Neue Impulse beim Lokomotivbau in Polen

Impuls 45 WE in den Farben der Masowischen Eisenbahnen

Impuls 45 WE in den Farben der Masowischen Eisenbahnen

(Hanau, CS) Die Nacht vom 28. auf den 29. August 2015 markiert ein besonderes Datum im polnischen Schienenverkehr. Es gelang dem polnischen Triebfahrzeughersteller NEWAG S.A. mit dem Elektrotriebwagen „Impuls 45 WE“ auf einem 35 Kilometer langen Abschnitt der Zentralen Eisenbahnmagistrale (Centralna Magistrala Kolejowa), den Geschwindigkeitsrekord von 226 km/h für Schienenfahrzeuge ausschließlich polnischer Produktion aufzustellen.

Auch ein anderer polnischer Schienenfahrzeughersteller, die PESA S.A. , verfolgt ehrgeizige Pläne und führte am 30. Mai diesen Jahres mit dem Triebwagen „PESA Dart“ Geschwindigkeitstests durch. Mit ihnen konnte die Marke von 200 km/h durchbrochen werden.

Diese Ereignisse hatten in der polnischen Medienlandschaft ein starkes Echo  und bereits nach kurzer Zeit erschienen Artikel über die Sinnhaftigkeit der Beschaffung des Hochgeschwindigkeitszuges „Pendolino“ (siehe Artikel: Pendolino – Meilenstein oder Milionengrab?).

Wann kommt nun der echte „polnische Pendolino“?

Leider müssen die Erwartungen etwas gedämpft werden, denn auch wenn beide Hersteller bewiesen haben, dass Ihre Züge die 200 km/h Marke knacken können, so werden diese zunächst mit einer von den Polnischen Staatsbahnen festgelegten Geschwindigkeit von 160 km/h unterwegs sein.

Um einen Zug für eine bestimmte Geschwindigkeit zulassen zu können (hier: 160 km/h), müssen die Antriebs- und Bremssysteme, die Stromabnehmer sowie die Wagenkästen Belastungstests, u.a. mit einer Überschreitung der zugelassen Geschwindigkeit von 10 Prozent, unterzogen werden.

Die gute Nachricht ist also, dass sowohl der Triebwagen „Impuls“ als auch „Dart“ die Zulassung für 160 km/h problemlos erhalten werden, wobei der „Impuls“ sogar eine Zulassung für 200 km/h erhalten könnte. Letztere wäre die höchste Geschwindigkeit, mit der ein „Pendolino“ auf polnischen Strecken fahren könnte.

Die weniger gute Nachricht besteht darin, dass erfolgreich absolvierte Tests allein nicht dazu führen, dass solche Züge von Heute auf Morgen mit 200 km/h unterwegs sein werden. Die Konstruktion muss entsprechend angepasst werden, um einen gefahrlosen Betrieb bei regelmäßig höheren Geschwindigkeiten zu gewährleisten. Außerdem müsste die Energieversorgung aufgrund des höheren Stromverbrauchs angepasst werden.

Beide Hersteller betonen, dass diese Tests dazu dienen, um Erfahrungen für den zukünftigen Bau von Hochgeschwindigkeitszügen zu sammeln. Der Triebwagenhersteller NEWAG ist etwas konkreter und gibt an, dass im Jahr 2018 der erste Hochgeschwindigkeitszug die Serienreife erreichen kann.

 

„Impuls 45WE“ – Sinnbild für Entwicklung und Fortschritt der NEWAG S.A.

NEWAG Impuls 45WE in den Farben der Masowischen Eisenbahnen

NEWAG Impuls 45WE in den Farben der Masowischen Eisenbahnen

Am Anfang des Jahres 2000 drohte der NEWAG S.A. mit Sitz in Nowy Sącz [Neu Sandez] das finanzielle Aus. Von ihrer Gründung im Jahr 1876 bis in die späten 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts befasste sich die NEWAG hauptsächlich mit der Instandsetzung von Lokomotiven und Eisenbahnwaggons. Als zu Beginn des Jahres 2000 die Aufträge zurückgingen, entschloss man sich zu umfassenden Restrukturierungsmaßnahmen, um den Bertieb zu erhalten. Neben der reinen Instandsetzung, spielte neu auch die Modernisierung bestehender Fahrzeuge sowie deren Neukonstruktion eine immer stärker werdende Rolle für die Firma.

Bereits 2005 konnte der erste selbstständig entwickelte Elektrotriebwagen „19 WE“ vorgestellt werden. Nur 10 Jahre später gelang es einem Ingenieurteam mit einem Durchschnittsalter von 31 Jahren, mit dem Elektrotriebwagen „Impuls 45 WE“ nicht nur den erwähnten Geschwindigkeitsrekord aufzustellen, sondern auch den Konkurrenten beim Schienenfahrzeugbau in Polen, die PESA S.A., beim Wettstreit um die Entwicklung eines Hochgeschwindigkeitszuges ernsthaft herauszufordern.

Der  Triebwagen „Impuls 45 WE“ wurde hauptsächlich für den Regional- und Interregioverkehr konzipiert. Zwölf solcher Triebwagen werden in den nächsten Monaten von den Koleje Mazowieckie [Masowische Eisenbahnen] in den Einsatz übernommen. Außerdem konnte die NEWAG in diesem Jahr ihren ersten Exporterfolg verbuchen. Fünf, möglicherweise zehn Dieseltriebwagen wurden nach Italien verkauft.

„PESA Dart“ – ein Konkurrent des „Pendolino“?

Werksgelände PESA

Werksgelände der PESA S.A. –  auf Modernisierung oder Instandsetzung wartende Lokomotiven

Auch die PESA S.A., gegründet 1851 in Bydgoszcz [Bromberg], befasste sich bis Ende der 90er Jahre des vergangen Jahrhunderts mit der Instandsetzung von Eisenbahnfahrzeugen. Zu Beginn des Jahres 2000 wurden dann die ersten Diesel- und Elektrotriebwagen selbstständig produziert. Im Gegensatz zur Firma NEWAG, kann die PESA bereits beachtliche Exporterfolge, u.a. nach Deutschland, Italien, Tschechien und Litauen vorweisen.

Der Triebwagen „Dart“ wurde von Anfang an als Traktionsfahrzeug für Fernverkehrszüge konzipiert. Zwanzig solcher Triebwagen sollen ab Dezember 2015 auf den Strecken Jelenia Góra – Wrocław – Warszawa – Białystok/Lublin sowie Białystok/Lublin – Warszawa – Katowice – Bielsko-Biała verkehren.

Der „Dart“ ist bereits ab Werk mit dem Europäischen Zugsicherungssystem ETCS-2 ausgestattet, so dass eine Datenübertragung sowohl von der Fahrbahn zum Fahrzeug als auch umgekehrt möglich ist. ETCS-Systeme sind Zugsicherungssysteme, mit deren Hilfe ein sicherer, grenzüberschreitender Zugverkehr innerhalb der EU gewährleistet werden soll.

Darüber hinaus besitzen die Züge u. a. W-LAN, Signalverstärker für Handys, Steckdosen, ein Gastronomieabteil sowie Toiletten mit Wickelräumen.

Nahaufnahme PESA Dart

Nahaufnahme PESA Dart

Das polnische Onlinemagazin „rynek-kolejowy.pl“ führte einen Vergleich zwischen dem PESA „Dart“ und dem „Pendolino“, hinsichtlich Geschwindigkeit, Fahrkomfort, Ausstattung und Sicherheit durch. Der „Pendolino“ erreichte bei Tests 293 km/h und ist in Polen für 250 km/h zugelassen, sodass er hierbei scheinbar im Vorteil liegt. Dieser Vorteil wird jedoch aufgrund des Zustands des polnischen Streckennetzes relativiert, da der „Pendolino“ momentan nur auf knapp 80 Kilometern eine Geschwindigkeit von 200 km/h erreichen kann. Ab Dezember 2015 soll dann auf weiteren Streckenabschnitten die Geschwindigkeit auf 200 km/h erhöht werden. Wann jedoch eine Geschwindigkeit von über 200 km/h möglich sein wird, ist momentan noch nicht abzusehen. Somit hat dieser Vorteil eher einen theoretischen Charakter und fällt in der täglichen Fahrpraxis nicht ins Gewicht.

Hinsichtlich anderer Vergleichskriterien, kann der „Dart“ durchaus mit dem „Pendolino“ mithalten. Der „Dart“ schlägt den „Pendolino“ vor allen hinsichtlich W-LAN-Nutzung und dem Telefonieren per Handy deutlich. Auch ist die Anschaffung des „Dart“ günstiger als die des „Pendolino“.

Der vielleicht wichtigste Vorteil des „Dart“ gegenüber dem „Pendolino“ ist aber seine ausschliessliche Produktion in Polen, die Arbeitsplätze im Lande schafft, eigene Know-How-Entwicklung fördert und Einnahmen aus möglichen Exporten erwirtschaftet.

Fazit

Die beiden Triebfahrzeughersteller NEWAG als auch PESA können nach schwierigen Jahren nun sehr interessante und vielversprechende Fahrzeuge präsentieren, die mit westlichen Konstruktionen konkurrieren können. Beide Hersteller können mit ihren Neuentwicklungen die Rekordgeschwindigkeit des „Pendolino“ (293 km/h) zwar noch nicht erreichen, aber dies stellt in Hinblick auf die auf absehbarer Zeit weiterhin geltendeBeschränkung der Höchstgeschwindigkeit auf polnischen Eisenbahnstrecken kein Problem dar. Aktuell und in absehbarer Zeit wird ein Triebwagen mit dem entsprechenden Rollmaterial, die für 200 km/h zugelassen sind, vollkommen ausreichen.

Beide polnische Produzenten haben bewiesen, dass sie in der Lage sind, solche Triebwagen zu entwickeln. Es scheint, als hätten die Polnischen Staatsbahnen besser auf polnische Hersteller gesetzt, als einen teuren Zug zu beschaffen, der auf absehbare Zeit sein Potential nicht ausschöpfen können wird.

Man kann die polnische Beschaffung des „Pendolino“ mit einem Haus vergleichen, bei dessen Bau zunächst das Dach gebaut und erst zum Schluss das Fundament errichtet wird.

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