Zu viel Normalität zwischen Deutschland und Polen?

Fernsehturm Berlin. Foto: Polen.pl (JW)

Berlin: Die deutsch-polnische Buchhandlung Buchbund in Berlin-Neukölln bot eine spannende Podiumsdiskussion

(Berlin, JW) Die Debatte in Polen – und ein wenig auch in Deutschland – um Erika Steinbach in ihrer Rolle als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen brachte Deutschland in das mediale und gesellschaftliche Bewusstsein der Polen. Brachte: Denn es ist schon einige Jahre her, dass die Aufregung um Positionen der Frau Steinbach die polnischen Gemüter flächendeckend bewegt hat. Heute reagiert die polnische Gesellschaft kaum noch auf früher entflammende Reize wie die anstehende Errichtung des Zentrums gegen Vertreibung in Berlin. Nicht nur diese Tatsache, sondern auch einige weitere Aspekte waren Grundlage der Diskussion, die am Freitagabend in der deutsch-polnischen Buchhandlung Buchbund in Berlin stattfand.

Warum interessieren sich immer weniger Polen für Deutschland?

Vor gut anderthalb Jahren titelten wir anlässlich einer Konferenz noch: ‚Deutsche interessieren sich nicht für Polen‚. Diese Aussage dreht Kamila Mazurek in ihren Thesen kurzerhand um: Immer weniger Polen interessieren sich für Deutschland. Belege, Gründe und Analysen zu dieser These sammelte Mazurek als Mitherausgeberin in dem neu erschienen Buch ‚Deutsche und Polen gemeinsam im sich vereinigenden Europa. Chancen und Herausforderungen‘. Eine spannende Diskussion verhieß die Besetzung des Podiums: So diskutierten nicht nur die Erstellerin der Thesen, Kamila Mazurek, sondern auch der schon auf der Konferenz 2011 anwesende Polen-Korrespondent und Autor Gerhard Gnauck aus Warschau sowie mit Jacek Tyblewski ein Moderator des Funkhaus Europa. Moderiert wurde von Joanna Czudec, die für die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit tätig ist.

Die die Diskussion souverän leitende Moderatorin formulierte die naheliegende Gegenthese der ‚Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Polen‘: Nach ihrer Auffassung wird die deutsch-polnische Beziehung durch die Entlastung von historischen Lasten und die Annäherung etwa auf wirtschaftlicher Ebene zunehmend normaler und damit auch langweiliger. Das jedoch sei unkritisch und positiv zu werten, denn Normalität sei ein erstrebenswerter Zustand. Die vergangene Exotik beiderseits verschwände eben nach und nach durch die gemeinsame europäische Integration.

Eine Art von Normalität

Gerhard Gnauck, der immer wieder tiefgehende Überlegungen zum deutsch-polnischen Verhältnis anstellte und dabei auch ein positives Bild seiner journalistischen Arbeit als Korrespondent vermittelte, hinterfragte zunächst den Begriff der Normalität. Seiner Auffassung nach sei auf gesellschaftlicher Ebene schon sehr früh eine enge Zusammengehörigkeit mit einem hohen Maß an Selbstverständlichkeit entstanden. Deutsch-polnische Ehen, Migration und Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher Ebene sind Dimensionen, in denen Deutschland und Polen schon lange viel enger zusammenarbeiten, als beide Länder es jeweils mit anderen Nationen tun. Auf politischer Ebene hingegen sei die Normalität erheblich jünger. Und historisch könne, so Gnauck, niemand ernsthaft verlangen, dass sich vor dem Hintergrund der Geschichte eine gleichartige Normalität wie etwa zum gern verglichenen deutsch-französischen Verhältnis bilde. Eine deutsch-polnische Normalität sei daher naturgemäß immer eine andere als zum Beispiel die zwischen Deutschland und Frankreich. Allerdings: Auch Gnauck bestätigte, dass die Relevanz deutscher Themen in Polen zurückgegangen sei. Seine These dazu: Der Weg Polens nach Europa führe heute nicht mehr zwingend über Deutschland, sondern funktioniere auch direkt. Das polnische Selbstbewusstsein sei kräftig genug, sich nicht nur am westlichen Nachbarn zu messen. Und dass sei oft keine emotionale Frage, sondern eben eine wirtschaftliche oder politische.

Ergänzt wurde in der Diskussion vom zweiten männlichen Diskussionsteilnehmer Tyblewski, dass die Annäherung eben kein linearer Prozess sei, und sowohl gesellschaftsbezogen wie auch regional sehr unterschiedlich verlaufe. Daher sei es kaum überraschend, dass man sich sich Grenzregionen eben sehr viel näher für das andere Land interessiere, als an anderen Orten. Auch wies er zurück, dass die von Seiten Deutschlands erst sehr spät eröffnete Arbeitnehmerfreizügigkeit gegenüber Polen tatsächlich ein Hinderungsgrund für eine frühere Normalisierung der Beziehungen gewesen sei: Die Kreativität der Menschen habe dafür gesorgt, dass ein Austausch auch während der eingeschränkten Freizügigkeit entstand, wenn auch die Rahmenbedingungen suboptimal waren.

Mangel an schlechten Nachrichten

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten für Journalisten: Kein Geheimnis, aber vielleicht ein Grund für das nachlassende Interesse, so Gnauck. Weder gibt es noch einen Kaczynski als Präsidenten, über den man sich in Deutschland aufregen könne, noch sorgen Themen aus Deutschland für Aufregung in Polen. Sogar die EM habe – abgesehen vom sportlichen Aspekt – tadellos geklappt, die Klischees funktionieren oft nicht mehr und Steinbachs Aussagen seien polnischen Medien kaum mehr eine Titelseite wert. Selbst kuriose aktuelle Themen wie Leichenwagen-Diebstähle schaffen es nicht mehr auf den Olymp der Top-Themen. Nach Gnauck seien die emotional denkenden deutsch-polnischen Pioniere anders geprägt als die nachrückenden Generationen, die das deutsch-polnische Verhältnis sehr viel sachlicher und weniger historisch geprägt sähen.

Das bestätigte Kamila Mazurek aus ihren Untersuchungen dahingehend, dass die Geschichte besonders für gut ausgebildete Polen nicht mehr eine so zentrale Rolle spiele. Die Dämonisierung der Geschichte als prägendes deutsch-polnisches Element sei heute den bildungsfernen Schichten Polens vorbehalten, die aber immer weniger würden. Wenn auch Gnauck einen ’neuen Patriotismus‘ ausmachte, so fanden die Podiumsteilnehmer gemeinsam zur Aussage, dass sich die Auseinandersetzung mit der Geschichte versachlicht habe.

Als der Funkhaus-Moderator einen Satz mit „Wir trauen den Deutschen nicht mehr zu…“ beginnt, wird diese These anschaulich inszeniert: Nach übereinstimmenden Feststellungen hat in Polen niemand mehr Angst vor einem Überfall aus Deutschland. Vielmehr wird auch keine Bestätigung aus Deutschland mehr benötigt; die Vision des ökonomischen Einholens Deutschlands ist schon zu überraschend hohen Teilen erreicht. So endet der Satz dann auch mit „…dass die Deutschen uns verstehen„. Dies wird anschließend noch konkretisiert: Die Deutschen haben auch in der Vergangenheit nicht mehr oder weniger verstanden; es sei heute einfach für Menschen in Polen nicht mehr so wichtig, dass Deutsche ihr Land, ihre Geschichte und ihre Gesellschaft verstehen. Natürlich kommt das Verstehenwollen auf beiden Seiten noch bestens an, aber es ist nicht mehr essenziell für eine gute Beziehung.

Als ein Gast aus dem Publikum nach den von ihm noch immer beobachteten Minderwertigkeitskomplexen in Polen fragt, gibt es noch einmal spannende Antworten: Der ‚Kleinheitskomplex‘ sei durch nationale Ziele bereits deutlich abgebaut, aber ja, man müsste das nationale Ziel mit Blick auf Europa oder etwa globale Themen noch einmal erneuern. Auch seien es weniger tatsächliche Minderwertigkeitskomplexe, sondern stattdessen eine ausgeprägte hysterische Selbstbetrachtung bis hin zur Selbstkritik, die in Polen für den Anschein des Selbstzerfleischens sorge. Und das in Fällen, in denen in Deutschland manchmal eine Entschuldigung beispielsweise eines fehlverhaltensbeschuldigten Politikers ausreiche.

Wissen und Medien

Die Tendenz des Gesprächs, sich stark mit der Rolle der Medien zu befassen, ist bei der Podiumsbesetzung nicht überraschend. So bekamen die Medien und vor allem diejenigen, die die Medien finanzieren, noch ihr Fett weg: Durch immer geringere Budgets für Auslandskorrespondenten, den Verzicht auf den Einsatz qualifizierter Journalisten im Ausland und die Jagd nach ‚Reißer-Themen‘ würden das Wissen über das jeweils andere Land gezielt dezimiert. So gäbe es nach wie vor Themen, in denen ein hohes Diskussionspotenzial zwischen Deutschland und Polen besteht. Genannt wird unter anderem die Energiepolitik. Doch: Dank der Einsparungen für die Berichterstattungen würden solche Diskussionen kaum geführt.

Erkenntnisse? Normalität.

Auf der Suche nach neuen Erkenntnissen aus der Diskussion bleibt festzuhalten, dass es in erster Linie eine einzige Feststellung ist: Die Normalität hat in die deutsch-polnische Beziehung hat Einzug gehalten. Und Normalität heißt, es ist sachlicher geworden. Das muss nicht schlecht sein, denn man kann nun konstruktiver und zielgerichteter an die Herausforderungen der Zukunft herangehen. Zum Beispiel energiepolitische, globale und ökologische Themen.

Veranstalter: Polnisch-Deutsche Gesellschaft in Krakau, Young Polish International Network und Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) Polen

Deutsch-polnische Buchhandlung Buchbund

Film ‚Eine Nacht in der Galerie‚, der im Rahmen der Veranstaltung empfohlen wurde, um sich die deutsch-polnische Geschichte auf neue Art und Weise vor Augen zu führen

 

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