse zum Flugzeugabsturz von Smolensk

LOT 4, Warszawa (Warschau) Okecie Flughafen. Foto: Polen.pl (BD)

Suche nach Absturzsursachen dauert an. Foto: Polen.pl (BD)

(Bremen, JE) In weniger als fünf Wochen jährt sich zum ersten Mal die Tragödie von Smoleńsk, bei der das Flugzeug des polnischen Präsidenten während des Landeversuchs verunglückte und alle Insassen mit in den Tod riss (Polen.pl berichtete). Absolute Klarheit über den Unfallhergang gibt es weiterhin nicht. So langsam jedoch fügen sich die gewonnenen Erkenntnisse aus verschiedenen Untersuchungskommissionen und -berichten zu einem Gesamtbild zusammen, das erste Schlüsse zulässt.

 

Streit vor dem Start

Einen möglicherweise entscheidenden Hinweis lieferte vor gut einer Woche der polnische Fernsehsender TVN 24. Die Überwachungskameras des Flughafens haben, wie jetzt bekannt wurde, unmittelbar vor dem Start des Fliegers einen Streit zwischen General Andrzej Błasik, Chef der polnischen Luftwaffe, und dem ersten Piloten der Maschine, Kapitän Arkadiusz Protasiuk, aufgezeichnet. Auch Der Spiegel berichtete über diese Meldung (siehe http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747704,00.html). Die Aufnahmen verfügen zwar über keinen Tonmitschnitt, der eine solche Auseinandersetzung eindeutig beweist, doch hat die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza inzwischen einen Zeugen dafür aufgetrieben und seine Aussagen veröffentlicht. Der Personenschützer wolle mitbekommen haben, dass sich Błasik und Protasiuk auf dem Rollfeld heftig angegangen sind, da letzterer ohne weitere Informationen über die Wetterbedingungen in Smoleńsk gar nicht erst starten wollte. Błasik habe den Kapitän letztlich mit eindeutigen (anscheinend ziemlich vulgären) Worten ins Cockpit geschickt und dem Präsidenten persönlich die Startbereitschaft des Flugzeugs verkündet.

 

Vorauseilender Gehorsam

Damit wird die Theorie, dass starker mentaler Druck auf den Piloten (entgegen dessen Willen zu fliegen und entgegen der Empfehlung des Towers in Smoleńsk zu landen) eine Hauptursache des Unfalls darstellt, immer wahrscheinlicher. Ob Luftwaffenchef Błasik dabei angetrunken war, wie die russischen Ermittler behaupteten, oder nicht, dürfte eher keine Rolle spielen. Viel wichtiger erscheinen eventuelle persönliche Motive des Generals. Die Gazeta Wyborcza hält es für plausibel, dass dieser in einem Akt ‚vorauseilenden Gehorsams‘ handelte, um seine Kandidatur für ein hochrangiges Amt Polens bei der NATO in Norfolk, USA nicht zu gefährden. Präsident Kaczyński habe Błasik’s Bewerbung unterstützt, Verteidigungsminister Klich sich dagegen für jemand anderes ausgesprochen. Eine Verstimmung des ersten Mannes im Lande durch eine Verzögerung des Starts oder gar Abbruch des Trips wollte der General daher – so die Interpretation der GW-Redakteure – um jeden Preis vermeiden. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang die hohe symbolische und politische Bedeutung der geplanten Gedenkveranstaltung in Katyń, zu der die 96-köpfige Delegation aufbrach. Es durfte nichts schiefgehen und gerade deshalb geschah es.

 

Verhängnisvoller Druck

Weiterhin sind viele Fragen rund um das Unglück nicht beantwortet: Warum war der Tower in Smoleńsk ausgerechnet am Tag des erwarteten Besuchs von Kaczyński und seinen Begleitern anscheinend mit weniger Meteorologen besetzt als normal? Hat der Pilot des ersten Flugzeugs mit größtenteils Journalisten an Bord, das am selben Morgen unter schwierigsten Bedingungen auf dem Flughafen landete, tatsächlich Protasiuk ermuntert, zu landen? Fragen wie diese gibt es einige. Auf die Antworten werden wir noch länger warten müssen. Die verhängnisvolle Rolle von Luftwaffenchef Błasik ist jedoch nicht mehr wegzudiskutieren. Nach der „Standpauke“ (Der Spiegel) vor dem Start hielt er sich entgegen der Vorschriften während des Fluges im Cockpit auf, scheinbar um die Kontrolle über den ‚aufmüpfigen‘ Piloten zu behalten. Die Landung zu verweigern und damit ein zweites Mal gegen den Vorgesetzten aufzubegehren, das hat sich Protasiuk vielleicht nicht mehr getraut, obwohl es – das wissen wir heute – die richtige Entscheidung gewesen wäre. Die Ausübung von psychischem Druck auf den Piloten war mit Sicherheit nicht die einzige Ursache der Katastrophe und dennoch – so ist nach den letzten Entwicklungen anzunehmen – wäre diese wohl nicht passiert, hätten die Piloten ganz einfach ihren Job machen können.

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  1. Juergen
  2. Anna

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